17. September 1781: Kaiser Joseph II. öffnet Galizien für neue Siedler
Am 17. September 1781 erließ Kaiser Joseph II. ein Ansiedlungspatent für Galizien, das die weitere Entwicklung der erst wenige Jahre zuvor an Österreich gefallenen Provinz nachhaltig prägen sollte. Ausländische Handwerker, Gewerbetreibende und Bauern wurden eingeladen, sich dort niederzulassen. Besonders weitreichend war, dass nun auch protestantische Siedler größere Freiheiten erhielten.
Für die spätere Geschichte der Mennoniten in Galizien wurde dieses Patent von besonderer Bedeutung.

Galizien unter österreichischer Herrschaft
Galizien war 1772 infolge der ersten Teilung Polens unter habsburgische Herrschaft gekommen. Die österreichische Regierung bemühte sich anschließend, Landwirtschaft, Handwerk und Handel in der neuen Provinz zu fördern. Dazu sollten auch Siedler aus anderen Teilen Europas angeworben werden.
Bereits am 1. Oktober 1774 waren Einwanderern verschiedene Vergünstigungen zugesichert worden. Protestanten durften sich damals jedoch nur unter eingeschränkten Bedingungen ansiedeln. Joseph II. ging 1781 wesentlich weiter. Sein neues Patent sollte ausdrücklich mehr Menschen zur Niederlassung bewegen und zugleich die wirtschaftliche Entwicklung Galiziens fördern.

Lemberg, das heutige Lwiw, entwickelte sich unter österreichischer Herrschaft zum wichtigsten Verwaltungszentrum der Provinz. Auch viele der späteren deutschen und mennonitischen Siedlungen entstanden im weiteren Umfeld der Stadt.

Land, Steuerfreiheit und Unterstützung
Die Bedingungen waren für auswanderungswillige Familien attraktiv. Bauern und Ackerleute, die sich auf staatlichen Gütern niederließen, konnten ein Bauernhaus, Stallungen und landwirtschaftliche Geräte erhalten. Ihnen sollte außerdem ein angemessenes Stück Land zugeteilt werden.
Besonders bedeutend war die finanzielle Entlastung. Neu angesiedelte Bauern sollten zehn Jahre von bestimmten Steuern und Grundzinsen befreit bleiben. Auch bei den Frondiensten wurden ihnen zeitlich begrenzte Erleichterungen gewährt. Handwerker und Gewerbetreibende erhielten ebenfalls Vergünstigungen.
Joseph II. wollte auf diese Weise zuverlässige Bauern und Fachkräfte gewinnen, die neue Dörfer aufbauten, ungenutzte Flächen bewirtschafteten und zur wirtschaftlichen Entwicklung der Provinz beitrugen.

Neue Möglichkeiten für Protestanten
Von großer Bedeutung war die religiöse Frage. Protestantische Handwerker, Bauern und Gewerbetreibende erhielten nun wesentlich bessere Möglichkeiten, sich in Galizien niederzulassen.
Nur wenige Wochen später folgte ein weiterer wichtiger Schritt. Mit dem Toleranzpatent von 1781 gewährte Joseph II. Lutheranern, Reformierten und orthodoxen Christen weitergehende Rechte zur Ausübung ihres Glaubens. Unter bestimmten Voraussetzungen konnten eigene Bethäuser, Schulen und Gemeinden entstehen.
Damit wurden wirtschaftliche Ansiedlungspolitik und eine für die damalige Zeit bemerkenswerte religiöse Duldung miteinander verbunden.

