23. September 1860: Das Ringen um die Taufform

Die erste Taufe, die von der Mennoniten-Brüdergemeinde durchgeführt wurde, fand am 23. September 1860 im Fluss Kuruschan bei Gnadenfeld in der Kolonie Molotschna statt. Mit diesem Ereignis wurde eine Taufform eingeführt, die für das weitere Gemeindeleben der Mennoniten-Brüdergemeinde von großer Bedeutung werden sollte. Der Entscheidung für die Untertauchung waren jedoch eingehende Beratungen, das Lesen verschiedener Schriften und vor allem ein ernstes Forschen im Wort Gottes vorausgegangen.
Die Taufe im Gründungsverständnis der Gemeinde
Als sich die Mennoniten-Brüdergemeinde am 6. Januar 1860 von der bestehenden Mennonitenkirche trennte, bekannte sie sich ausdrücklich zur Taufe auf den persönlichen Glauben. Die Taufe sollte das Bekenntnis eines Menschen bestätigen, der durch Buße und Glauben ein neues Leben mit Christus begonnen hatte. Sie sollte nicht lediglich die Zugehörigkeit zu einer kirchlichen Gemeinschaft ausdrücken und auch nicht einen nur äußerlich erlernten Glauben besiegeln.
Über die äußere Form der Taufe war zu diesem Zeitpunkt jedoch noch keine endgültige Entscheidung getroffen worden. Die Brüder waren sich über die Bedeutung der Glaubenstaufe einig, hatten aber noch nicht gründlich untersucht, ob die Taufe durch Begießen oder durch vollständiges Untertauchen vollzogen werden sollte. Sie übernahmen zunächst das ihnen aus der Mennonitenkirche bekannte Verständnis, ohne die Taufform selbst zum Gegenstand einer besonderen Beratung zu machen.
Peter M. Friesen weist darauf hin, dass die Frage der Untertauchung nicht erst im September 1860 aus dem Nichts entstand. Einzelne Brüder hatten sich schon früher mit der biblischen Bedeutung der Taufe beschäftigt. Jakob Reimer erinnerte sich später daran, dass ihm bereits in den Jahren 1837 und 1844 Zweifel an der herkömmlichen Taufpraxis gekommen waren. Diese Gedanken führten damals noch nicht zu einer Änderung, zeigen aber, dass die spätere Entscheidung durch eine längere geistliche Entwicklung vorbereitet worden war.
Weitere Anregungen kamen durch religiöse Schriften. Genannt werden die „Friedensglocke“, eine Schrift aus dem Umfeld der Freien Evangelischen Gemeinde in St. Gallen und eine baptistische Abhandlung über die Taufe. Diese Schriften wurden gelesen, besprochen und teilweise heftig angefochten. Sie gaben den Brüdern wichtige Anstöße, doch sie waren nicht die eigentliche Grundlage ihrer Entscheidung. Entscheidend blieb für sie die Frage, welche Taufform dem Zeugnis der Heiligen Schrift entsprach.
Drei Schwestern melden sich zur Taufe
Die unmittelbare Entscheidung wurde durch eine praktische Notwendigkeit herbeigeführt. Am ersten Sonntag im September 1860 meldeten sich drei Schwestern zur Taufe. Diese Frauen waren bisher noch nicht in der Mennonitenkirche getauft worden. Nachdem sie vor der Gemeinde geprüft worden waren und ihr persönliches Glaubenszeugnis abgelegt hatten, erhielt Jakob Becker den Auftrag, sie zu taufen.
Damit stand Becker vor einer Frage, über die er bis dahin offenbar noch nicht eingehend nachgedacht hatte. Er wusste, dass er die Schwestern als gläubig gewordene Menschen taufen sollte. Nun musste aber auch entschieden werden, wie diese Taufe vollzogen werden sollte.
Jakob Becker, der von 1826 bis 1908 lebte, hielt die entscheidenden Vorgänge später in seinem Tagebuch fest. Nach seinem Bericht wussten er und die Brüder seines unmittelbaren Kreises bis zum Anfang des Septembers 1860 nur wenig von der Untertauchungstaufe. Diese Aussage bedeutet nicht, dass innerhalb der ganzen jungen Brüdergemeinde noch niemand über das Untertauchen nachgedacht hatte. Die Erinnerungen Jakob Reimers und die bereits umlaufenden Schriften zeigen vielmehr, dass die Frage bei einzelnen Brüdern schon früher aufgekommen war. Für Becker selbst wurde sie jedoch erst durch den Taufauftrag zu einer dringenden Gewissensfrage.
