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18. Mai 1804: Cornelius Warkentin dankt Zar Alexander I. für eine Friedensmedaille

Aktualisiert: vor 2 Tagen


Rosenort / St. Petersburg. Am 18. Mai 1804 richtete der mennonitische Älteste Cornelius Warkentin seinen Dank an Zar Alexander I. von Russland. Der Anlass war außergewöhnlich: Der russische Herrscher hatte ihm eine große goldene Ehrenmedaille verliehen. Sie würdigte Warkentins Dienst an den mennonitischen Ansiedlern in Südrussland – und wurde zu einem stillen Symbol für Frieden, Glaubenstreue und die enge Verbindung zwischen den westpreußischen Mennoniten und ihren ausgewanderten Glaubensgeschwistern.


Cornelius Warkentin wurde am 7. Dezember 1740 geboren und starb am 10. Januar 1809 in Rosenort in Westpreußen. Er war Prediger und später Ältester der Rosenorter Mennonitengemeinde. Nach GAMEO wurde er am 6. Januar 1775 zum Prediger ordiniert und am 11. Oktober 1795 Ältester der Gemeinde Rosenort. In der Geschichte der westpreußischen Mennoniten gehört er zu den herausragenden Persönlichkeiten seiner Zeit.


Ein Mann zwischen Westpreußen und Russland


Die Mennoniten in Westpreußen standen im späten 18. Jahrhundert unter wachsendem Druck. Viele Familien besaßen zu wenig Land, neue Grundstücke konnten kaum erworben werden, und zugleich blieb die Frage der Wehrlosigkeit ein zentrales Glaubensanliegen. Die Gemeinde Rosenort hatte 1774 zwar 1.836 Glieder, verfügte aber nur über sehr begrenzten Grundbesitz. Schon 1787 reiste Cornelius Warkentin zusammen mit Ältestem Heinrich Donner nach Berlin, um eine Verbesserung der Lage zu erreichen. Dort fanden sie jedoch wenig Verständnis.


In dieser Situation gewann das Angebot Russlands an Bedeutung. Schon unter Katharina II. waren deutsche Siedler angeworben worden. Für mennonitische Familien war besonders wichtig, dass sie ihre religiösen Überzeugungen, ihre Gemeindeordnung und ihre Wehrlosigkeit bewahren konnten. Die Auswanderung nach Südrussland war deshalb nicht bloß eine wirtschaftliche Entscheidung, sondern auch eine Glaubens- und Gewissensfrage.


Die Reise nach Chortitza


1794 reisten Cornelius Regier, Ältester der Heubudener Gemeinde, und Cornelius Warkentin nach Chortitza. Die dortigen jungen mennonitischen Siedlungen standen noch am Anfang. Es gab innere Spannungen, ungeklärte Gemeindeordnungen und schwere äußere Belastungen. Zudem war der frühere Älteste Behrendt Penner gestorben. Die Siedler baten deshalb um Hilfe aus der alten Heimat.


Regier und Warkentin kamen als geistliche Vermittler, nicht als politische Beamte. Sie sollten ordnen, trösten, ermahnen und die Einheit der Gemeinde stärken. Cornelius Regier starb jedoch während dieser Reise. Warkentin blieb zurück und führte die Aufgabe weiter. Die Überlieferung urteilt über sein Wirken in Chortitza ausgesprochen hoch: Sein Aufenthalt sei für die „verwaisten Ansiedler“ wie ein „ununterbrochenes Pfingstfest“ gewesen.


Gerade diese Formulierung zeigt, wie tief sein Dienst empfunden wurde. Warkentin brachte nicht nur organisatorische Hilfe. Er brachte geistliche Festigkeit in eine Gemeinschaft, die durch Auswanderung, Armut, Krankheit, Enttäuschung und innere Fragen belastet war.


Die Goldmedaille des Zaren


Für diesen Dienst erhielt Cornelius Warkentin 1804 von Zar Alexander I. eine goldene Ehrenmedaille mit einem ehrenden Begleitschreiben. Die Rosenorter Gemeindegeschichte berichtet, dass diese Medaille bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs vom jeweiligen Ältesten der Gemeinde Rosenort aufbewahrt wurde.


