12. September 1860: Ein neues Schulhaus für Ohrloff
Am 12. September 1860 herrschte in Ohrloff, einem mennonitischen Dorf der Kolonie Molotschna im damaligen Südrussland, eine besondere Feststimmung. Nach langen Jahren ohne ein geeignetes eigenes Gebäude wurde die neu errichtete Zentralschule feierlich eingeweiht. Für die Mennoniten war dies weit mehr als die Eröffnung eines Schulhauses: Es war ein sichtbares Bekenntnis zur Bedeutung christlicher Bildung und zur Verantwortung gegenüber der heranwachsenden Generation.

Johann Cornies und die Anfänge der Schule
Ohrloff war 1805 von mennonitischen Einwanderern aus Westpreußen gegründet worden. Das Dorf entwickelte sich bald zu einem wichtigen geistlichen und kulturellen Mittelpunkt der Kolonie Molotschna. Einen entscheidenden Anteil daran hatte Johann Cornies, der in Ohrloff lebte und sich für eine Verbesserung der Landwirtschaft, des Gemeindelebens und besonders des Schulwesens einsetzte.
Auf seine Initiative entstand 1818 der „Verein für christliche Bildung“. Dieser gründete in Ohrloff eine weiterführende Schule, die 1822 ihren Unterricht aufnahm. Sie wurde zunächst als „Christliche Vereinsschule“ bezeichnet und gilt als eine der ersten weiterführenden mennonitischen Schulen im Russischen Reich.
Ihr erster Leiter war der aus Westpreußen gekommene Lehrer Tobias Voth. Ihm folgte Heinrich Heese, der die Schule von 1829 bis 1842 leitete.
Die Schule sollte junge Menschen über die einfache Dorfschulbildung hinaus unterrichten. Vor allem sollten künftige Lehrer ausgebildet und geeignete Männer auf Aufgaben als Gemeindeschreiber oder Verwaltungsbeamte vorbereitet werden. Dazu gehörte auch das Erlernen der russischen Sprache, die für den Umgang mit den staatlichen Behörden immer wichtiger wurde.
Ein schwerer Rückschlag
Im Jahr 1847 wurde das Ohrloffer Schulgebäude durch einen Brand zerstört. Damit erlitt die Bildungsarbeit, die Johann Cornies mit so viel Einsatz gefördert hatte, einen schweren Rückschlag. Cornies selbst starb bereits im folgenden Jahr. Dennoch blieb seine Überzeugung lebendig, dass eine Gemeinde gut ausgebildete und zugleich im christlichen Glauben gegründete Lehrer benötigte.
Es dauerte dreizehn Jahre, bis wieder ein geeignetes Schulgebäude zur Verfügung stand. Dass die Mennoniten trotz der damit verbundenen Kosten an dem Vorhaben festhielten, zeigt, welchen Stellenwert die Schule für die Gemeinschaft besaß.
Die feierliche Einweihung
Am 12. September 1860 konnte das neue Schulhaus schließlich feierlich eingeweiht werden. Die Fertigstellung bedeutete, dass die in Ohrloff begonnene weiterführende Bildungsarbeit nach dem Brand dauerhaft fortgesetzt werden konnte.
Die Bezeichnung „Berufsschule“ ist aus heutiger Sicht allerdings missverständlich. In Ohrloff wurden keine handwerklichen Berufe nach dem heutigen Berufsschulmodell erlernt. Die Einrichtung war vielmehr eine weiterführende Zentralschule. Sie vermittelte eine breitere Allgemeinbildung und bereitete ihre Schüler insbesondere auf den Lehrerberuf sowie auf Aufgaben in der Verwaltung vor.

Zum Unterricht gehörten neben Religion und Bibelkunde unter anderem Deutsch, Russisch, Rechnen und weitere allgemeinbildende Fächer. Die Verbindung von Glauben, Bildung und praktischem Dienst an der Gemeinschaft entsprach einem wichtigen mennonitischen Grundverständnis: Wissen sollte nicht allein dem persönlichen Fortkommen dienen, sondern zum Nutzen der Gemeinde und der Mitmenschen eingesetzt werden.
Lehrer für die mennonitischen Dörfer
Der Bedarf an gut ausgebildeten Lehrern war groß. Fast jedes Dorf der Molotschna verfügte über eine eigene Schule. Häufig hatten die dort tätigen Lehrer jedoch selbst nur eine begrenzte Ausbildung erhalten. Die Ohrloffer Schule sollte dazu beitragen, den Unterricht zu verbessern und verlässliche Bildungsgrundlagen zu schaffen.
Die Absolventen fanden später nicht nur als Lehrer Verwendung. Manche wurden Schreiber in den Dorf- und Gebietsämtern, andere übernahmen Aufgaben in Gemeinden oder wirtschaftlichen Einrichtungen. Die Zentralschule trug damit wesentlich dazu bei, dass die Mennoniten ihre Schulen und ihre innere Selbstverwaltung über Jahrzehnte weitgehend eigenständig führen konnten.
Gleichzeitig nahm die Bedeutung der russischen Sprache zu. Sie wurde benötigt, um staatliche Verordnungen zu verstehen, mit Behörden zu verhandeln und die Interessen der Gemeinden vertreten zu können. An der Ohrloffer Schule blieb Deutsch zunächst die wichtigste Unterrichtssprache. Erst 1888 wurde der Unterricht in den meisten Fächern auf Russisch umgestellt.
Gemeinde, Glaube und Schule
Das Bildungswesen der Molotschna war eng mit dem Glaubens- und Gemeindeleben verbunden. Die Bibel und die christliche Unterweisung bildeten wichtige Bestandteile des Unterrichts. Von Lehrern wurde deshalb nicht nur fachliches Wissen erwartet. Sie sollten den Kindern und Jugendlichen auch durch ihr persönliches Leben ein gutes Vorbild sein.
In Ohrloff lagen das kirchliche und das schulische Leben eng beieinander. Die Gemeinde trug Verantwortung für die Schule, während die ausgebildeten Lehrer später wiederum den Dörfern und Gemeinden dienten.

