11. September 1879: Der Menno-Stein in Witmarsum wird enthüllt
Am 11. September 1879 versammelten sich Mennoniten im friesischen Witmarsum zu einer besonderen Feier. Etwas außerhalb des Ortes wurde ein Denkmal für Menno Simons enthüllt. Der heute als Menno-Stein bekannte Obelisk sollte nicht nur an einen bedeutenden Täuferführer erinnern. Er sollte zugleich einen Ort bewahren, der über Generationen eng mit der mennonitischen Geschichte Witmarsums verbunden gewesen war.

Witmarsum – die Heimat Menno Simons
Menno Simons wurde um 1496 in Witmarsum in Friesland geboren. 1524 wurde er zum katholischen Priester geweiht und wirkte zunächst im benachbarten Pingjum. Später kehrte er nach Witmarsum zurück und übernahm dort das Priesteramt.
In diesen Jahren begann er sich zunehmend intensiv mit der Bibel auseinanderzusetzen und verschiedene Lehren seiner Kirche zu hinterfragen. Anfang 1536 legte er schließlich sein katholisches Amt nieder. Wenig später schloss er sich der Täuferbewegung an und wurde zu einer ihrer wichtigsten Führungspersönlichkeiten.

Menno wandte sich besonders gegen die gewaltsamen und revolutionären Strömungen, die das Täufertum während der Ereignisse von Münster schwer belastet hatten. Stattdessen trat er für Gemeinden ein, deren Leben durch Nachfolge Christi, Glaubenstaufe, Gemeindezucht und Gewaltlosigkeit geprägt sein sollte.
Von seinem Namen leitete sich schließlich die Bezeichnung Mennoniten ab.
Ein Bibelwort, das in seinen Schriften immer wieder eine zentrale Rolle spielte, stammt aus 1. Korinther 3,11:
„Denn einen anderen Grund kann niemand legen außer dem, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus.“
Gerade dieser Vers erhielt später auch einen wichtigen Platz am Denkmal in Witmarsum.

Ein alter Versammlungsort verschwindet
Der unmittelbare Anlass für die Errichtung des Denkmals entstand in den 1870er Jahren. Außerhalb Witmarsums befand sich ein kleines mennonitisches Gotteshaus. Das damals bestehende Gebäude war 1828 errichtet worden und hatte vermutlich einen älteren mennonitischen Versammlungsort ersetzt.
Als dieses Gebäude den Bedürfnissen der Gemeinde nicht mehr entsprach und durch eine neue Kirche im Ort ersetzt werden sollte, wollte man den geschichtsträchtigen Platz nicht einfach aufgeben.
Man entschied deshalb, dort ein bleibendes Erinnerungszeichen an Menno Simons und die mennonitische Geschichte Witmarsums zu errichten.
Seit 1877 gingen dafür Spenden aus zahlreichen täuferisch-mennonitischen Gemeinden ein. Beteiligt waren Gemeinden aus den Niederlanden und verschiedenen Teilen Deutschlands. Damit wurde die Errichtung des Denkmals zu einem gemeinschaftlichen Projekt weit über Witmarsum hinaus.
Ein bewusst schlichtes Denkmal
Mit dem Entwurf wurde der Leeuwardener Architekt H. H. Kramer beauftragt. Er entwarf keine Statue Menno Simons’, sondern eine vergleichsweise schlichte steinerne Gedenksäule.
Diese Zurückhaltung passte zur mennonitischen Tradition, die Personenkult und aufwendigen religiösen Darstellungen vielfach skeptisch gegenüberstand.
Das Denkmal besteht aus einem hohen Obelisken auf einem kräftigen Sockel. Mehrere Inschriften erinnern an Menno Simons, seinen Bruch mit der römisch-katholischen Kirche, die Geschichte des Ortes sowie an sein geistliches Fundament.
Besonders bedeutsam ist die Inschrift mit dem Hinweis auf 1. Korinther 3,11. Damit sollte deutlich werden, dass nicht Menno selbst das Fundament der Gemeinde sei, sondern Jesus Christus.
Der 11. September 1879
Am 11. September 1879 war es schließlich so weit. Das Denkmal wurde in einer größeren Feier seiner Bestimmung übergeben.
Eine wichtige Rolle spielten dabei Pieter Cool, ein emeritierter mennonitischer Prediger aus Harlingen, und Pieter Feenstra Jr., Prediger der Gemeinde Witmarsum. Feenstra hielt im neuen Kirchengebäude eine Festrede. Anschließend sprach Cool bei der eigentlichen Enthüllung des Denkmals.
Noch im selben Jahr veröffentlichten Cool und Feenstra das „Gedenkschrift van het Menno-Simons-Monument“. Darin wurden die Entstehungsgeschichte des Denkmals, die Festrede und die Ansprache zur Enthüllung festgehalten. Dadurch ist die Feier vom 11. September 1879 vergleichsweise gut dokumentiert.