Das Gespräch mit Johann David Klaassen
In dieser Situation kam Bruder Johann David Klaassen (Claassen) zu Jakob Becker und fragte ihn:
„Nach welcher Form gedenkst du zu taufen?“
Becker war vermutlich davon ausgegangen, die Taufe in der herkömmlichen Weise zu vollziehen. Darauf erklärte Klaassen mit großer Bestimmtheit:
„So wie die Kirche tauft, ist ein schriftwidriges Verfahren.“
Für Becker war eine solche Aussage zunächst etwas ganz Neues. Die Taufe durch Begießen war ihm aus der Mennonitenkirche vertraut. Sie war seit Langem üblich und wurde von angesehenen Predigern und Ältesten vollzogen. Klaassen verlangte jedoch, dass nicht die kirchliche Gewohnheit, sondern die Heilige Schrift über die Taufform entscheiden müsse.
Er verwies zuerst auf Markus 1,9 und 10. Dort wird berichtet, dass Jesus von Johannes im Jordan getauft wurde und anschließend aus dem Wasser stieg. Klaassen fragte Becker, wie der Heiland getauft worden sei. Der Hinweis auf den Jordan und auf das Heraussteigen aus dem Wasser ließ für ihn erkennen, dass die Taufe Jesu nicht nur in einem Begießen mit einer kleinen Menge Wasser bestanden hatte.
Danach erinnerte Klaassen an die Taufe des Kämmerers aus Äthiopien durch Philippus. In Apostelgeschichte 8 wird berichtet, dass beide, Philippus und der Kämmerer, in das Wasser hinabstiegen. Nach der Taufe stiegen sie wieder aus dem Wasser herauf. Klaassen fragte sinngemäß, ob Philippus dem Kämmerer dort nur eine Handvoll Wasser auf den Kopf getan oder über ihn gegossen habe. Für ihn sprach die Darstellung des biblischen Berichtes für eine Taufe, bei der der Täufling vollständig ins Wasser hineinging.
Schließlich stellte Klaassen eine sprachliche Frage. Er wollte von Becker wissen, wie man „taufen“ auf Plattdeutsch nenne. Becker antwortete:
„Depen.“
Dieses niederdeutsche Wort war mit dem Gedanken des Eintauchens oder Untertauchens verbunden. Becker erkannte dadurch, dass schon der ihm vertraute Ausdruck auf eine Handlung hinwies, die mehr bedeutete als das bloße Begießen des Kopfes. Rückblickend bekannte er, dass er nun erst verstanden habe, was taufen bedeute.
Dieses sprachliche Argument allein hätte für die Einführung einer neuen Taufform nicht ausgereicht. Im Zusammenhang mit den biblischen Berichten von der Taufe Jesu und der Taufe des Kämmerers gewann es für Becker jedoch besonderes Gewicht. Die verschiedenen Beobachtungen fügten sich für ihn zu einem einheitlichen Bild zusammen.
Die Prüfung einer Schrift über die Taufe
Johann David Klaassen übergab Becker außerdem ein Heft über die Taufe. Es handelte sich offenbar um eine jener Schriften, durch welche die Brüder mit der baptistischen Taufauffassung bekannt geworden waren. Becker las das Heft gemeinsam mit seinem Nachbarbruder. Aus dem weiteren Verlauf des Berichtes ist zu schließen, dass damit Heinrich Bartel gemeint war, auch wenn er in dem angeführten Tagebuchabschnitt nicht ausdrücklich genannt wird.
Die beiden Brüder nahmen die Aussagen des Heftes nicht lediglich deshalb an, weil sie von Baptisten vertreten wurden. Sie verglichen sie mit der Heiligen Schrift. Die Schriften der Baptisten gaben den Anstoß und halfen ihnen, bestimmte Bibelstellen unter einem neuen Gesichtspunkt zu betrachten. Ihre eigentliche Überzeugung wollten sie jedoch aus dem Wort Gottes gewinnen.