Goldene Ehrenmedaille, welche der mennonitische Älteste Cornelius Warkentin vom Zar Alexander I. bekommen hat
Goldene Ehrenmedaille, welche der mennonitische Älteste Cornelius Warkentin vom Zar Alexander I. bekommen hat

Ein später zusammengestellter Bericht zur „Goldenen Ehrenmedaille“ hält fest, dass Kaiser Alexander I. diese Medaille dem Ältesten Cornelius Warkentin verliehen habe. Der Bericht beschreibt sie nicht nur als ideell und historisch wertvoll, sondern auch als materiell sehr bedeutend. Nach einer mündlichen Überlieferung soll die Medaille gegen Ende des Zweiten Weltkriegs auf dem Friedhof von Rosenort vergraben worden sein. Diese Angabe bleibt allerdings eine spätere Erinnerung und sollte vorsichtig eingeordnet werden.


Dass ein russischer Zar einen mennonitischen Ältesten ehrte, ist bemerkenswert. Mennoniten suchten keine politische Macht. Ihre Stärke lag in Gemeindedienst, Arbeit, Landwirtschaft, Ordnung, Familienleben und dem ernsten Bemühen, den Glauben praktisch zu leben. Die Medaille war deshalb mehr als eine Auszeichnung für eine einzelne Person. Sie war auch eine Anerkennung dafür, dass mennonitische Gemeinden im Russischen Reich als friedliche, fleißige und ordnende Siedler wahrgenommen wurden.


1804: Ein entscheidendes Jahr für die Mennoniten in Russland


Das Jahr 1804 war für die russlandmennonitische Geschichte besonders wichtig. Zar Alexander I. bestätigte am 20. Februar 1804 das sogenannte Gnadenprivileg für die Mennoniten. Dieses Privileg knüpfte an frühere Zusagen an und gab den Einwanderern eine rechtliche Grundlage. Die russische Regierung erwartete von ihnen, dass sie nicht nur eigene Dörfer aufbauten, sondern auch als vorbildliche Landwirte für die Umgebung wirkten.


Zur selben Zeit begann die Ansiedlung in der Molotschna an Bedeutung zu gewinnen. Warkentin hatte nach einer Besichtigung des Gebietes eine weitere Ansiedlung dort empfohlen. Ende 1803 waren bereits 163 Familien auf dem Weg zur neuen Siedlung; 1804 stieg die Zahl auf 342 Familien mit 2.052 Personen. Innerhalb weniger Jahre entstanden dort zahlreiche Dörfer.


Damit steht Warkentins Dank vom 18. Mai 1804 in einem größeren Zusammenhang. Es ging nicht nur um eine Medaille. Es ging um eine Zeit, in der sich die Zukunft vieler mennonitischer Familien neu ordnete: weg aus den engen Verhältnissen Westpreußens, hin zu neuen Siedlungen in Südrussland – verbunden mit großen Hoffnungen, aber auch mit großen Gefahren.


Ein Friedenszeugnis in einer unruhigen Zeit


Die Medaille wird in der Überlieferung als Ehrenmedaille beschrieben. In der Erinnerung mennonitischer Kreise erhielt sie aber auch den Charakter einer Friedensmedaille. Das passt zum inneren Kern dieses Ereignisses. Cornelius Warkentin wurde nicht wegen militärischer Verdienste geehrt, sondern wegen seines friedlichen Dienstes an einer jungen, verletzlichen Gemeinschaft.


Für Mennoniten war das besonders bedeutsam. Ihre Geschichte war seit der Reformationszeit von Verfolgung, Auswanderung und der Suche nach einem Ort geprägt, an dem sie nach ihrem Gewissen leben konnten. Warkentin verkörperte dabei eine Form von Leitung, die nicht durch äußere Gewalt, sondern durch geistliche Autorität, Geduld und Dienst wirkte.


Sein Dank an Zar Alexander I. kann deshalb als Ausdruck nüchterner Dankbarkeit verstanden werden. Er dankte einem Herrscher, der den Mennoniten in Russland Schutzräume eröffnete. Zugleich blieb der eigentliche Mittelpunkt nicht die kaiserliche Macht, sondern Gottes Führung in einer schwierigen Auswanderungsgeschichte.


