23. Januar 1834: Erste reguläre Konferenz preußischer Mennonitengemeinden in Schönsee
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Als sich am 23. Januar 1834 Abgesandte mehrerer preußischer Mennonitengemeinden in Schönsee trafen, war das mehr als ein routinemäßiger Sitzungstag im Gemeindeleben. Es war ein Schritt hin zu verbindlicher Abstimmung und gemeinsamer Stimme – in einer Zeit, in der Mennoniten in West- und Ostpreußen zwischen religiöser Eigenständigkeit, staatlichen Anforderungen und großen gesellschaftlichen Umbrüchen ihren Platz sichern mussten. Dass es sich um ein Ereignis mit Gewicht handelte, zeigt schon die Überlieferung: Für diese Konferenz existiert ein Protokollbestand, der mit dem Jahr 1834 einsetzt und archivisch als „Schönsee“ geführt wird.
Schönsee als Tagungsort: Dorf, Gemeinde, Knotenpunkt im Weichselland
„Schönsee“ ist in historischen Quellen nicht immer eindeutig (der Name begegnet auch als Stadtname), doch im mennonitischen Kontext ist häufig die Schönsee-Gemeinde im Kulmer/Weichselraum gemeint (heute meist mit Sosnówka in Verbindung gebracht). Für diese Gemeinde sind frühe mennonitische Ansiedlung, zwei Gemeindeprägungen (flämisch und friesisch) und eine starke Tradition von Schule/Gemeindehaus überliefert.
Dass gerade hier eine Konferenz zusammenkam, passt zur Geografie und zur Praxis: Im Winter war das flache Land der Niederungen zwar beschwerlich, aber die Wege zwischen den mennonitischen Siedlungsinseln waren vertraut – und Schönsee lag in einer Region, in der Mennoniten seit Jahrhunderten wirtschaftlich und gemeindlich präsent waren.
Warum 1834? Der Druck zur gemeinsamen Ordnung
Das frühe 19. Jahrhundert war für die Mennoniten in Preußen eine Phase der Neujustierung:
Staatsbürgerliche Einbindung nahm zu: Verwaltung, Schulwesen, Rechtsfragen und Pflichten wurden stärker vereinheitlicht.
Glaubenspraxis blieb eigenständig (u. a. Wehrlosigkeit/Distanz zum Militär, Eidesproblematik, Gemeindezucht), brauchte aber immer wieder Klärung gegenüber Behörden – und innerhalb der Gemeinden.
Wandel und Mobilität: Schon seit dem späten 18. Jahrhundert hatten Auswanderungen Richtung Russland eingesetzt; Familien- und Gemeindeverbindungen reichten weit. (In Westpreußen selbst blieb zugleich ein dichtes Netz von Gemeinden bestehen.)
In so einer Lage ist eine „erste reguläre Konferenz“ plausibel als Antwort auf praktische Fragen: Wie hält man gemeinsame Standards? Wie spricht man mit Behörden? Wie regelt man Schule, Predigtdienst, Armenpflege, Disziplinfälle – über Gemeindegrenzen hinweg?
Was eine solche Konferenz typischerweise regelte
Die frühen Protokolle der Konferenz der ost- und westpreußischen Mennonitengemeinden (deren Bestand ab 1834 beginnt) zeigen, dass man überhaupt begann, verbindlich zu dokumentieren – ein Kennzeichen von Institutionalisierung. Auch ohne jede einzelne Tagesordnung im Wortlaut hier auszubreiten, lassen sich die Kernfelder benennen, die in vergleichbaren mennonitischen Konferenzen der Zeit regelmäßig verhandelt wurden:
Gemeindliche Einheit und Ordnung
Fragen der Gemeindeaufnahme, des Abendmahls, der Gemeindezucht und der gegenseitigen Anerkennung von Ämtern – wichtig in Regionen mit unterschiedlichen Traditionen (z. B. friesisch/flämisch geprägt).
Predigtdienst und Ausbildung
Wahl/Bestätigung von Predigern und Ältesten, Reisetätigkeit, Unterstützung von Amtsträgern und Witwenkassen waren typische Themen konfessioneller Selbstorganisation im 19. Jahrhundert.
Schule und Jugend
Gerade in Schönsee ist die starke Verbindung von Gemeindehaus und Schulnutzung überliefert; das verweist auf die zentrale Rolle konfessionell geprägter Bildung.
Rechts- und Behördenfragen
Mennoniten mussten ihre Besonderheiten (z. B. Wehrdienstverweigerung, Eidesfragen, Gemeinderechte) immer wieder in das staatliche System einpassen. Solche Fragen wurden häufig nicht mehr nur lokal, sondern koordiniert behandelt.
Was den 23. Januar 1834 so bedeutsam macht
Die Wichtigkeit dieses Datums liegt weniger in einem einzelnen Beschluss welcher auf der Konferenz gefasst wurde, sondern viel mehr in der Form: „als erste reguläre Konferenz“. Dieses Treffen war nicht ein informelles oder ein spontanes, sondern wurde als wiederkehrende, legitimierte Institution verstanden. Die Gemeinden begannen, sich als gemeinsamer Verband zu verstehen – mit Protokollführung, Kontinuität und (langfristig) stärkerer Außenwirkung. Genau dafür steht der überlieferte Protokollbestand, der 1834 beginnt und später bis ins 20. Jahrhundert hinein fortgeführt wurde.
Ein kurzer Blick nach vorn
Für die Mennoniten in Preußen sollte das 19. Jahrhundert weitere Spannungen bringen: Modernisierung, neue staatliche Erwartungen, später auch nationale Umbrüche. Umso wichtiger war ein Instrument, das interne Einheit stärkte und nach außen verlässlich machte, wofür die Konferenz in Schönsee 1834 ein frühes, klares Signal setzte.
Quellen:
Konferenz der ost- und westpreußischen Mennonitengemeinden. Protokolle 1834, 1879–1940 (S. 1–288).Aufbewahrungsort: Mennonitische Forschungsstelle Weierhof, Signatur KB.SC.02 (eingeordnet als „Schönsee“). Bestandsgeschichte u. a. Überführung 1949 nach Uruguay / 2011 zurück nach Weierhof. (Digitalisat/Transkription-Hinweise online verzeichnet).
Kirchenbücher der Mennonitengemeinde Schönsee [Sosnówka], Kreis Kulm – Beständeübersicht und Hinweise zu Überlieferung/Digitalisaten. (Westpreußen.de, Forschungs- und Quellenhilfe).
Schönsee / Sosnówka (Mennonitenkirche, 1618; historische Notizen zur Gemeinde) in: Liste ehemaliger Mennonitenkirchen (u. a. frühe Ansiedlung, flämische/friesische Prägung, Schulnutzung der Gemeindegebäude, Vereinigung 1849).
Schönsee (friesisch): Chronik 1600–1944 und Mitgliederverzeichnis 1910 (Digitalisat-/Bestandsnachweis, Mennonitische Forschungsstelle Weierhof, KB.SC.01; online erschlossen).
Ratzlaff, Gerhard H. P. Mennonite Settlements in Central Poland (Im Weichselbogen …) (PDF; enthält u. a. Bild-/Ortsbezüge zu mennonitischen Stätten im Weichselraum, inkl. Schönsee/Westpreußen-Kontext).




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