Nach ihrer gemeinsamen Prüfung kamen Becker und Bartel zu einer folgenreichen Erkenntnis. Wenn die Untertauchung die biblische Form der Taufe war, konnten sie diese Taufe nicht an anderen vollziehen, während sie selbst nur durch Begießen getauft worden waren. Sie wollten von den Täuflingen nichts verlangen, was sie nicht auch persönlich zu tun bereit waren.
Becker schrieb darüber, dass sie beide überzeugt wurden, zuerst selbst noch einmal getauft werden zu müssen, ehe sie andere taufen konnten. Damit wurde die Entscheidung für die Untertauchung zugleich zu einer Frage der persönlichen Glaubwürdigkeit der Taufenden. Becker und Bartel wollten ihren Dienst nicht lediglich aufgrund eines gemeindlichen Auftrags ausüben. Sie wollten selbst im Gehorsam gegenüber der von ihnen erkannten Wahrheit stehen.
Die Brüder verstanden ihre bisherige Taufe damit nicht unbedingt als wertloses Ereignis. Sie waren als Mennoniten auf das Bekenntnis ihres Glaubens getauft worden. Nun waren sie jedoch überzeugt, dass die äußere Form dieser Taufe nicht dem biblischen Vorbild entsprochen hatte. Deshalb ließen sie sich untertauchen. In ihrem Verständnis war dies ein Schritt des Gehorsams und nicht bloß eine äußerliche Wiederholung.
Die Beratungen in der Bruderschaft
Die Frage wurde nicht nur zwischen Becker, Bartel und Klaassen besprochen. Auch andere Brüder beschäftigten sich eingehend mit der Taufform. Peter M. Friesen berichtet von ernsten und teilweise lebhaften Auseinandersetzungen. Für die junge Gemeinde war die Entscheidung von großer Tragweite. Sie wollte keine neue Vorschrift einführen, ohne von deren biblischer Richtigkeit überzeugt zu sein.
Die Brüder mussten mehrere Fragen beantworten. War das Begießen tatsächlich mit den neutestamentlichen Taufberichten vereinbar? Bedeutete das griechische und im Niederdeutschen entsprechend verstandene Wort für Taufe ein Untertauchen? Durften Brüder, die selbst nicht untergetaucht worden waren, andere durch Untertauchen taufen? Musste die Gemeinde einer überlieferten kirchlichen Praxis folgen, oder war sie verpflichtet, aufgrund einer neu gewonnenen Schrifterkenntnis anders zu handeln?
Die Untertauchung wurde schließlich aus mehreren Gründen gewählt. Erstens sahen die Brüder darin die Form, die den Berichten über die Taufe Jesu und des Kämmerers am besten entsprach. Zweitens verstanden sie das Untertauchen als die eigentliche Bedeutung des Wortes „taufen“. Drittens brachte die Untertauchung für sie besonders anschaulich die Verbindung des Gläubigen mit dem Tod und der Auferstehung Christi zum Ausdruck. Der Täufling wurde gleichsam mit Christus begraben und aus dem Wasser zu einem neuen Leben emporgehoben. Viertens wollten sie in einer so wichtigen Glaubensfrage nicht bei einer kirchlichen Gewohnheit stehen bleiben, wenn sie diese Gewohnheit nicht aus der Schrift begründen konnten.
Der Weg zum Kuruschan
Peter M. Friesen überliefert neben dem Bericht Beckers noch weitere Einzelheiten über die Vorgänge des 23. September 1860. An diesem Tag hatten Brüder an einer Zusammenkunft in Waldheim teilgenommen. Auf dem Rückweg nach Gnadenfeld kamen einige von ihnen an den Kuruschan. Der Fluss lag ungefähr auf halbem Wege zwischen Waldheim und Gnadenfeld.
Beim Anblick des Wassers wurde das Wort aus der Apostelgeschichte ausgesprochen:
„Siehe, da ist Wasser.“

Damit wurde die Frage unmittelbar. Wenn die Brüder von der biblischen Richtigkeit der Untertauchung überzeugt waren, bestand kein Grund mehr, die Ausführung aufzuschieben. Sie schlugen noch einmal das Neue Testament auf und zogen auch die „Glaubensstimme“ heran. Dieser Hinweis zeigt, dass ihre Entscheidung nicht in einer plötzlichen Erregung getroffen wurde. Selbst am Fluss suchten sie noch einmal nach geistlicher Vergewisserung.
