21. Oktober 1919: Mennoniten in Manitoba fordern erneut ihr Schulrecht ein
Aktualisiert: vor 3 Stunden

Am 21. Oktober 1919 unternahmen Vertreter der Chortitzer Mennonitengemeinde und der Kleinen Gemeinde in Manitoba einen weiteren Versuch, die aus ihrer Sicht bei der Einwanderung zugesicherte Freiheit im Schulwesen zu bewahren. Eine Delegation wandte sich an die Provinzregierung und berief sich auf die Zusagen von 1873. Doch die Regierung blieb bei ihrem Kurs. Der Konflikt um die Schulen verschärfte sich und wurde schließlich zu einem wichtigen Grund dafür, dass konservative Mennoniten wenige Jahre später Kanada verließen.
Ein Versprechen aus dem Jahr 1873
Als Mennoniten aus dem Russischen Reich in den 1870er Jahren über eine Auswanderung nach Kanada verhandelten, gehörte die Freiheit in Glaubens-, Wehr- und Schulfragen zu ihren wichtigsten Bedingungen. Die kanadische Regierung stellte ihnen weitgehende Freiheiten für ihre religiöse Lebensweise und die Erziehung ihrer Kinder in Aussicht. Aufgrund dieser Zusicherungen entschieden sich Tausende Mennoniten für die Ansiedlung in Manitoba.
In zwei großen Siedlungsgebieten, der East Reserve und der West Reserve, entstanden Dörfer, Gemeinden und eigene Schulen. Eine Karte von 1879 zeigt diese beiden mennonitischen Siedlungsgebiete ausdrücklich.

Für die Gemeinden war Schule weit mehr als die Vermittlung von Lesen, Schreiben und Rechnen. Die Kinder sollten in einem christlichen Umfeld erzogen werden, die Bibel kennenlernen und durch die deutsche Sprache Zugang zu Bibel, Gesangbuch und Gemeindeleben behalten. Die Verantwortung für die Erziehung sahen die Eltern und Gemeinden deshalb grundsätzlich bei sich.
Eine historische Darstellung aus dem Jahr 1881 vermittelt einen Eindruck von einer mennonitischen Ansiedlung am Rat River in Manitoba.

Das Schulgesetz von 1916 verändert die Lage
Während des Ersten Weltkriegs änderte Manitoba seine Schulpolitik grundlegend. 1916 wurde die Schulpflicht verschärft und der englischsprachige Unterricht stärker vorgeschrieben. Schulen mussten zunehmend staatlichen Anforderungen entsprechen.
Die Provinzregierung betrachtete die öffentliche Schule als ein wichtiges Mittel, um aus den unterschiedlichen Einwanderergruppen eine gemeinsame englischsprachige kanadische Gesellschaft zu formen.
Für viele konservative Mennoniten bedeutete dies einen tiefen Eingriff in ihre bisherige Lebensweise. Problematisch erschien ihnen nicht allein die englische Sprache. Sie fürchteten vor allem den Verlust des Einflusses auf Lehrer, Lehrinhalte und die religiöse Erziehung ihrer Kinder.
Die Auseinandersetzung verschärfte sich weiter, als die Provinzregierung darauf bestand, dass auch mennonitische Kinder die gesetzlich vorgeschriebenen Schulen besuchen mussten. Mennonitische Eltern, die sich weigerten, mussten mit Geldstrafen, Beschlagnahmungen und gerichtlichen Verfahren rechnen. Die Auseinandersetzung um das Schulwesen war damit zu einer Grundsatzfrage geworden.

Der Versuch vom 21. Oktober 1919
Die mennonitischen Gemeinden wollten sich mit der Entwicklung nicht abfinden. Am 21. Oktober 1919 wurde eine weitere Bittschrift an die Regierung Manitobas gerichtet.
Für die Chortitzer Mennonitengemeinde unterzeichneten Ältester Johann K. Dueck und Prediger Heinrich Doerksen. Für die Kleine Gemeinde unterschrieben Ältester Jakob R. Dueck und Prediger Heinrich R. Reimer.
Die Männer wollten erreichen, dass die Mennoniten ihre Schulen weiterhin entsprechend ihren Glaubensüberzeugungen führen konnten. Dabei beriefen sie sich auf die Zusicherungen, unter denen ihre Eltern und Großeltern in den 1870er Jahren nach Kanada gekommen waren.
Für sie stellte sich die Frage nicht einfach als Streit über eine Unterrichtssprache dar. Im Mittelpunkt stand die Überzeugung, dass Gott den Eltern und der Gemeinde eine besondere Verantwortung für die Erziehung der Kinder gegeben habe.
Zwei unterschiedliche Vorstellungen von Schule
Auf Seiten der Provinzregierung stand Tobias Crawford Norris, der Manitoba von 1915 bis 1922 als Premierminister regierte. Seine Regierung verfolgte während und nach dem Ersten Weltkrieg einen deutlichen Kurs hin zu einer einheitlicheren staatlich kontrollierten Schulbildung.
Von Norris existiert ein offizielles Porträt aus dem Jahr 1921, das aufgrund des abgelaufenen kanadischen Crown Copyrights gemeinfrei ist.

