21. August 1894: Der bescheidene Anfang des Goshen College
- Redaktion

- vor 24 Stunden
- 5 Min. Lesezeit
Aktualisiert: vor 5 Stunden
Am 21. August 1894 öffnete in Elkhart im US-Bundesstaat Indiana eine kleine Schule ihre Türen, aus der später das Goshen College hervorgehen sollte. Der Unterricht begann nicht auf einem großen Campus, sondern in angemieteten Räumen der „Grand Army of the Republic Hall“ an der South Main Street. Die Schule trug den anspruchsvollen Namen Elkhart Institute of Science, Industry and the Arts – Institut für Wissenschaft, Gewerbe und Künste.
Streng genommen wurde an diesem Tag noch nicht das Goshen College unter seinem späteren Namen eröffnet. Erst 1903 zog die Bildungseinrichtung in die nahe gelegene Stadt Goshen um und erhielt dort ihren heutigen Namen. Dennoch betrachtet das Goshen College den 21. August 1894 als seinen Gründungstag.
Bildung für mennonitische Jugendliche
Die Gründung ging wesentlich auf den mennonitischen Arzt H. A. Mumaw zurück. Sein Ziel war es, jungen Mennoniten und anderen Jugendlichen eine weiterführende Ausbildung zu ermöglichen. Das Elkhart Institute war zunächst keine Hochschule im heutigen Sinne, sondern eine vorbereitende Schule, die ihre Schüler auf weitere Studien und verantwortliche Aufgaben im Berufs- und Gemeindeleben vorbereiten sollte.
Die Schule warb mit einer gründlichen und praktischen Ausbildung, niedrigen Kosten und einer sorgfältigen erzieherischen Begleitung. Sowohl junge Männer als auch junge Frauen konnten aufgenommen werden. Damit unterschied sie sich von manchen anderen Bildungseinrichtungen ihrer Zeit.

Hinter der Gründung stand eine Frage, die viele mennonitische Gemeinden am Ende des 19. Jahrhunderts beschäftigte: Wie konnten junge Menschen eine gute Ausbildung erhalten, ohne dabei ihren Glauben und ihre Bindung an die Gemeinde zu verlieren?
Viele nordamerikanische Mennoniten lebten damals in ländlichen Gemeinschaften. Landwirtschaft, Handwerk, Familie und Gemeinde bestimmten ihren Alltag. Eine höhere Ausbildung wurde teilweise mit Vorsicht betrachtet. Manche befürchteten, dass junge Menschen an weltlichen Schulen ihre schlichte Lebensweise aufgeben oder sich von den Glaubensüberzeugungen ihrer Eltern entfernen könnten. Andererseits benötigten die Gemeinden gut ausgebildete Lehrer, Prediger, Missionare und Geschäftsleute.
Das Elkhart Institute sollte zwischen diesen beiden Anliegen vermitteln: Es wollte Bildung ermöglichen und zugleich eine christliche, mennonitisch geprägte Umgebung bieten.

Bescheidene Anfänge
Die ersten Unterrichtsräume waren einfach. Ein frühes Foto zeigt eine kleine Gruppe von Schülern und Lehrern in einem angemieteten Saal. H. A. Mumaw sitzt am Rand der Gruppe. Von einem stattlichen College mit Wohnheimen, Bibliotheken und großen Unterrichtsgebäuden war damals noch nichts zu sehen.
Doch die Schule wuchs rasch. Bereits 1896 konnte ein eigenes Schulgebäude errichtet werden. Immer mehr mennonitische Familien waren bereit, ihre Kinder zur weiteren Ausbildung nach Elkhart zu schicken. Zugleich wurden auch Schüler aufgenommen, die keiner mennonitischen Gemeinde angehörten.
Im Jahr 1902 besuchten bereits 328 Schüler das Elkhart Institute. Das Gebäude reichte nicht mehr aus, sodass der Vorstand nach einem größeren Standort suchte.
Der Umzug nach Goshen
Geschäftsleute aus der etwa 16 Kilometer entfernten Stadt Goshen erkannten die Bedeutung einer solchen Bildungseinrichtung. Sie bemühten sich darum, die Schule für ihre Stadt zu gewinnen, stellten Unterstützung in Aussicht und halfen bei der Beschaffung eines Grundstücks.
Im Juni 1903 fand auf einem früheren Weizenfeld am südlichen Ende der Eighth Street die Grundsteinlegung für den neuen Campus statt. Rund 150 Schüler, Lehrer und Vertreter des öffentlichen Lebens kamen mit zwei eigens bereitgestellten Straßenbahnwagen aus Elkhart nach Goshen.
Im September 1903 nahm die Schule am neuen Standort ihren Betrieb auf. Von nun an hieß sie Goshen College. Aus der kleinen Vorbereitungsschule entwickelte sich schrittweise eine Hochschule. Die mennonitische Kirche übernahm bald die Verantwortung für die Einrichtung.

