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19. Januar 1788: Mennoniten-Treffen in der russischen Botschaft in Danzig


Im Jahre 1788 verdichteten sich in Danzig die Hoffnungen, Ängste und ganz praktische Fragen vieler mennonitischer Familien zu einem einzigen Ereignis: In der russischen Botschaft bzw. im russischen Konsulat (zeitgenössisch auch „Residentur“) kamen auswanderungswillige Mennoniten zusammen, um sich über eine mögliche Übersiedlung nach Südrussland zu informieren und verbindliche Schritte einzuleiten. In den Quellen begegnet das Datum häufig als 19./30. Januar 1788 (julianisch/gregorianisch) – ein Hinweis darauf, dass russische und westeuropäische Datierungen damals nicht deckungsgleich waren.


Dieses Treffen war mehr als eine Informationsveranstaltung: Es wurde zu einem organisatorischen Drehpunkt der ersten großen mennonitischen Auswanderungswelle aus dem Danziger Raum und Westpreußen nach „Neurussland“ (dem südlichen Grenz- und Siedlungsraum des Zarenreiches in der heutigen Ukraine).


Warum Danzig? Druck in Westpreußen und neue Grenzen


Seit den Teilungen Polen-Litauens (ab 1772) lebten viele Mennoniten des Weichselraums zunehmend unter preußischer Verwaltung. Damit verschärften sich alte Konfliktlinien: Mennoniten wollten aus Glaubensüberzeugung keinen Militärdienst leisten, während der preußische Staat eine stärker zentralisierte Wehr- und Steuerpolitik verfolgte. Zwar wurde die Wehrpflicht teils durch Ersatzzahlungen abgefedert, doch zugleich wuchsen wirtschaftliche und rechtliche Einschränkungen, besonders beim Landerwerb – ein empfindlicher Punkt für eine bäuerlich geprägte Glaubensgemeinschaft.



Der Effekt war eine zunehmende Perspektivlosigkeit, vor allem für jüngere oder weniger vermögende Familien: Wenn Land kaum zu erwerben war, wurde die Zukunft in der Heimat unsicher. Das erklärt, warum die Nachrichten aus dem Osten in mennonitischen Kreisen so schnell Resonanz fanden.


Die Einladung aus Russland und die Rolle Georg von Trappes


Russland suchte im 18. Jahrhundert gezielt Siedler aus West- und Mitteleuropa, um neu eroberte bzw. dünn besiedelte Gebiete zu erschließen. In mennonitischen Darstellungen wird dafür besonders die Tätigkeit des russischen Beauftragten Georg von Trappe hervorgehoben, der im Danziger Raum um Unterstützung warb und die Auswanderung praktisch vorbereitete.



Bereits 1786 kam es zur Kontaktaufnahme; wenig später wurden Jakob Höppner und Johann Bartsch als Delegierte entsandt, um Siedlungsoptionen zu prüfen und Bedingungen auszuhandeln. In der Rückschau gilt diese Delegationsreise als der Schritt, durch den aus einem vagen Auswanderungswunsch eine politisch und administrativ „greifbare“ Option wurde.


Nach ihrer Rückkehr ließ Trappe gedruckte Einladungen verbreiten, die ausdrücklich dazu aufforderten, in der russischen Vertretung in Danzig die verhandelten Zusagen „mit eigenen Augen“ zu sehen – ein bemerkenswert modernes Mittel, Vertrauen zu schaffen und Gerüchte zu entkräften.


Das Treffen am 19. Januar 1788: Ort, Ablauf, Anliegen


Das Treffen fand in der russischen Vertretung in Danzig statt, die in den Quellen als russisches Konsulat bezeichnet wird; als Adresse wird Langgarten (Vorstadt und Straße gleichen Namens) genannt.


Was stand auf dem Spiel?


Für die anwesenden Mennoniten ging es um Fragen, die zugleich geistlich und existenziell waren:

  • Religionsfreiheit und Gewissensschutz: Würde Russland die Verweigerung des Waffendienstes wirklich akzeptieren?

  • Land und wirtschaftlicher Neubeginn: Welche Flächengrößen waren vorgesehen, welche Abgaben, welche Starthilfen?

  • Rechtlicher Status: Welche Privilegien würden schriftlich gelten – und wie verbindlich waren sie?