Nicht alle Mennoniten begrüßten das Denkmal
Die Errichtung eines Denkmals für einen einzelnen Glaubensführer war unter Mennoniten keineswegs unumstritten.
Einige befürchteten, eine solche Ehrung könne der schlichten täuferischen Tradition widersprechen und Menno Simons stärker hervorheben, als dieser es selbst gewollt hätte. Aus Nordamerika sind sogar deutlich ablehnende Stimmen überliefert.
Andere sahen den Stein dagegen nicht als Verehrung einer Person, sondern als geschichtliches Erinnerungszeichen.
Gerade darin liegt eine interessante Spannung: Wie kann eine Glaubensgemeinschaft ihre Geschichte und bedeutende Persönlichkeiten würdigen, ohne Menschen an die Stelle Christi zu setzen?
Die Inschrift aus 1. Korinther 3,11 gab darauf bereits 1879 eine klare Antwort.
Wie sicher ist der historische Ort?
Im 19. Jahrhundert ging man davon aus, dass Menno Simons an dieser Stelle nach seinem Austritt aus der katholischen Kirche zu seinen ersten Anhängern gesprochen habe. Diese Überlieferung fand sogar Eingang in die Inschriften des Denkmals.
Aus heutiger Sicht muss diese Aussage vorsichtiger beurteilt werden. Nach Mennos Bruch mit der katholischen Kirche war eine offene Tätigkeit in seiner Heimatregion wegen der starken Verfolgung der Täufer kaum möglich.
Historisch sicher ist dagegen, dass der Platz über viele Generationen hinweg ein bedeutender Versammlungsort der Mennoniten von Witmarsum war. Die geschichtliche Bedeutung des Ortes bleibt daher bestehen, auch wenn sich nicht jede einzelne Überlieferung zweifelsfrei belegen lässt.

Vom friesischen Dorf zum internationalen Erinnerungsort
Noch heute steht der Menno-Stein außerhalb Witmarsums. Denkmal und Gelände stehen inzwischen unter Denkmalschutz.
Aus einem lokalen Erinnerungsort ist längst ein Ziel für Besucher aus vielen Ländern geworden. Mennoniten aus Europa sowie aus Nord- und Südamerika besuchen Witmarsum, um sich mit den Anfängen ihrer Glaubensgeschichte auseinanderzusetzen.
Der Menno-Stein erinnert dabei nicht nur an eine historische Persönlichkeit. Gerade seine zentrale Inschrift verhindert, dass die Aufmerksamkeit bei Menno Simons selbst stehenbleibt.
Das Denkmal weist auf den Grundsatz hin, den Menno immer wieder betonte:
Das Fundament der Gemeinde ist nicht ein Mensch, sondern Jesus Christus.
So steht der Menno-Stein seit dem 11. September 1879 als Erinnerungszeichen für mehr als drei Jahrhunderte mennonitischer Geschichte in Friesland – und zugleich für eine Überzeugung, die Menno Simons selbst zum Mittelpunkt seines Wirkens machte:
„Denn einen anderen Grund kann niemand legen außer dem, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus.“
Quellen:
Cool, Pieter / Feenstra Jr., Pieter: Gedenkschrift van het Menno-Simons-Monument. Zwolle: W. E. J. Tjeenk Willink, 1879. Zeitgenössische Dokumentation zur Errichtung und Einweihung des Menno-Steins. Eine zeitgenössische Besprechung bestätigt die Feier vom 11. September 1879 und beschreibt Anlass sowie Unterstützung des Projekts.
Global Anabaptist Mennonite Encyclopedia Online (GAMEO): „Menno Monument (Witmarsum, Friesland, Netherlands)“. Angaben zur Entstehung des Denkmals, zur Kritik an seiner Errichtung und zur mennonitischen Erinnerungsgeschichte.
Global Anabaptist Mennonite Encyclopedia Online (GAMEO): „Witmarsum (Friesland, Netherlands)“. Zur mennonitischen Gemeinde in Witmarsum und zur Einweihung des Denkmals am 11. September 1879 durch Pieter Cool.
Kobelt-Groch, Marion: „Menno Simons“, in: Neue Deutsche Biographie, Bd. 17, 1994, S. 85–86. Zur Biografie Menno Simons’, seiner Priesterzeit in Pingjum und Witmarsum sowie seinem Übergang zur Täuferbewegung.
Digitale Bibliotheek voor de Nederlandse Letteren (DBNL): Historische Texte zu Menno Simons und seiner Wirkungsgeschichte; darunter Hinweise auf sein Leitwort aus 1. Korinther 3,11 und auf das 1879 errichtete Denkmal in Witmarsum.





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