Die Brüder knieten nieder, sangen und beteten miteinander. Danach legten Jakob Becker und Heinrich Bartel ihr Glaubensbekenntnis und ihr Taufversprechen ab. Ein Bruder gab ihnen die nötige Anleitung und sprach den Segen über ihren bevorstehenden Dienst aus. Sein Name wird in dem vorliegenden Bericht nicht genannt.
In hellem Mondschein stiegen Becker und Bartel in das Wasser des Kuruschan. Dort tauften sie sich gegenseitig. Damit empfingen die beiden Männer, welche anschließend die drei Schwestern taufen sollten, zuerst selbst die Taufform, die sie als schriftgemäß erkannt hatten.
Diese gegenseitige Taufe darf nicht als Ausdruck einer Geringschätzung geistlicher Ordnung verstanden werden. Die junge Brüdergemeinde befand sich in einer besonderen Lage. Es gab in ihrer Mitte noch keinen Amtsträger, der selbst durch Untertauchen getauft worden war und nun andere auf diese Weise hätte taufen können. Deshalb ließen Becker und Bartel sich nach erfolgter Unterweisung und Segnung gegenseitig untertauchen.
Danach tauften sie die drei Schwestern, deren Bitte um die Taufe die unmittelbare Entscheidung ausgelöst hatte. Ob diese Taufe am selben Tag oder an einem anderen Tag geschehen ist, kann historisch nicht eindeutig geklärt werden.
Das dreimalige rückwärtige Untertauchen
Nach dem von Otto Wiebe wiedergegebenen Bericht wurden die Schwestern „durch dreimal rücklings Untertauchen“ getauft. Bei dieser ersten Taufe verband man demnach zwei Merkmale miteinander. Die Täuflinge wurden rückwärts in das Wasser gelegt und dieser Vorgang wurde dreimal ausgeführt.
Der vorliegende Text nennt keinen ausdrücklichen Grund für die dreimalige Untertauchung. Es liegt nahe, darin einen Bezug auf die Taufe im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes zu sehen. Dies ist jedoch eine Erklärung, die aus der Handlung erschlossen wird. Sie wird in dem abgebildeten Bericht nicht ausdrücklich gegeben.
Auch die genaue Körperhaltung war zunächst noch nicht endgültig geklärt. In der folgenden Zeit wurde darüber beraten, ob der Täufling nach vorn oder nach hinten untergetaucht werden sollte. Im Winter 1860 und 1861 kam es darüber zu einem Schriftwechsel mit dem Baptistenprediger Ahlf. Besprochen wurde, ob die Taufe kniend und nach vorn oder stehend und nach hinten vollzogen werden sollte.
Für das rückwärtige Untertauchen sprachen nach dem Verständnis der Brüder vor allem praktische Gründe und das Bild des Begrabens. Ein Verstorbener wird rücklings niedergelegt. Da die Taufe nach Römer 6 das Begrabenwerden mit Christus und das Auferstehen zu einem neuen Leben darstellt, erschien das rückwärtige Untertauchen als eine passende und anschauliche Form.
Auch die dreimalige Untertauchung wurde nicht dauerhaft beibehalten. Später kamen die Brüder zu der Überzeugung, dass ein einmaliges vollständiges Untertauchen ausreichend sei. Diese Form setzte sich schließlich in der Mennoniten-Brüdergemeinde durch.
Die weitere Ausbreitung der Taufpraxis
Die Taufe vom 23. September 1860 blieb nicht auf Jakob Becker, Heinrich Bartel und die drei Schwestern beschränkt. Am 9. Oktober wurden Abraham Dyck und Bernhard Penner durch Untertauchen getauft. Am 14. Oktober folgte Isaak Koop. Im Frühjahr 1861 breitete sich die neue Taufpraxis unter den Mitgliedern der neuen Gemeinde weiter aus.
Bis zum Oktober 1861 hatte sich der größte Teil der Brüder und Schwestern durch Untertauchen taufen lassen. Dennoch wurde diese Form anfangs nicht sofort zu einer zwingenden Voraussetzung für die Zugehörigkeit zur Mennoniten-Brüdergemeinde gemacht. Die Brüder wollten offenbar Raum dafür lassen, dass jedes Gemeindeglied aus persönlicher Überzeugung handelte.
