Bibel in der eigenen Sprache: Vor 30 Jahren erhielten die Enlhet im Chaco die ganze Heilige Schrift
- Redaktion

- 11. Mai
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Aktualisiert: 4. Juni

Am 11. Mai 1996 wurde den Enlhet-Gemeinden in Paraguay die vollständige Bibel in ihrer eigenen Sprache überreicht. Hinter diesem Tag stand eine jahrzehntelange Übersetzungsarbeit, die eng mit der mennonitischen Missionsgeschichte im paraguayischen Chaco verbunden ist.
Für das Volk der Enlhet, früher oft als „Lengua Norte“ bezeichnet, war der 11. Mai 1996 ein besonderer Tag. In einer offiziellen Feier wurde ihnen die vollständige Bibel in der Enlhet-Sprache übergeben. Damit lag Gottes Wort nicht mehr nur in Spanisch oder in fremden Sprachen vor, sondern in der Sprache, in der die Menschen dachten, beteten, erzählten und ihre Kinder unterwiesen. Die Übergabe markierte den Abschluss einer langen Arbeit, die besonders mit dem Missionar Dietrich Lepp und seinem indigenen Mitarbeiter Nito Acevedo verbunden ist.
Die Enlhet gehören zur Sprachfamilie Enlhet-Enenlhet, deren Sprecher im zentral-östlichen paraguayischen Chaco leben. Zu dieser Sprachfamilie werden unter anderem Enlhet, Enxet, Angaité, Sanapaná, Guaná und Toba gezählt. Enlhet ist dabei traditionell auch als „Lengua Norte“ bekannt, während Enxet früher oft als „Lengua Sur“ bezeichnet wurde. Sprachwissenschaftliche Arbeiten weisen darauf hin, dass es sich nicht bloß um zwei Dialekte, sondern um unterscheidbare Sprachformen innerhalb einer größeren Sprachfamilie handelt.
Die mennonitische Missionsarbeit unter den Enlhet begann im Umfeld der Kolonien im paraguayischen Chaco. Nach Angaben des Institute for the Study of Global Anabaptism gab es erste Kontakte zwischen Enlhet und mennonitischen Siedlern bereits 1932; 1935 begann die Missionsarbeit unter ihnen. Als wichtiger Wendepunkt wird die Taufe von sieben Enlhet-Männern im Jahr 1946 genannt.
Schon früh wurde deutlich, dass eine dauerhafte geistliche Arbeit nicht ohne biblisches Material in der eigenen Sprache auskommen konnte. Dafür musste jedoch mehr geschehen als eine einfache Übertragung einzelner Wörter. Die Enlhet-Sprache brauchte eine brauchbare schriftliche Form, grammatische Klärung und geeignete Begriffe für biblische Inhalte. Dietrich Lepp wurde 1964 vom Missionskomitee unter Beratung der United Bible Society mit der Übersetzungsarbeit beauftragt; Nito Acevedo arbeitete als sein sprachkundiger Enlhet-Mitarbeiter mit.
Die Arbeit war anspruchsvoll. Nach Darstellung von Menonitica mussten für manche biblische Begriffe erst nach langen Gesprächen passende Ausdrucksweisen gefunden werden. Das zeigt, dass Bibelübersetzung nicht nur Sprachkenntnis verlangt, sondern auch geistliches Verständnis, Geduld und Achtung vor der Gedankenwelt eines Volkes. Wiederholt prüften Lepp und Acevedo ihre Arbeit auch mit Fachleuten wie Eugene Nida und Jacob A. Loewen, die als Übersetzungsberater der American Bible Society tätig waren.
Ein erster großer Meilenstein wurde 1970 erreicht: Damals übergab die paraguayische Bibelgesellschaft gedruckte zweisprachige Neue Testamente in Enlhet und Spanisch. Nach Angaben zu „Licht den Indianern“ wurden 3.000 zweisprachige Exemplare des Neuen Testaments überreicht. Das Neue Testament wurde unter dem Titel Tasic Amyaa Enlhet Appayvam bekannt und in Gottesdiensten, Häusern, Bibelkursen, Konferenzen, Bibelschulen und weiteren Schulungsstätten verwendet.

Danach folgte die Arbeit am Alten Testament. 1971 begann zunächst eine heilsgeschichtliche Kurzfassung des Alten Testaments. Erst 1988 wurde die Übersetzung der noch fehlenden Teile des Alten Testaments in Angriff genommen. 1994 konnten die Datenträger mit der übersetzten Bibel an die Bibelgesellschaft übergeben werden; 1995 war die Übersetzung der ganzen Bibel in die Enlhet-Sprache abgeschlossen. Am 11. Mai 1996 wurde sie den Enlhet-Gemeinden offiziell überreicht.
Die Bibelübergabe war daher nicht nur ein sprachliches oder kulturelles Ereignis. Sie war ein geistlicher Einschnitt. Ein Volk, das lange am Rand der paraguayischen Gesellschaft stand, erhielt die Heilige Schrift in der eigenen Sprache. Für die Enlhet-Gemeinden bedeutete das eine Stärkung des Gemeindelebens, der Predigt, der Unterweisung und der Weitergabe des Glaubens an die nächste Generation.
Auch heute ist diese Bibel nicht nur ein historisches Druckwerk. Die Enlhet-Bibel ist inzwischen auch digital zugänglich: YouVersion führt die Enhlit Bible (ENHL) der Paraguayan Bible Society als verfügbare Bibelversion für „Lengua Norte (Paraguay) – Enhlit/Enhlet“. Damit ist ein Werk, das einst in mühevoller Übersetzungsarbeit auf Papier entstand, heute auch über moderne digitale Wege erreichbar.
Aus mennonitischer Sicht bleibt diese Bibelübergabe ein starkes Zeugnis dafür, wie Missionsarbeit, Sprachforschung, Zusammenarbeit mit einheimischen Gläubigen und Treue zur Heiligen Schrift zusammenwirken können. Besonders hervorzuheben ist, dass Nito Acevedo nicht nur als Helfer am Rand stand, sondern als indigener Mitarbeiter wesentlich dazu beitrug, dass Gottes Wort in der Sprache seines eigenen Volkes verständlich wurde.




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