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23. Februar 1554: Mennonitische Älteste ringen in Wismar um Kirchendisziplin – auch über die Waffenfrage

Historische Darstellung von Wismar
Historische Darstellung von Wismar

Im Winter 1553/54 war Wismar ein wichtiger Aufenthaltsort von Menno Simons. In dieser Zeit kam es dort nicht nur zu theologischen Streitgesprächen mit reformierten Gegnern, sondern auch zu einer internen Beratung mennonitischer (bzw. niederländisch-niederdeutscher täuferischer) Ältester über Fragen der Gemeindedisziplin. Aus dieser Beratung gingen die sogenannten Wismarer Artikel / Wismarer Beschlüsse (1554) hervor. GAMEO beschreibt sie als Regeln der Kirchenpraxis und Disziplin, mit Schwerpunkten u. a. bei Ehefragen, Gerichtsverfahren und der Gewaltfrage (Nonresistance).


Worum es bei der Synode ging


Die Wismarer Beschlüsse entstanden in einer Phase, in der die jungen Gemeinden unter starkem äußeren Druck standen und zugleich innerlich nach klaren Ordnungen suchten. Entsprechend behandelten die Ältesten Fragen, die den Alltag der Gemeinden direkt betrafen: den Umgang mit „Außenehen“ (Mischehen), die Anwendung des Banns, den Kontakt zu Gebannten, Ehe- und Gewissensfragen sowie das Verhältnis zur Obrigkeit. GAMEO betont, dass gerade die Strenge der Wismarer Disziplinregelungen später umstritten war und zu Konflikten mit süddeutschen/schweizerischen Täufern beitrug.



Die Waffenfrage: bemerkenswert für die frühe mennonitische Geschichte


Besonders interessant ist, dass die Ältesten auch das Tragen von Waffen besprachen. In einer später zitierten Fassung der Wismarer Artikel (Art. VIII) wird unterschieden zwischen dem Tragen eines „ehrbaren“ Stabes bzw. eines nach Landessitte üblichen Degens auf Reisen und dem aktiven Führen von Waffen zur Verteidigung bzw. im obrigkeitlichen Dienst. Diese Passage zeigt, dass die Frage im Jahr 1554 nicht nur theoretisch war, sondern praktisch geregelt werden musste.


Für die mennonitische Geschichte ist das deshalb bedeutsam, weil Mennoniten später oft vor allem mit einer klar formulierten Wehrlosigkeit/Gewaltlosigkeit verbunden werden. Die Wismarer Beratungen zeigen jedoch, dass der Weg zu einer einheitlichen Praxis ein Prozess war – mit Spannungen, regionalen Unterschieden und pragmatischen Übergangsregelungen. Auch neuere Forschung zu Menno Simons’ Verhältnis zur Gewalt ordnet diese Zeit als eine Phase komplexer Aushandlungen ein.


Historischer Kontext: Wismar 1554 unter Druck und Beobachtung


Zur selben Zeit fanden in Wismar Gespräche zwischen Menno Simons und dem reformierten Prediger Marten Micronius statt (u. a. im Februar 1554). Die Lage war politisch und konfessionell angespannt; religiöse Minderheiten standen unter Beobachtung. GAMEO und ältere mennonitische Darstellungen verorten die Wismarer Beschlüsse genau in dieses Umfeld von Streit, Verfolgungsdruck und der Suche nach verbindlicher Gemeindepraxis.


Quellenkritischer Hinweis zum Datum 23. Februar 1554


Der von Ihnen genannte 23. Februar 1554 passt in die Wismarer Ereignisfolge dieses Winters. In der oft zitierten Horsch-Darstellung wird dieses Datum jedoch ausdrücklich mit der Ausweisung englischer Exulanten aus Wismar in Verbindung gebracht, während die Wismarer Beschlüsse selbst meist allgemein auf 1554 (bzw. den Winter 1553/54) datiert werden. Das ist ein wichtiger Unterschied für eine präzise historische Darstellung.


Bedeutung für die mennonitische Entwicklung


Die Wismarer Beratungen von 1554 zeigen die frühe mennonitische Bewegung nicht nur als verfolgte Glaubensgemeinschaft, sondern auch als Gemeinschaft, die bewusst Ordnungen für Lehre, Ehe, Gemeindedisziplin und Alltagsfragen entwickeln wollte. Gerade die Diskussion über Waffen macht sichtbar, wie konkret und lebensnah diese Synoden arbeiteten – und wie sehr spätere mennonitische Identität aus solchen frühen Auseinandersetzungen hervorging.


Quellen:

  • Cramer, S.; Pijper, F. (Hg.): Bibliotheca Reformatoria Neerlandica, Bd. 7. ’s-Gravenhage: M. Nijhoff, 1910 (Wismarer Artikel / Wismarer Beschlüsse, S. 51–53).

  • Simons, Menno: The Complete Writings of Menno Simons, c. 1496–1561. Übers. Leonard Verduin; hg. John C. Wenger. Scottdale, PA: Herald Press, 1956.

  • Horsch, John: Menno Simons: His Life, Labors, and Teachings. Scottdale, PA: Mennonite Publishing House, 1916.

  • GAMEO (Global Anabaptist Mennonite Encyclopedia Online): „Menno Simons (1496–1561)“.

  • AnabaptistWiki: „Wismar Articles (Dutch Anabaptist, 1554)“.

  • McGinnis, Scott: „Menno Simons and the Sword: From Oldeklooster to Wüstenfelde.“ Religions 15, Nr. 11 (2024): 1356.

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