Dies zeigt sich auch an Johann David Klaassen. Er hatte Becker nachdrücklich auf die biblischen Taufberichte hingewiesen und damit einen entscheidenden Anstoß zur ersten Untertauchung gegeben. Er selbst wurde jedoch erst nach seiner Rückkehr aus St. Petersburg getauft, also nach dem 30. Juni 1862. Seine eigene spätere Taufe steht nicht im Widerspruch zu seinem früheren Eintreten für die Untertauchung. Sie zeigt vielmehr, dass die Erkenntnis über die Taufform und die persönliche Durchführung bei einzelnen Brüdern zeitlich auseinanderliegen konnten.
In der später entstandenen Brüdergemeinde in Einlage in der Kolonie Chortitza wurde die Untertauchung enger mit der Aufnahme in die Gemeinde und der Teilnahme am Abendmahl verbunden. Dadurch entwickelte sich die Untertauchung allmählich von einer zunächst persönlich erkannten und freiwillig vollzogenen Taufform zu einem festen Kennzeichen der Mennoniten-Brüdergemeinde.
Die Bedeutung der Entscheidung
Die Wahl der Untertauchung war keine bloße Übernahme einer baptistischen Eigentümlichkeit. Baptistische Schriften und Gespräche mit Baptisten halfen den Brüdern bei ihrer Suche. Sie machten sie auf Bibelstellen und auf die Bedeutung des Taufbegriffs aufmerksam. Nach der Darstellung Friesens gelangten die Brüder in der Molotschna jedoch noch vor einem unmittelbaren persönlichen Einfluss baptistischer Prediger zu ihrer grundlegenden Überzeugung.
Die Entscheidung erwuchs aus dem geistlichen Grundanliegen der jungen Gemeinde. Sie wollte das Gemeindeleben in allen wesentlichen Fragen am Neuen Testament ausrichten. Die Brüder waren überzeugt, dass eine erkannte biblische Wahrheit nicht nur besprochen, sondern auch im persönlichen Gehorsam verwirklicht werden müsse.
Gerade darin liegt die besondere Bedeutung des Gesprächs zwischen Johann David Klaassen und Jakob Becker. Klaassen fragte nicht zuerst nach der kirchlichen Überlieferung. Er fragte, wie Jesus getauft worden war, wie Philippus den Kämmerer getauft hatte und was das Wort „taufen“ eigentlich bedeutete. Becker wiederum war bereit, seine bisherige Auffassung prüfen zu lassen. Nachdem er überzeugt worden war, wollte er die neue Erkenntnis zuerst auf sich selbst anwenden, bevor er sie anderen verkündigte.
Die erste Untertauchungstaufe am Kuruschan war deshalb mehr als die Einführung einer äußeren Form. Sie war Ausdruck eines bestimmten Schriftverständnisses. Die Heilige Schrift sollte über der Gewohnheit stehen. Persönliche Überzeugung sollte der kirchlichen Handlung vorausgehen. Die Diener der Gemeinde sollten selbst tun, was sie andere lehrten. Die Taufe sollte sichtbar bezeugen, dass ein Mensch mit Christus gestorben, begraben und zu einem neuen Leben auferstanden war.

So wurde am 23. September 1860 eine Taufpraxis begründet, die das Erscheinungsbild der Mennoniten-Brüdergemeinde bis in die Gegenwart prägt. Was mit der Bitte dreier Schwestern, einer unerwarteten Frage Johann David Klaassens, dem gemeinsamen Lesen eines Taufheftes und dem Forschen in der Heiligen Schrift begonnen hatte, führte zu einer bleibenden Ordnung des Gemeindelebens. Neben der weiterhin bei den kirchlichen Mennoniten üblichen Taufe durch Begießen entstand damals mit der Untertauchung eine eigenständige und parallel bestehende Taufpraxis, die bis heute zu den sichtbaren Unterscheidungsmerkmalen zwischen den kirchlichen Mennoniten und den Mennoniten-Brüdergemeinden gehört.
Quellen:
Peter M. Friesen, „Die Alt-Evangelische Mennonitische Brüderschaft in Russland (1789–1910)“, Halbstadt 1911, besonders die Darstellung der ersten Taufen auf den Seiten 240 bis 245;
Otto Wiebe, „Mennoniten-Brüdergemeinde: Geschichte und Selbstverständnis einer Gemeinde“, Abschnitt „Das Festlegen der Untertauchungstaufe“, einschließlich des dort wiedergegebenen Tagebuchberichtes von Jakob Becker.





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