Ohrloff als Bildungszentrum
Durch die Zentralschule wurde Ohrloff weit über die eigenen Dorfgrenzen hinaus bekannt. Schüler aus verschiedenen Teilen der Kolonie kamen hierher, um ihre Ausbildung fortzusetzen. Das kleine mennonitische Dorf entwickelte sich dadurch zu einem bedeutenden Bildungs- und Kulturzentrum.
Neben der Schule verfügte Ohrloff später auch über weitere Einrichtungen. Dazu gehörten unter anderem eine Apotheke, verschiedene Handwerksbetriebe und ein Krankenhaus. Die Entwicklung des Dorfes zeigt, wie Bildung, wirtschaftliche Eigenständigkeit und gemeindliche Verantwortung einander ergänzten.

Ein bleibendes Erbe
Das 1860 eingeweihte Gebäude diente der Ohrloffer Zentralschule mehr als fünf Jahrzehnte. 1913 wurde es durch einen größeren und moderneren Neubau ersetzt, der im Mai 1914 eröffnet wurde. Dieser spätere Bau besaß einen zweigeschossigen Mittelteil und zwei niedrigere Seitenflügel. Er darf deshalb nicht mit dem 1860 eingeweihten Schulgebäude verwechselt werden.
Mit Revolution, Bürgerkrieg und sowjetischer Herrschaft endete schließlich die selbstständige mennonitische Bildungsarbeit in Ohrloff. Während des Zweiten Weltkriegs wurden die deutschstämmigen Bewohner aus der Region deportiert oder vertrieben. Von den einstigen Schulgebäuden ist heute nichts mehr erhalten.
Die Einweihung vom 12. September 1860 bleibt dennoch ein bedeutendes Ereignis der mennonitischen Bildungsgeschichte. Sie erinnert daran, dass die Gemeinden der Molotschna trotz wirtschaftlicher Belastungen und äußerer Schwierigkeiten bereit waren, in die Ausbildung ihrer Kinder zu investieren. Das neue Schulhaus stand für ihre Hoffnung, junge Menschen im christlichen Glauben zu stärken und sie zugleich auf einen verantwortungsvollen Dienst in Schule, Gemeinde und Gesellschaft vorzubereiten.
Quellen:
Regehr, T. D., unter Mitarbeit von J. I. Regehr: For Everything a Season: A History of the Alexanderkrone Zentralschule. CMBC Publications, Winnipeg 1988. Darin finden sich Angaben zur Ohrloffer Zentralschule und der Hinweis auf die Einweihungsansprache vom 12. September 1860. Digitalisierte Ausgabe der Canadian Mennonite University
Ansprache an die Glieder des Schulvereins zu Ohrloff bei der ersten Versammlung in der neuen Schule am 12. September 1860. Mennonite Heritage Centre Archives, Winnipeg, Bestand 1084, Mappe 4. Diese archivalische Quelle bestätigt Datum und Anlass der Einweihung.
Global Anabaptist Mennonite Encyclopedia Online: Secondary Education. Angaben zur Gründung der Ohrloffer Vereinsschule, zu Johann Cornies, Tobias Voth und Heinrich Heese sowie zur Aufgabe der Zentralschulen.
Global Anabaptist Mennonite Encyclopedia Online: Orloff Mennonite Church. Informationen über Ohrloff, die Gemeinde und die Entwicklung des Bildungswesens.
Global Anabaptist Mennonite Encyclopedia Online: Johann Cornies (1789–1848). Biografische Angaben sowie Informationen über den Verein für christliche Bildung.
Centre for Mennonite Brethren Studies: Johann Cornies (1789–1848). Angaben zu Cornies’ Schulreformen und zur Gründung der weiterführenden Schule in Ohrloff.
Cherkazyanova, Inna W.: Zentralschulen der deutschen Kolonien im Russischen Reich. Enzyklopädie der Russlanddeutschen. Informationen zu Aufgaben, Unterricht, russischer Sprache und Lehrerausbildung an den Zentralschulen.
Friesen, Rudy P.; Friesen, Edith Elisabeth: Bauwerke der Vergangenheit. Mennonitische Architektur, Landschaft und Siedlungen in Russland/Ukraine. Übersetzt von Heinrich Heidebrecht, Tweeback Verlag, Bonn 2016, besonders S. 395–403.
Mennonite Archival Information Database: Bestände zur Ohrloffer Zentralschule. Historische Fotografien und Beschreibungen der Schulgebäude, Schüler und Lehrer.
Mennonite Genealogy Resources: Schulregister der Kolonie Molotschna 1861/62. Zeitnahe Namens- und Schülerlisten aus den Dörfern der Molotschna.





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