  • Praktische Organisation: Reisewege, Transport, Sammelpunkte, Zeitplan.


Gerade weil Gegner der Auswanderung im preußischen Umfeld mit Warnungen und Druck arbeiteten, war der direkte Kontakt zur russischen Stelle wichtig. Trappes Einladungsschrift spiegelt diese Situation: Sie spricht offen davon, dass Auswanderungswillige „geängstigt“ und „abgeschreckt“ würden, und versucht, Zuversicht zu vermitteln.


Dokumente und Verbindlichkeit


In Zusammenhang mit dem Treffen wird zudem ein Dokument erwähnt, das die Remuneration (Entlohnung/Privilegierung) der Delegierten umriss und offenbar in identischen Ausfertigungen für Höppner und Bartsch bestimmt war. Solche Zusagen wurden später durchaus kritisch gesehen, weil sie innerhalb der Siedlergemeinschaft Spannungen befördern konnten – ein Hinweis darauf, wie sehr dieses Danziger Treffen auch die soziale Dynamik der kommenden Jahre mitprägte.


Unmittelbare Folgen: Aus Information wird Aufbruch


Nur wenige Wochen nach den Danziger Beratungen begann die Auswanderung praktisch zu „rollen“. Bereits Ende Februar 1788 werden erste Abreisen aus dem Danziger Raum genannt; bis zum Jahresende befanden sich Hunderte Familien auf dem Weg Richtung Osten.


Charakteristisch ist, dass die russische Vertretung in Danzig nicht nur eine diplomatische Adresse blieb, sondern zum logistischen Knoten wurde: Besitzstücke wurden dort gesammelt und für den Weitertransport organisiert – teils per Schiff Richtung Riga und dann weiter ins Binnenland.


Gleichzeitig zeigt ein Aktenhinweis aus der Zeit um den 20.–22. Januar 1788, wie nervös die Lage in Danzig war: Mennonitische Vorsteher sahen sich genötigt zu versichern, mit „Werbungen“ zur Auswanderung nichts zu tun zu haben; zudem taucht die Kommunikation Trappes mit dem russischen Residenten S. von Sokolowski auf. Das unterstreicht: Das Treffen spielte sich in einem politisch sensiblen Umfeld ab, beobachtet von Behörden und von innerstädtischen Interessen begleitet.


Historische Bedeutung: Ein Scharniermoment der Russlandmennoniten


Rückblickend steht der 19. Januar 1788 für einen entscheidenden Übergang:

  1. Von der Idee zur Struktur: Aus Auswanderungsgerüchten und Einzelplänen wurde ein geregelter Prozess mit Ansprechpartnern, Papieren und Terminen.

  2. Von Westpreußen nach Neurussland: Diese erste Welle (1788/89) wurde zum Anfang einer größeren Bewegung, die über Jahrzehnte anhielt und die Geschichte der „Russlandmennoniten“ prägte.

  3. Von Danzig in die Welt: Die späteren Sekundärmigrationen (z. B. nach Nord- und Südamerika) lassen sich ohne diesen frühen organisatorischen Auftakt kaum verstehen – weil hier ein Modell entstand, wie mennonitische Gemeinschaften unter Druck neue Lebensräume suchten und dabei ihren Glaubensgrundsatz (u. a. Gewissensfreiheit) zu sichern versuchten.


Quellen:

  • Lawrence Klippenstein: Four Letters to Susanna from Johann Bartsch (PDF, mit Angaben zum Treffen im Konsulat und Datierungsfragen).

  • Plett Foundation (Preservings): The Bartsch-Hoeppner Privilegium (Trappes Flugblätter und Einladung zur russischen Vertretung in Danzig).

  • Georg von Trappe: Invitation to the Mennonites of the Danzig area (1786) (Übersetzung/Abdruck).

  • GAMEO: West Prussia (Rahmenbedingungen unter Preußen, Militärersatz, Landerwerb).

  • GAMEO: Russia (Zahlen und Einordnung der Einwanderung aus Danzig/Preußen).

  • Paul Karge (1923): Die Auswanderung west- und ostpreussischer Mennoniten nach Südrussland… (Aktenhinweise Januar 1788, Sokolowski/Trappe).

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