26. Juli 1544: Johannes a Lasco berichtet über Menno Simons
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Am 26. Juli 1544 setzte der ostfriesische Reformator Johannes a Lasco in Emden einen Brief an den Theologen Albert Hardenberg auf. In einem kurzen, deutlich polemischen Satz berichtete er, Menno Simons halte sich nun vor allem im Erzstift Köln auf und gewinne dort Einfluss. Die beiläufige Bemerkung ist heute ein wichtiges Zeugnis für Mennos Weg aus Ostfriesland an den Niederrhein.

Zwei Reformatoren begegnen sich in Emden
Emden und Ostfriesland waren in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts Zufluchtsorte für zahlreiche Glaubensflüchtlinge aus den Niederlanden. Unterschiedliche reformatorische und täuferische Richtungen trafen hier aufeinander. Johannes a Lasco, aus dem polnischen Hochadel stammend und seit 1543 Superintendent der ostfriesischen Kirche, bemühte sich um eine einheitliche reformierte Kirchenordnung. Menno Simons dagegen wirkte als reisender Ältester der friedfertigen Täufer, die nach dem Zusammenbruch des gewaltsamen Täuferreiches von Münster eine biblisch begründete, gewaltlose Gemeinde aufbauen wollten.
Vom 28. bis 31. Januar 1544 führten a Lasco, Menno und weitere Teilnehmer in der Franziskanerkirche zu Emden ein mehrtägiges Religionsgespräch. Verhandelt wurden unter anderem die Erbsünde, die Rechtfertigung, die Menschwerdung Christi und die Berufung kirchlicher Diener. In einzelnen Fragen fanden die Gesprächspartner Annäherungen; in entscheidenden Lehrpunkten blieben sie getrennt. Dennoch berichtete Menno später, man habe sich zunächst in Frieden voneinander verabschiedet.

Menno verlässt Ostfriesland
Die Lage der Täufer blieb jedoch unsicher. Kaiserliche Mandate verlangten ihr scharfes Vorgehen, und auch die ostfriesische Regierung geriet unter Druck. A Lasco setzte zwar stärker auf Gespräche und Prüfungen als auf eine unterschiedslose Verfolgung aller Täufer. Zugleich wollte er die von ihm geordnete Kirche aber klar von den täuferischen Gemeinden abgrenzen. Menno verließ Emden wenige Monate nach der Disputation. Viele seiner Anhänger blieben in Ostfriesland zurück und wurden bereits damals zunehmend nach ihm als Mennoniten bezeichnet.
Für Menno begann erneut ein Leben auf Reisen. Seit dem kaiserlichen Plakat von 1542 war auf seine Ergreifung eine Belohnung ausgesetzt. Er konnte daher nur im Schutz vertrauenswürdiger Glaubensgeschwister wirken, predigen und Gemeinden besuchen. Seine Wege sind in den Quellen meist nur punktuell zu erkennen. Gerade deshalb besitzt a Lascos Brief vom Juli 1544 einen besonderen Wert.

Menno wirkt im Kölner Erzstift
Am Ende seines Briefes an Albert Hardenberg kam a Lasco auf Menno zu sprechen. Die entscheidende lateinische Zeile lautet: „Sed scio Mennonem versari nunc potissimum in episcopatu Coloniensi et fucum facere multis.“
„Ich weiß aber, dass Menno sich jetzt vor allem im Kölner Erzstift aufhält und vielen etwas vormacht.“Johannes a Lasco an Albert Hardenberg, Emden, 26. Juli 1544
Der Ausdruck „fucum facere“ ist keine neutrale Beschreibung. Er kann mit „täuschen“, „blenden“ oder „etwas vormachen“ übersetzt werden und lässt erkennen, wie kritisch a Lasco Mennos Lehre inzwischen beurteilte. Zugleich bestätigt die Notiz, dass Menno im Sommer 1544 im Gebiet des Kölner Erzbischofs tätig war. Gemeint ist das ausgedehnte Erzstift Köln und nicht zwingend die Stadt Köln selbst.
Mennos Wirken am Niederrhein
Der Niederrhein bot Täufern zeitweise bessere Möglichkeiten als die streng kontrollierten Niederlande. Der Kölner Erzbischof Hermann von Wied versuchte damals, in seinem Territorium eine evangelische Reform durchzuführen. In dieser unübersichtlichen Lage konnten verschiedene reformatorische Gruppen vorübergehend Fuß fassen. Täuferische Netzwerke bestanden entlang des Rheins und der Maas; wandernde Prediger verbanden kleine, oft im Verborgenen lebende Gemeinden miteinander.
Ältere Darstellungen ordnen Menno in dieser Zeit häufig eine weit ausgreifende Tätigkeit bis nach Bonn, Wesel oder Roermond zu. Die neuere Forschung mahnt jedoch zur Vorsicht. A Lascos Brief belegt Mennos Aufenthalt im Kölner Erzstift, nicht aber jede später mit ihm verbundene Ortsangabe. Ebenso darf aus seinem persönlichen Ansehen nicht ohne Weiteres auf eine von ihm allein geführte, fest organisierte Täuferbewegung am gesamten Niederrhein geschlossen werden. Menno wirkte in einem größeren Netzwerk von Ältesten, Predigern und Glaubensgeschwistern.

