15. Oktober 1874: Mennoniten kaufen 100.000 Acres Land in Kansas
Am 15. Oktober 1874 berichtete das Topeka Commonwealth über ein außergewöhnliches Landgeschäft im US-Bundesstaat Kansas. Russische Mennoniten hatten von der Atchison, Topeka & Santa Fe Railway rund 100.000 Acres Land erworben. Das Geschäft wurde als das größte zusammenhängende Landgeschäft bezeichnet, das bis dahin in der Geschichte von Kansas abgeschlossen worden war.
100.000 Acres entsprechen rund 40.500 Hektar. Damit ging innerhalb kurzer Zeit eine gewaltige Fläche Prärieland in den Besitz mennonitischer Einwanderer über.

Auf der Suche nach einer neuen Heimat
Der große Landkauf stand unmittelbar mit der mennonitischen Auswanderung aus dem Russischen Reich in Verbindung. Dort hatten die Mennoniten seit ihrer Ansiedlung Ende des 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts besondere Privilegien besessen. Besonders wichtig war ihnen die Befreiung vom Militärdienst.
Als sich abzeichnete, dass diese Sonderrechte im Zuge von Reformen nicht dauerhaft bestehen würden, begannen zahlreiche Familien nach einer neuen Heimat zu suchen. Eine mennonitische Delegation bereiste bereits 1873 Nordamerika und untersuchte mögliche Siedlungsgebiete.
Kansas erwies sich dabei als besonders geeignet. Große Flächen fruchtbaren Landes waren verfügbar, und die Eisenbahngesellschaft Santa Fe war stark daran interessiert, erfahrene Landwirte entlang ihrer Bahnlinien anzusiedeln.

Mennoniten treffen in Kansas ein
Im Jahr 1874 kamen schließlich zahlreiche mennonitische Familien aus dem Russischen Reich nach Nordamerika. Besonders bedeutend war die geschlossene Einwanderung der Alexanderwohl-Gemeinde aus der Molotschna.
Ein großer Teil dieser Gruppe erreichte im September 1874 Kansas. Zunächst wurden die Neuankömmlinge vorübergehend untergebracht, während Vertreter der Gemeinde das Land prüften und mit der Eisenbahngesellschaft über den Kauf großer Flächen verhandelten. Nur wenige Wochen später war die Entscheidung gefallen.

Bildunterschrift: Eine der einfachen ersten Unterkünfte russischer Mennoniten in Gnadenau, Kansas. Die 1875 veröffentlichte Illustration zeigt, unter welchen bescheidenen Bedingungen manche Einwanderer ihre neue Heimat auf der Prärie aufbauten. Quelle: Frank Leslie’s Illustrated Newspaper, 1875, gemeinfrei.
Landkauf und Investitionsvolumen: 1,5 Millionen Dollar
In historischen Berichten – wie etwa in Hildebrand’s Zeittafel oder damaligen Lokalzeitungen – wird im Zusammenhang mit dem Kauf oft eine Summe von rund 1,5 Millionen Dollar genannt.
Rechnerisch würde dies bei 100.000 Acres etwa 15 Dollar pro Acre entsprechen. Für unerschlossenes Bahnland in Kansas lag der tatsächliche Bodenpreis 1874 jedoch gewöhnlich nur zwischen 2,50 und 5,00 Dollar pro Acre.
Historiker ordnen die Zahl von 1,5 Millionen Dollar daher heute anders ein: Sie beschreibt nicht allein den reinen Grundbesitzerwerb, sondern das gesamte mitgebrachte Kapital und Investitionsvolumen dieser Einwanderungswelle. Die Mennoniten kamen nicht als mittellose Einzelwanderer. Viele Familien verkauften zuvor ihren Besitz im Russischen Reich und brachten beträchtliche Mittel mit. Dieses Kapital floss neben dem reinen Bodenkauf in die Transportkosten, den Erwerb von Vieh, Saatgut und landwirtschaftlichen Geräten sowie in den zügigen Aufbau neuer Höfe und Infrastruktur.
Gemeinden sollten zusammenbleiben
Für die Mennoniten war der Landkauf mehr als eine wirtschaftliche Investition. Entscheidend war die Möglichkeit, größere zusammenhängende Siedlungsgebiete zu erwerben.
Dadurch konnten Familien und Gemeinden beieinanderbleiben. Sie wollten ihren Glauben bewahren, eigene Gemeinden aufbauen, ihre Kinder unterrichten und ihre Lebensweise auch in der neuen Heimat fortführen.
In Zentral-Kansas entstanden deshalb innerhalb weniger Jahre zahlreiche mennonitische Höfe und Siedlungen. Besonders die Gegend um Newton, Goessel, Halstead, Peabody und Hillsboro entwickelte sich zu einem wichtigen Zentrum mennonitischen Lebens.