Auch Mennoniten folgen dem Ruf nach Galizien
Für die mennonitische Geschichte erhielt die Ansiedlungspolitik Josephs II. eine besondere Bedeutung. Unter den deutschsprachigen Familien, die nach Galizien kamen, befanden sich auch Mennoniten. Viele von ihnen stammten aus der Pfalz und führten ihre Familiengeschichte teilweise auf schweizerische Täufer zurück.
In den 1780er Jahren ließen sich schließlich 28 mennonitische Familien im Raum südwestlich von Lemberg nieder. Zu ihren wichtigsten Siedlungsorten gehörten Einsiedel, Falkenstein und Rosenberg.
Für 1784 werden 18 mennonitische Familien in Einsiedel, sieben in Falkenstein und drei in Rosenberg genannt.
Falkenstein wurde von mehreren mennonitischen Familien aus der Pfalz mitbesiedelt. Unter ihnen befanden sich Familien mit Namen wie Bachmann, Ewy, Krehbiel, Mündlein und Schräg. Die österreichische Regierung unterstützte die Anlage neuer Siedlungen und stellte den Bauern Land zur Bewirtschaftung zur Verfügung.
Die Mennoniten brachten dabei landwirtschaftliche Erfahrungen, handwerkliche Fähigkeiten und ein stark ausgeprägtes Gemeindeleben mit.
Die Frage von Wehrdienst und Eid
Trotz der neuen religiösen Freiheiten waren für die Mennoniten zunächst nicht alle Fragen geklärt. Besonders die traditionelle mennonitische Ablehnung des Kriegsdienstes und der Eidesleistung führte zu Schwierigkeiten.
Die Mennoniten beriefen sich dabei auf ihre religiösen Überzeugungen. Die Nachfolge Jesu bedeutete für sie unter anderem Gewaltlosigkeit und die Ablehnung des persönlichen Eides.
In den folgenden Jahren bemühten sich die Gemeinden deshalb um besondere staatliche Regelungen. Schließlich erhielten die galizischen Mennoniten Zusicherungen, die ihnen ermöglichten, ihre Glaubensgrundsätze auch unter österreichischer Herrschaft weitgehend beizubehalten.
Damit konnten sich ihre Gemeinden zunächst unter vergleichsweise günstigen Bedingungen weiterentwickeln.
Eine neue Siedlungslandschaft entsteht
Die unter Joseph II. begonnene Ansiedlungspolitik veränderte Galizien nachhaltig. In den folgenden Jahrzehnten entstanden zahlreiche deutschsprachige Dörfer und Siedlungen.
Eine Karte aus dem frühen 20. Jahrhundert zeigt noch deutlich, wie weit sich diese Siedlungslandschaft später über Galizien erstreckte.

Der Beginn einer neuen mennonitischen Siedlungsgeschichte
Das Patent vom 17. September 1781 war deshalb weit mehr als eine wirtschaftspolitische Verordnung. Es trug dazu bei, eine größere Siedlungsbewegung nach Galizien in Gang zu setzen und eröffnete Bauern, Handwerkern und religiösen Minderheiten neue Möglichkeiten.
Für die Mennoniten wurde Galizien zu einer weiteren Station ihrer langen Wanderungsgeschichte. Aus den kleinen Gemeinden bei Lemberg entwickelten sich weitere mennonitische Siedlungen. Einige Familien zogen später weiter nach Wolhynien und von dort schließlich nach Nordamerika. Andere blieben über Generationen in Galizien.
So steht der 17. September 1781 auch in der mennonitischen Geschichte für einen wichtigen Wendepunkt. Ein kaiserliches Ansiedlungspatent eröffnete mennonitischen Familien aus dem südwestdeutschen Raum die Möglichkeit, in Galizien eine neue Heimat aufzubauen.
Quellen:
Fritz Seefeldt (Hg.): Quellenbuch zur deutschen Ansiedlung in Galizien unter Kaiser Joseph II., Plauen 1935, insbesondere S. 21–25. Enthält das Ansiedlungspatent Josephs II. vom 17. September 1781. Eine Online-Abschrift des historischen Textes ist bei „Begegnung mit Wolhynien“ verfügbar.
Galizien Deutsche e. V.: Siedlungsgeschichte. Überblick zur josephinischen Kolonisation, zum Ansiedlungspatent und zum Toleranzpatent von 1781.
German History in Documents and Images: Das Toleranzpatent Kaiser Josephs II. für die k.k. Erbländer (1781). Dokumentation des Toleranzpatents mit historischem Originaltext und Einordnung.
Isabel Röskau-Rydel: Ein- und Auswanderung der Deutschen in Galizien mit besonderer Berücksichtigung der Auswanderungsbewegung unter den evangelischen Deutschen Anfang des 20. Jahrhunderts. Zur österreichischen Ansiedlungspolitik und den Patenten von 1774 und 1781.
Global Anabaptist Mennonite Encyclopedia Online (GAMEO): „Falkenstein (Galicia, Poland)“. Zur Ansiedlung von sieben mennonitischen Familien aus der Pfalz in Falkenstein im Jahr 1784 und zur weiteren Geschichte der dortigen Mennoniten.
Mennonite Encyclopedia, Bd. 2, S. 434, Artikel zur mennonitischen Besiedlung Galiziens, über GAMEO zugänglich.





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