11. und 12. September 1943: Der große Treck verlässt Molotschna

Am 11. und 12. September 1943 begann für Tausende Mennoniten in der Südukraine der endgültige Abschied von ihrer Heimat. In langen Wagenkolonnen verließen sie die Dörfer der Kolonie Molotschna und zogen nach Westen. Was zunächst als geordnete Evakuierung begann, entwickelte sich zu einer monatelangen Flucht voller Entbehrungen – und für viele zum Beginn eines jahrelangen Leidensweges.
Eine zerstörte Gemeinschaft
Die 1804 gegründete Kolonie Molotschna hatte sich im 19. Jahrhundert zu einem bedeutenden Mittelpunkt des mennonitischen Lebens entwickelt. Die Bewohner gründeten zahlreiche Dörfer, bauten Schulen und Gemeinden auf und machten die Region zu einem wichtigen Zentrum der Landwirtschaft und des Handwerks.
Nach der kommunistischen Machtübernahme wurde diese gewachsene Ordnung jedoch weitgehend zerstört. Landwirtschaftliche Betriebe wurden enteignet und kollektiviert, Kirchen geschlossen und christliche Unterweisung verboten. Besonders während der stalinistischen Verfolgungen der 1930er-Jahre wurden zahlreiche mennonitische Männer verhaftet, erschossen oder in Arbeitslager verschleppt. Viele Familien bestanden 1943 deshalb nur noch aus Frauen, Kindern und älteren Menschen.
Als die deutsche Wehrmacht 1941 die Südukraine besetzte, endeten zunächst die sowjetischen Verfolgungen. Gottesdienste und christliche Versammlungen waren teilweise wieder möglich. Zugleich gerieten die Mennoniten jedoch unter die Herrschaft des nationalsozialistischen Besatzungsapparates. Einige übernahmen Aufgaben in der Verwaltung, andere wurden in deutsche militärische oder polizeiliche Einheiten eingezogen. Auch die Beteiligung einzelner Mennoniten an nationalsozialistischen Verbrechen gehört zu diesem schwierigen und noch nicht vollständig aufgearbeiteten Kapitel ihrer Geschichte. Das Mennonitische Lexikon weist ausdrücklich auf diese doppelte Erfahrung von Verfolgung und Verstrickung hin

Die Front rückt näher
Nach der deutschen Niederlage bei Stalingrad ging die Rote Armee 1943 immer entschlossener zum Angriff über. Am 8. September fiel Stalino, das heutige Donezk, etwa 230 Kilometer östlich von Molotschna. Kanonendonner und nächtliche Leuchtsignale kündigten das Herannahen der Front an.
Unter den Mennoniten wuchs die Angst vor der Rückkehr der sowjetischen Herrschaft. Viele befürchteten neue Verhaftungen und Deportationen. Wer während der deutschen Besatzung geblieben war oder für deutsche Stellen gearbeitet hatte, musste damit rechnen, als Verräter behandelt zu werden.
Gleichzeitig bereitete die nationalsozialistische „Volksdeutsche Mittelstelle“ die Räumung der deutschsprachigen Siedlungen vor. Die Bewohner konnten daher nicht frei über ihr weiteres Schicksal entscheiden. Zwar wollten die meisten aus Furcht vor sowjetischen Vergeltungsmaßnahmen nach Westen ziehen; die Evakuierung wurde jedoch von deutschen und nationalsozialistischen Stellen angeordnet, kontrolliert und teilweise mit Zwang durchgesetzt.
Nur wenige Tage zur Vorbereitung
Am 9. September erhielten die Dorfvorsteher den Befehl, sämtliche Bewohner auf die Abreise vorzubereiten. Für jedes Gehöft sollte möglichst ein Pferdewagen bereitstehen. Weil nicht genügend Wagen vorhanden waren, mussten ukrainische Bauern zusätzliche Fuhrwerke abgeben. Mehrere Familien teilten sich häufig einen Wagen.
Mitgenommen werden durfte nur das Nötigste: Kleidung, Bettzeug, Lebensmittel, Kochgeschirr und einige persönliche Erinnerungsstücke. Viele Familien versuchten außerdem, eine Kuh oder einige Schafe mitzunehmen. Ein erheblicher Teil des Viehs und fast der gesamte Besitz mussten jedoch zurückbleiben. Für eine Reise, deren Dauer und Ziel niemand kannte, blieben nur zwei oder drei Tage Vorbereitung.
Bereits am 11. September versammelten sich die Bewohner von Steinfeld und brachen mit 64 Wagen auf. Familien aus Grünfeld schlossen sich ihnen an. Ein deutscher Offizier befahl den vorzeitig Aufgebrochenen zunächst die Rückkehr und drohte mit schweren Strafen. Bald darauf wurde jedoch auch die allgemeine Evakuierung freigegeben.

