20. Januar 1527 – Religionsdebatte zwischen Hans Denck und Johannes Bader in Landau
- Redaktion

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Als der Winter 1527 über der Südpfalz lag, war Landau nicht nur eine befestigte Stadt, sondern ein Brennpunkt religiöser Unruhe. Die Reformation hatte vielerorts den bisherigen kirchlichen Alltag aufgebrochen – und zugleich neue Fragen provoziert: Wer gehört zur Kirche? Wer darf taufen? Und woran entscheidet sich „wahrer“ Glaube: am Bekenntnis, am Sakrament, an der Schrift – oder an der inneren Erneuerung?
In diese Spannung hinein fällt ein Ereignis, das in der täuferischen Frühgeschichte immer wieder auftaucht: Am 20. Januar 1527 kam es in Landau zu einer öffentlichen Disputation zwischen dem wandernden radikalreformatorischen Theologen Hans Denck und dem Landauer Reformator Johannes Bader. Im Zentrum stand – wie so oft in den 1520er Jahren – die Kindertaufe.
Landau als Bühne der frühen Reformation
Landau war zu dieser Zeit eine Reichsstadt und seit 1521 Teil der Dekapolis (des elsässischen Zehnstädtebundes). Das bedeutete: städtisches Selbstbewusstsein, politische Eigenständigkeit – und ein Milieu, in dem neue religiöse Ideen schneller öffentlich diskutiert werden konnten als in mancher Landherrschaft.

Gerade solche Städte wurden in den 1520er Jahren zu Knotenpunkten: Reformatoren predigten, Flugschriften kursierten – und täuferische Gruppen warben für eine radikalere Erneuerung, die nicht bei Predigt und Gottesdienstordnung stehen bleiben wollte, sondern die Gemeinde als freiwillige Gemeinschaft von Glaubenden verstand.
Die Kontrahenten: Denck und Bader
Hans Denck – der umstrittene Wanderprediger
Hans Denck (um 1500–1527) gehörte zu den intellektuell profiliertesten Köpfen der frühen radikalen Reformation. Quellen und Forschung verorten ihn Anfang 1527 in der Pfalz; ausdrücklich wird berichtet, dass er in Landau mit Johannes Bader über die Kindertaufe disputierte. Denck verband einen stark spiritualistisch geprägten Glaubensbegriff (inneres Hören auf Gottes Stimme) mit ethischem Ernst und Kritik an einem Christentum, das sich auf äußere Zeichen verlässt.
Johannes Bader – der Landauer Reformator
Johannes Bader (ca. 1470–1545) war seit 1518 in Landau tätig und wurde zu einer prägenden Gestalt der lokalen Reformationsdurchsetzung. In zeitgenössischer und späterer Überlieferung gilt er als entschiedener Gegner der Täufer – nicht zuletzt, weil in und um Landau täuferische Sympathien vorhanden waren. Noch im selben Jahr veröffentlichte Bader eine scharf anti-täuferische Schrift: „Brüderliche Warnung für dem newen abgöttischen Orden der Widertäuffer“ (1527).
Worum ging es? Kindertaufe, Gemeinde, Autorität
Die Disputation vom 20. Januar 1527 „handelte chiefly“ (also hauptsächlich) von der Kindertaufe – so fassen es mehrere Referenzwerke zusammen. Doch hinter der Tauffrage stand ein ganzer Komplex grundlegender Differenzen:
Wer ist Mitglied der Kirche?
Für Täufer bedeutete Kirche: bewusste Nachfolge, sichtbare Umkehr, freiwilliges Bekenntnis. Die Taufe sollte diese Entscheidung bezeugen – daher die Ablehnung der Säuglingstaufe.
Was bewirken Sakramente?
In der städtisch-reformatorischen Tradition (ob lutherisch oder oberrheinisch-reformiert) blieb die Taufe ein zentrales Zeichen der Eingliederung – auch bei Kindern.
Welche Autorität entscheidet?
Denck war bekannt für seine Kritik an einem rein „buchstäblichen“ Schriftgebrauch zugunsten einer stärker innerlich verstandenen Glaubensgewissheit; Bader dagegen verteidigte Ordnung, Lehre und öffentliche Verantwortung der Kirche gegenüber „neuen“ Gruppen.
Der 20. Januar 1527: Eine öffentliche Disputation als Machtprobe
Wie mag man sich einen solchen Tag vorstellen?
Öffentliche Disputationen waren im 16. Jahrhundert mehr als akademische Streitgespräche. Sie waren öffentliche Ereignisse, bei denen Theologie, Stadtpolitik und soziale Ordnung zusammenliefen: Prediger, Ratsherren, Bürger – viele hörten zu, denn es ging um Fragen, die Taufen, Familien, Zugehörigkeit und letztlich auch städtische Stabilität betrafen.
Dass es zu einer öffentlichen Disputation kam, wird in der Überlieferung ausdrücklich damit verbunden, dass Bader Denck entschieden entgegentreten wollte. Bader war zudem „auf dem Punkt“, seine „Brüderliche Warnung“ zu verfassen – eine Polemik gegen die Täufer, deren Einfluss er offenbar als real empfand.
Argumentationslinien (rekonstruiert aus dem Kontext)
Einen vollständig ausgeschriebenen, neutralen „Mitschnitt“ der Debatte darf man für diese Zeit nicht erwarten. Was sich aber mit historischer Vorsicht sagen lässt, ist:
Denck dürfte die Taufe an die persönliche Glaubensentscheidung gebunden und die Kindertaufe als leeres Zeichen kritisiert haben.
Bader verteidigte die Kindertaufe als rechtmäßige kirchliche Praxis und bekämpfte die Täufer als gefährliche „neue Ordnung“, die Gemeinde und Obrigkeit gegeneinander aufbringe.
Dass Bader später in seiner „Brüderlichen Warnung“ auf die Auseinandersetzung Bezug nimmt und sie als Schlüsselargument gegen die Täufer nutzt, gilt als ein zentraler Grund, warum die Landauer Disputation überhaupt so gut erinnerbar blieb.
Unmittelbare Folgen: Schrift, Abgrenzung, weitere Wanderung
Für Landau bedeutete der 20. Januar 1527 eine Markierungslinie: Die Stadt-Reformation setzte – zumindest in der Person Baders – auf klare Abgrenzung gegen täuferische Mission.
Für Denck war Landau dagegen eine Station in einer rastlosen Phase: Quellen verorten ihn kurz darauf in Worms, wo er (unter anderem) an der Veröffentlichung der sogenannten „Wormser Propheten“ beteiligt war – einer wichtigen frühen deutschen Übersetzung alttestamentlicher Prophetenschriften.