Nachwirkung


Cornelius Warkentin starb 1809 in Rosenort. Sein Name blieb jedoch mit der frühen Geschichte der Chortitzaer und Molotschnaer Mennoniten verbunden. Seine Reise, sein Tagebuch und die Erinnerung an seinen Dienst wurden in späteren mennonitischen Geschichtswerken weitergegeben. GAMEO nennt ihn einen der bedeutenden Männer seiner Zeit in der westpreußischen Bruderschaft und hebt seine Rolle beim Aufbau der Chortitzaer Gemeinde hervor.


Die goldene Medaille erinnert daran, dass die mennonitische Auswanderung nach Russland nicht nur aus Landverträgen, Privilegien und Dörfergründungen bestand. Sie war auch eine geistliche Geschichte. Familien verließen die alte Heimat, Gemeinden mussten neu geordnet werden, und Älteste wie Cornelius Warkentin trugen Verantwortung dafür, dass Glaube, Frieden und Gemeindezucht nicht verloren gingen.


So bleibt der 18. Mai 1804 ein kleines, aber sprechendes Datum: Ein mennonitischer Ältester dankt einem Zaren für eine Auszeichnung – und hinter dieser Geste steht die größere Geschichte einer Glaubensgemeinschaft, die in der Fremde Heimat suchte, ohne ihre Überzeugungen aufzugeben.


Der ungeklärte Verbleib der goldenen Ehrenmedaille


Der spätere Verbleib der goldenen Ehrenmedaille ist nicht sicher geklärt. Nach der überlieferten Gemeindegeschichte wurde die Medaille lange Zeit von den Ältesten der Gemeinde Rosenort verwahrt. Sie war also nicht bloß ein persönliches Erinnerungsstück der Familie Warkentin, sondern offenbar ein Erbstück der Rosenorter Mennonitengemeinde und damit ein Symbol der westpreußisch-russlandmennonitischen Geschichte.


Nach einer Zusammenstellung von Hans Joachim Dück wurde die Medaille gegen Ende des Zweiten Weltkriegs offenbar verborgen. Dück schreibt unter Berufung auf Manfred Neufeld, geboren 1926 und Sohn des Kirchendieners der Rosenorter Kirche, die Medaille sei auf dem Friedhof der Rosenorter Kirche vergraben worden, und zwar an der Nordwestseite, bei einer Eiche, die damals noch gestanden haben soll. Diese Angabe ist wichtig, bleibt aber eine mündlich überlieferte Erinnerung und kein archivalisch gesicherter Fundbericht.


Cornelius Warkentin Denkmal, Rosenort Bild von R. D. Thiessen 2019
Cornelius Warkentin Denkmal, Rosenort Bild von R. D. Thiessen 2019

Besonders bedeutsam ist dabei der Hinweis auf Ernst Regehr, den letzten Ältesten der Mennonitengemeinde Rosenort. Er war nach dem Krieg nach Uruguay ausgewandert und starb dort. Dück bezeichnet ihn als den „letzten Hüter der goldenen Medaille“. Daraus lässt sich schließen: Regehr dürfte über den genauen Umgang mit der Medaille in den letzten Kriegstagen mehr gewusst haben als spätere Generationen. Ob er den genauen Vergrabungsort weitergegeben hat, ist jedoch unklar. Dück stellt selbst die offene Frage, ob Regehr dieses Wissen „mit ins Grab genommen“ habe.


Nach dem Krieg kam es offenbar zu Suchaktionen oder Grabungen auf dem mennonitischen Friedhof in Rosenort. Dück berichtet von Erinnerungen an durchwühlte Gräber und aufgeworfene Erde. Er deutet diese Spuren vorsichtig als möglichen Zusammenhang mit einer späteren „Schatzsuche“ nach der Medaille. Auch das bleibt allerdings eine Vermutung. Ein gesicherter Nachweis, dass die Medaille gefunden wurde, liegt in den bekannten Quellen nicht vor.


Quellen:

  • Buch Hildebrandt´s Zeittafel

  • GAMEO: Warkentin, Cornelius (1740–1809).

  • GAMEO / Mennonite Library and Archives: Rosenort Mennonite Church records and history.

  • Global Mennonite History Series: Testing Faith and Tradition – Europe, Abschnitt zu Chortitza und Molotschna.

  • Chortitza.org / Ernst Regehr nach dem Christlichen Gemeinde-Kalender 1937: Bericht zur goldenen Ehrenmedaille von Kaiser Alexander I.

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