„Bildung zum Dienst“
Eine wichtige Persönlichkeit dieser Aufbaujahre war Noah E. Byers, der erste Präsident des Goshen College. Er prägte den Leitspruch:
„Culture for Service“ – Bildung zum Dienst.
Dieser Satz brachte zum Ausdruck, welchen Zweck Bildung nach mennonitischem Verständnis haben sollte. Wissen sollte nicht hauptsächlich dem persönlichen Ansehen oder dem gesellschaftlichen Aufstieg dienen. Es sollte Menschen dazu befähigen, Gott, der Gemeinde und dem Nächsten besser zu dienen.
Damit griff der Leitspruch ein grundlegendes Anliegen christlicher Erziehung auf: Nicht der gelehrte Mensch steht im Mittelpunkt, sondern der treue und verantwortungsbewusste Dienst. Lehrer sollten ihre Schüler gewissenhaft unterrichten, Prediger das Wort Gottes verständlich auslegen und Menschen mit besonderen Kenntnissen ihre Fähigkeiten zum Wohl anderer einsetzen.

Spannungen zwischen Hochschule und Gemeinde
Die Gründung des College beseitigte die anfänglichen Bedenken gegenüber höherer Bildung jedoch nicht. Immer wieder entstand die Frage, wie weit sich eine mennonitische Schule der allgemeinen amerikanischen Kultur öffnen durfte.
Besonders in den ersten Jahrzehnten wurden Musik, Theater, Sport und wissenschaftliche Lehrmeinungen innerhalb der Gemeinden unterschiedlich beurteilt. Kritiker fürchteten, dass die Schule junge Menschen von der traditionellen mennonitischen Absonderung und schlichten Lebensführung entfernen könnte. Befürworter sahen dagegen die Möglichkeit, den Glauben mit einer gründlichen Bildung zu verbinden.
Diese Spannungen führten zusammen mit finanziellen Schwierigkeiten schließlich dazu, dass das College für das Studienjahr 1923/24 geschlossen wurde. Bereits im Herbst 1924 konnte es unter einer neuen Leitung wiedereröffnet werden. Die Auseinandersetzungen machten deutlich, dass christliche Bildung stets neu prüfen muss, ob sie noch der Gemeinde dient und dem Wort Gottes verpflichtet bleibt.
Ein bleibender Beitrag zur mennonitischen Geschichte
Das Goshen College entwickelte sich im Laufe des 20. Jahrhunderts zu einer bedeutenden mennonitischen Bildungseinrichtung. Zahlreiche Lehrer, Prediger, Missionare, Historiker, Ärzte und Mitarbeiter mennonitischer Hilfswerke erhielten dort ihre Ausbildung.
Von besonderer Bedeutung ist die 1906 gegründete Mennonite Historical Library. Sie bewahrt heute eine der umfangreichsten Sammlungen zur Geschichte der Täufer, Mennoniten, Amischen, Hutterer und anderer verwandter Gemeinschaften. Dazu gehören frühe Drucke, Zeitschriften, Gemeindeschriften und andere historische Dokumente. Ohne solche Sammlungen wären viele Zeugnisse mennonitischer Geschichte möglicherweise verloren gegangen.

Die Bedeutung des 21. August 1894
Als sich am 21. August 1894 die Türen des angemieteten Saales in Elkhart öffneten, konnte niemand wissen, was aus der kleinen Schule werden würde. Die bescheidenen Anfänge stehen sinnbildlich für das Bemühen nordamerikanischer Mennoniten, Glauben und Bildung miteinander zu verbinden.
Die weitere Geschichte zeigt sowohl die Möglichkeiten als auch die Gefahren dieses Weges. Bildung kann Gemeinden stärken, wenn sie Menschen zum treuen Dienst befähigt. Sie kann aber auch zur Entfernung von der Gemeinde beitragen, wenn Wissen zum Selbstzweck wird oder die Bindung an die Heilige Schrift verloren geht.
Der Gründungstag des späteren Goshen College erinnert deshalb an eine bleibende Aufgabe christlicher Schulen: Junge Menschen sollen gründlich lernen – aber sie sollen vor allem darauf vorbereitet werden, mit ihren Gaben Gott und ihren Mitmenschen zu dienen.
Quellen:
Goshen College: History of Goshen College
Goshen College: Goshen College celebrates 125 years in Elkhart County
Goshen College: Quasquicentennial Touchstones
Indiana Historical Bureau: Indiana Almanac
Mennonite Historical Library, Goshen College
Mennonite Church USA Archives und Wikimedia Commons: Bildquellen




Kommentare