Bemerkenswert ist zudem, dass in älterer Darstellung berichtet wird, Bader habe Denck damals scharf bekämpft, später aber in manchen Punkten Dencks Positionen angenähert. Das ist eine Deutung, die in der Literatur weitergegeben wird – sie zeigt zumindest, wie nachhaltig Dencks Denken auf Zeitgenossen wirken konnte, selbst dort, wo man ihn öffentlich widerlegte.
Warum diese Debatte für Täufer- und Mennonitengeschichte wichtig ist
Die Landauer Disputation ist kein isolierter „Lokalkonflikt“. Sie steht exemplarisch für den frühen Hauptkonflikt zwischen magisterialer Reformation (Stadtkirche, Ordnung, öffentliche Verantwortung) und täuferischer Reform (freiwillige Gemeinde, Glaubenstaufe, Nachfolge als sichtbares Leben).
Gerade weil spätere mennonitische Traditionen die Glaubenstaufe, das Ideal der freiwilligen Gemeinde und die Betonung eines glaubwürdigen Lebenswandels stark hervorheben, wirkt Landau wie ein frühes Fenster in die Fragen, an denen sich die Wege trennten.
Quellen:
GAMEO: Bader, Johannes (1470–1545) – nennt die öffentliche Disputation am 20. Januar 1527 und ihr Thema (Kindertaufe).
Deutsche Biographie / NDB: Hans Denck – verortet Denck Anfang 1527 in der Pfalz und erwähnt die Disputation in Landau.
Johann Bader: Brüderliche Warnung … der Widertäuffer (1527) – zeitgenössische Polemik, eng mit der Landauer Auseinandersetzung verbunden.
CCEL / Schaff: Hinweis auf die Disputation (20. Januar 1527) und Baders Schrift als Referenz.
Stadt- und Regionalgeschichte Landau (Reichsstadt/Dekapolis-Kontext).




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