Aus dem Gespräch wird ein theologischer Schriftwechsel
Die Auseinandersetzung von Emden war mit Mennos Abreise nicht beendet. Besonders die Lehre von der Menschwerdung Christi blieb umstritten. Menno wollte die vollkommene Sündlosigkeit des Herrn Jesus Christus schützen und vertrat eine besondere, aus dem melchioritischen Täufertum übernommene Auffassung darüber, wie Christus Mensch geworden sei. A Lasco hielt dem die in der alten Kirche formulierte Lehre entgegen, dass Christus seine menschliche Natur wirklich von Maria angenommen habe.
1545 veröffentlichte a Lasco in Bonn seine lateinische Schrift „Defensio verae semperque in ecclesia receptae doctrinae de Christi Domini incarnatione, adversus Mennonem Simonis Anabaptistarum doctorem“. Schon der Titel machte den Anspruch deutlich: A Lasco wollte die seiner Ansicht nach stets von der Kirche angenommene Lehre von der Menschwerdung Christi gegen Menno verteidigen. Ein erhaltenes Exemplar befindet sich heute in der Johannes a Lasco Bibliothek in Emden.

Ein kurzer Satz von großer Bedeutung
A Lascos Brief vom 26. Juli 1544 besteht nicht hauptsächlich aus Nachrichten über Menno Simons. Gerade die beiläufige Erwähnung macht ihn jedoch wertvoll. Sie zeigt, dass Menno wenige Monate nach dem Emder Religionsgespräch Ostfriesland verlassen hatte, im Gebiet des Kölner Erzbischofs wirkte und von reformierten Theologen bereits als ein einflussreicher Gegner wahrgenommen wurde.
Der scharfe Ton des Satzes erinnert zugleich daran, wie tief die Lehrunterschiede zwischen Reformierten und Täufern waren. Trotzdem wurde die Auseinandersetzung mit Worten, Gesprächen und Schriften geführt. Menno blieb seiner Berufung treu, friedfertige Gemeinden zu sammeln und Menschen zu einem Leben in der Nachfolge Jesu Christi zu rufen. A Lascos kurze Notiz bewahrt daher nicht nur eine Reiseangabe. Sie lässt erkennen, wie der verfolgte Täuferführer mitten in einer gefährlichen Zeit weiterwirkte und wie weit sein Einfluss bereits reichte.
Quellen:
Primärquelle: Johannes a Lasco an Albert Hardenberg, Emden, 26. Juli 1544, in: Abraham Kuyper (Hg.), Joannis a Lasco Opera tam edita quam inedita, Bd. 2, Amsterdam/Den Haag 1866, S. 574–578, besonders S. 576.
Porta Polonica: „Johannes a Lasco“, besonders zum Religionsgespräch mit Menno Simons und zur Defensio von 1545.
Johannes a Lasco Bibliothek: Katalogeintrag zu Defensio verae semperque … adversus Mennonem Simonis, Bonn 1545, VD 16 L 586.
Cornelius Krahn: „Menno Simons (1496–1561)“, Global Anabaptist Mennonite Encyclopedia Online (GAMEO).
Theo Brok: „Framing Religious Leadership in Dutch Nationalist Confessional Historiography: Anabaptism on the Lower Rhine in the 1540s–1550s“, Journal of Early Modern Christianity, 2024.
Bildnachweise:
Johannes a Lasco, Philips Galle, 1567 – Wikimedia Commons/Porta Polonica, Public Domain.
Menno Simons, Christoffel van Sichem, um 1608/1610 – Universitätsbibliothek Amsterdam/Wikimedia Commons, Public Domain.
Emden, Braun und Hogenberg, 1575 – Biblioteka Narodowa/Polona/Wikimedia Commons, Public Domain.
Köln, Anton Woensam, 1531/1537 – Wikimedia Commons, Public Domain.
Titelblatt der Defensio, Bonn 1545 – Johannes a Lasco Bibliothek, Emden/Porta Polonica.




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