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22. Januar 1871: Mennoniten und Wehrpflicht: Alexanderwohl 1871

Aktualisiert: vor 3 Stunden

Mennonitenkirche in Alexanderwohl, erbaut 1865
Mennonitenkirche in Alexanderwohl, erbaut 1865

Als sich im Winter 1870/71 in den mennonitischen Siedlungen Südrusslands die Nachricht verdichtete, dass das Zarenreich tiefgreifende Reformen plane, traf die Gemeinschaft ein Thema ins Herz: die drohende Einführung der allgemeinen Wehrpflicht – und damit die Frage, ob und wie man den eigenen Grundsatz der Wehrlosigkeit/Nichtresistenz unter veränderten staatlichen Bedingungen bewahren könne. In dieser Lage wurde am 22. Januar 1871 in Alexanderwohl (Molotschna-Kolonie) eine allgemeine Konferenz mennonitischer Ältester und Prediger zu einem entscheidenden Beratungstermin.


Landkarte der Kolonie Molotschna
Landkarte der Kolonie Molotschna

Politischer Hintergrund: Reformdruck und das Ende alter Sonderrechte


Unter Zar Alexander II. standen seit den 1860er Jahren große Modernisierungs- und Vereinheitlichungsvorhaben im Raum. Dazu gehörte – als Kernelement staatlicher Neuordnung – die spätere Einführung der allgemeinen Wehrpflicht (gesetzlich 1874). Für die Mennoniten war das nicht einfach eine „weitere Pflicht“, sondern ein Gewissenskonflikt: Seit ihrer Ansiedlung im Russischen Reich beriefen sie sich auf zugesicherte Privilegien, die ihnen u. a. religiöse Autonomie und Schutz vor militärischem Zwang versprachen – Privilegien, die nun unter dem Druck der Reichsreformen zur Disposition standen.


Bereits am 18. Dezember 1870 hatte man sich in der Alexanderwohl-Kirche erstmals kolonieübergreifend getroffen, um die Lage zu beraten und ein gemeinsames Vorgehen zu planen. Es folgten weitere Zusammenkünfte – die Konferenz vom 22. Januar 1871 markierte dabei den Moment, in dem aus Sorge konkrete politische Aktion wurde.


Die Konferenz in Alexanderwohl: Theologie trifft Realpolitik


Die Beratungen waren zweigleisig:

  1. Glaubensgrundsatz: Für die mennonitische Tradition war der Verzicht auf Waffengewalt keine Nebensache, sondern gelebte Jüngerschaft. Militärdienst – selbst indirekte Beteiligung – wurde als unvereinbar mit dem Evangeliumsverständnis vieler Gemeinden gesehen.

  2. Schutzstrategie: Gleichzeitig war klar, dass ein rein innerkirchliches Bekenntnis nicht genügte. Man musste den Staat adressieren, verhandeln, bitten – und dabei die eigene Loyalität betonen, ohne das Gewissen preiszugeben.


Ein eindrückliches Stimmungsbild liefert ein zeitnaher Tagebucheintrag des Alexanderwohler Predigers Dietrich Gaeddert zum 22. Januar 1871: Er notierte nüchtern und zugleich hoffnungsvoll, man denke nun, „es wird Frieden geben“ – und fügte als Bitte hinzu: „Gott gebe es.“ (sinngemäß/kurz zitiert)


Diese Worte zeigen: Die Konferenz war nicht nur ein politisches Treffen, sondern ein geistliches Ringen – zwischen Angst, Verantwortung, Hoffnung und Gebet.


Die Delegation: Petition an den Zaren als gemeinsamer Schritt


Am 22. Januar 1871 wurde dann der zentrale Beschluss gefasst: Eine Delegation sollte nach St. Petersburg gehen, um beim Hof für eine Ausnahme vom Militärdienst einzutreten. Nach späterer Zusammenfassung wurden vier Delegierte aus der Molotschna und zwei aus Chortitza ausgewählt.


Inhaltlich zielte die geplante Petition auf zwei Punkte:

  • Bestätigung bzw. Erneuerung der alten Privilegien (Religionsfreiheit und Befreiung vom Kriegsdienst).

  • Anerkennung eines Ersatzes, der das Gewissen schont. In den Diskussionen taucht als mögliche Alternative insbesondere Krankenhaus-/Sanitätsdienst auf – eine Form „dienstlicher Loyalität“, die ohne Waffe auskommen sollte.


Die Delegierten erhielten dabei – so die Überlieferung – eine harte Realität mit auf den Weg: Entweder man müsse einen solchen nichtkämpfenden Dienst akzeptieren oder perspektivisch einen neuen Lebensort außerhalb Russlands suchen. Damit war im Kern schon 1871 die Weggabelung sichtbar, die wenige Jahre später die große Auswanderung der 1870er prägte.


Bedeutung des 22. Januar 1871: Ein Wendepunkt auf dem Weg zur „Migrationsfrage“


Rückblickend steht die Alexanderwohler Konferenz vom 22. Januar 1871 für einen Schlüsselmoment mennonitischer Selbstbehauptung:

  • Sie bündelte erstmals kolonieübergreifend eine gemeinsame Stimme.

  • Sie verband Glaubenstreue mit geordnetem politischem Handeln (Delegation, Petition, Verhandlungen).

  • Und sie machte deutlich, dass die Gemeinschaft nicht passiv „erdulden“ wollte, sondern aktiv nach Wegen suchte, Gewissen und Staatsordnung ohne Gewalt miteinander zu vermitteln.


Dass die folgenden Verhandlungsversuche in den nächsten Jahren nur begrenzt Erfolg hatten und die Lage schließlich zur massiven Auswanderungsbewegung beitrug, gehört zur größeren Folgegeschichte – doch der 22. Januar 1871 bleibt der Tag, an dem die Frage des Militärdienstes aus einer beunruhigenden Nachricht zu einer organisierten, gemeinschaftlichen Entscheidung wurde.


Quellen:

  • Bethel College Mennonite Library: Beitrag zur Geschichte der Alexanderwohl-Mennoniten und zur Auswahl von Delegierten (mit Datum Jan. 22, 1871).

  • „Mennonite“ (Bethel College MLA, PDF): Auswertung mit Hinweis auf Dietrich Gaedderts Tagebucheintrag zum 22. Jan. 1871 und die Ältestenkonferenz in Alexanderwohl.

  • „Christian Exponent“ (MLA, PDF): Tagebuchauszüge/Chronikhinweise rund um Januar 1871 (u. a. „elder’s conference again“).

  • W. Schroeder, The Bergthal Colony (CMU Press, PDF): Kontext zu den Konferenzen ab 18. Dez. 1870 in der Alexanderwohl-Kirche und der Delegationsstrategie.

  • B. Hamm (2023), Negotiating the 1870s Mennonite Migration to North America (Journal of Mennonite Studies): Hintergrund zu Petitionen/Delegationen und den Verhandlungen.

  • Hintergrund zur Wehrpflichtreform unter Alexander II. (Überblick).

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