Damit standen sich zwei sehr unterschiedliche Vorstellungen gegenüber.
Für die Provinzregierung sollte Schule die Kinder auf das Leben als englischsprachige kanadische Staatsbürger vorbereiten und unter staatlicher Aufsicht stehen.
Für die konservativen Mennoniten gehörte die Schule dagegen eng zu Familie und Gemeinde. Sie sollte nicht nur Wissen vermitteln, sondern auch Glauben, Lebensweise und christliche Werte an die nächste Generation weitergeben.
Der Versuch bleibt erfolglos
Die Bittschrift vom 21. Oktober 1919 führte zu keiner Änderung der staatlichen Schulpolitik. Die Delegation erhielt die Antwort, dass die geltenden Schulgesetze für alle Einwohner Manitobas verbindlich seien. Der Versuch war damit gescheitert.
Die Kleine Gemeinde entschied sich schließlich weitgehend dafür, sich mit den neuen Verhältnissen zu arrangieren. Die Chortitzer wollten dagegen noch nicht aufgeben.
Am 13. Januar 1920 legten sie der Regierung eine weitere Petition vor. Darin erklärten sie sich sogar bereit, ihre Schulen zu verbessern, Englischunterricht einzuführen, die Lehrerausbildung zu verstärken und staatliche Inspektionen zu ermöglichen.
Einen entscheidenden Punkt wollten sie jedoch nicht aufgeben: Die Kinder sollten weiterhin von eigenen mennonitischen Lehrern unterrichtet werden. In der Petition erklärten sie, dass sie die wichtige Verantwortung für die Erziehung ihrer Kinder nicht einfach anderen übertragen könnten. Auch dieser Versuch brachte keine dauerhafte Lösung.
Der Schulstreit führt schließlich zur Auswanderung
Der Konflikt ging weit über Manitoba hinaus. Auch konservative Mennoniten in Saskatchewan sahen ihre überkommenen Schulrechte bedroht. Gerichtsverfahren bestätigten schließlich die Befugnis der Provinzen, ihre Schulgesetze auch gegenüber den Mennoniten durchzusetzen.
Damit wurde immer deutlicher, dass sich die Bedingungen, unter denen die Mennoniten in den 1870er Jahren nach Kanada gekommen waren, grundlegend verändert hatten.
Für einen Teil der konservativen Gemeinden wurde die Schulfrage schließlich zum entscheidenden Grund, erneut nach einer Heimat zu suchen, in der ihnen größere Freiheit in Gemeinde und Erziehung zugesichert wurde.
In den folgenden Jahren wanderten Tausende konservative Mennoniten aus Kanada aus. Viele zogen ab 1922 nach Mexiko, andere Gruppen suchten neue Siedlungsmöglichkeiten in Lateinamerika.
Der 21. Oktober 1919 steht deshalb für mehr als eine erfolglose Petition. Der Tag zeigt einen grundlegenden Konflikt zwischen zwei Vorstellungen von Erziehung und Gesellschaft:
Wer trägt die letzte Verantwortung für die Erziehung der Kinder, der Staat oder die Eltern und die christliche Gemeinde?
Für die konservativen Mennoniten war die Antwort eindeutig. Die Schule gehörte für sie unmittelbar zum Glaubens- und Gemeindeleben. Als sie diese Verantwortung in Kanada nicht mehr in der bisherigen Weise wahrnehmen konnten, waren viele schließlich bereit, ihre Höfe und ihre Heimat noch einmal aufzugeben und auszuwandern.
Quellen:
Frank H. Epp: Mennonites in Canada, 1920–1940: A People’s Struggle for Survival, University of Waterloo. Besonders zur Schulfrage, den Petitionen von 1919/1920 und der späteren Auswanderung. uwaterloo.ca
Frank H. Epp: Mennonites in Canada, 1786–1920. Zur Vorgeschichte des mennonitischen Schulkonflikts in Manitoba. uwaterloo.ca
D. F. Plett Historical Research Foundation, Preservings: Dokumente und Darstellungen zum Schulstreit sowie zu den mennonitischen Petitionen an die Regierung Manitobas.
Mennonite Archives of Ontario, University of Waterloo: Archivbestände zum „Manitoba school problem“ und zur Auswanderung konservativer Mennoniten nach Mexiko. uwaterloo.ca
Legislative Assembly of Manitoba: Historische Unterlagen zu Premierminister Tobias C. Norris und seiner Regierungszeit 1915–1922.





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