Der Abschied von Molotschna
Am 12. September 1943 setzte sich der große Treck aus dem Gebiet um Halbstadt in Bewegung. Die Bewohner waren in fünf große Kolonnen eingeteilt. Jedes Dorf bildete eine eigene Gruppe, kleinere Einheiten umfassten jeweils etwa 20 Familien. Bürgermeister, Mitarbeiter der „Volksdeutschen Mittelstelle“ und deutsche Begleitmannschaften überwachten den Zug.
Ein Augenzeuge erinnerte sich später an den Abschied „ohne Abschied“ und an die verhaltenen Tränen der Menschen. Tausende Fuhrwerke bewegten sich in mehreren Reihen durch die staubige Steppe. Hinter ihnen lagen die Häuser, Felder, Gärten, Schulen und Bethäuser, die über Generationen zum Mittelpunkt ihres Lebens gehört hatten.
Die Kolonnen erstreckten sich über viele Kilometer. Bei sengender Hitze zogen die Wagen zunächst dem Dnjepr entgegen. Alte und kranke Menschen sollten teilweise mit der Eisenbahn befördert werden, doch dort gab es nicht genügend Platz. Viele mussten trotz ihres schlechten Gesundheitszustandes in den Planwagen reisen.
Eine beschwerliche Reise
Schon wenige Tage nach dem Aufbruch setzte kalter Regen ein. Die Wege verwandelten sich in tiefen Schlamm, Wagen blieben stecken und Tiere brachen erschöpft zusammen. Unterwegs mussten Futter, Wasser und Lebensmittel beschafft werden. Geschlafen wurde in den Wagen, unter freiem Himmel, in Scheunen oder verlassenen Kolchosställen.
Am 20. September erreichten die Flüchtlinge den Dnjepr. Zwischen Kachowka und Berislaw mussten sie den breiten Fluss auf zwei schwankenden Behelfsbrücken überqueren. Die Überfahrt dauerte die ganze Nacht. Frauen und Kinder fürchteten, die Wagen könnten ins Wasser stürzen. Deutsche Soldaten halfen beim Führen der Pferde und bei der Reparatur beschädigter Räder.
Besonders schwer trugen Frauen die Last des Trecks. Viele waren allein verantwortlich für Kinder, ältere Angehörige, Pferde und Vieh, weil ihre Männer bereits Jahre zuvor verhaftet, deportiert oder zum Militärdienst eingezogen worden waren. Krankheit, Hunger und Erschöpfung begleiteten die Familien. Manche alten Menschen und Kinder überlebten die Reise nicht und wurden unterwegs begraben.
Trotz aller Not versuchten die Flüchtlinge, ihr geistliches Leben aufrechtzuerhalten. Wo es möglich war, hielten sie Andachten, sangen gemeinsam und suchten Trost im Gebet. Für viele wurde der Glaube zur wichtigsten Stütze in einer Zeit, in der sie alles Sichtbare verloren hatten.

Im Warthegau endet die Flucht noch nicht
Nach zahlreichen Zwischenstationen wurden die Flüchtlinge zunächst in ukrainischen und westukrainischen Dörfern untergebracht. Anfang 1944 transportierten deutsche Behörden einen großen Teil von ihnen mit überfüllten Zügen in den Warthegau. Dabei handelte es sich nicht um eine sichere deutsche Heimat, sondern um annektiertes polnisches Gebiet, das im Rahmen der nationalsozialistischen Siedlungspolitik „eingedeutscht“ werden sollte. Die Unterbringung der Mennoniten war damit Teil eines verbrecherischen Systems, unter dem besonders die polnische Bevölkerung litt.
Insgesamt wurden beim deutschen Rückzug etwa 350.000 sogenannte Volksdeutsche aus der Ukraine nach Westen gebracht, darunter ungefähr 35.000 Menschen mennonitischer Herkunft. Der Aufbruch aus Molotschna bildete den Anfang jener Fluchtbewegung, die später als „Großer Treck“ bezeichnet wurde.
Auch im Warthegau fanden die Familien keine dauerhafte Heimat. Anfang 1945 mussten sie erneut vor der Roten Armee fliehen. Rund 23.000 der ursprünglich 35.000 mennonitischen Flüchtlinge wurden nach Kriegsende aufgegriffen und zwangsweise in die Sowjetunion zurückgebracht. Viele kamen nicht in ihre Heimatdörfer zurück, sondern wurden nach Sibirien oder Zentralasien verbannt. Etwa 12.000 entgingen der Rückführung und konnten später vor allem nach Kanada, Paraguay, Uruguay und Argentinien auswandern.
Ein Abschied für Generationen
Als die Wagen am 11. und 12. September 1943 Molotschna verließen, wussten die Menschen nicht, dass die meisten ihre Heimat niemals wiedersehen würden. Der Treck bedeutete nicht nur den Verlust von Häusern und Feldern. Mit ihm endete nach fast 140 Jahren eine zusammenhängende mennonitische Siedlungsgeschichte in dieser Region.
Zurück blieben verlassene oder zerstörte Dörfer. Mitgenommen wurden einige Habseligkeiten, die Erinnerung an die alte Heimat und der Glaube, dass Gott seine Kinder auch auf einem Weg ins Ungewisse nicht verlässt. Heute leben die Nachkommen der Flüchtlinge über viele Länder verstreut. Die Erinnerung an den großen Treck verbindet sie bis heute mit Molotschna und mit dem schweren Schicksal ihrer Vorfahren.
Weiterführende Informationen über die Flucht in der Zeitschrift Aquila.
Quellen:
Volodymyr Martynenko und Nataliya Venger: „Flucht aus der Heimat – der ‚Große Treck‘ aus der Ukraine in den Warthegau 1943–44“, bearbeitet von Naemi Fast, Aquila 3/2023 und 4/2023.
Global Anabaptist Mennonite Encyclopedia Online: Great Trek, 1943–1945
Marlene Epp: Women without Men: Mennonite Refugees of the Second World War. University of Toronto Press, 2000.





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