Bildunterschrift: Mennoniten beim Gottesdienst auf der Prärie in Kansas. Die zeitgenössische Darstellung von 1875 macht deutlich, dass die Einwanderer nicht nur neues Land suchten, sondern auch ihren Glauben und ihr gemeinschaftliches Gemeindeleben in der neuen Heimat bewahren wollten. Quelle: Frank Leslie’s Illustrated Newspaper, 1875, gemeinfrei.
Aus Prärie wird Ackerland: Die Revolution durch „Turkey Red Wheat“
Die Neuankömmlinge verfügten über jahrzehntelange Erfahrung in der Steppenlandwirtschaft Südrusslands und der Ukraine. Ein entscheidendes Schlüsselelement für ihren Erfolg in der neuen Heimat war das mitgebrachte Saatgut: Der ertragreiche Hartwinterweizen (Turkey Red Wheat).
Diese Weizensorte war ideal an die trockenen Sommer und kalten Winter der Great Plains angepasst. Die Einführung des Turkey Red Wheat revolutionierte den Ackerbau in Kansas nachhaltig und verwandelte die einst karge Prärie innerhalb weniger Jahre in eine der produktivsten Kornkammern Nordamerikas. Der Erfolg des Weizenanbaus legte den Grundstein für den raschen wirtschaftlichen Aufstieg der Region.
Bis heute mennonitisch geprägt
Die Ansiedlung von 1874 war keine vorübergehende Erscheinung. Noch heute leben im damaligen Siedlungsgebiet in Zentral-Kansas zahlreiche Mennoniten und Nachkommen der damaligen Einwanderer.
Besonders die Gegend um Goessel, Newton, North Newton, Hillsboro und Hesston gehört weiterhin zu den bedeutenden mennonitischen Zentren der Vereinigten Staaten.
Die Alexanderwohl Mennonite Church bei Goessel geht unmittelbar auf jene Gemeinde zurück, die 1874 aus der Molotschna nach Kansas kam. Damit ist die Verbindung zwischen dem großen Landkauf von 1874, dem landwirtschaftlichen Pioniergeist und dem heutigen mennonitischen Leben auch mehr als 150 Jahre später noch sichtbar.

Bildunterschrift: Mennoniten vor der Alexanderwohl Mennonite Church in Goessel, Kansas, im Oktober 1896. Nur gut zwei Jahrzehnte nach der Einwanderung von 1874 hatte sich in Zentral-Kansas bereits ein dauerhaftes mennonitisches Gemeindeleben entwickelt. Quelle: Mennonite Church USA Archives, keine bekannten urheberrechtlichen Beschränkungen.
Der Bericht vom 15. Oktober 1874 zeigt, in welchem Umfang die mennonitische Einwanderung bereits kurz nach ihrer Ankunft Gestalt annahm.
Mit dem Erwerb von rund 100.000 Acres Land und einem Gesamtkapital von geschätzten 1,5 Millionen Dollar schufen die Einwanderer die wirtschaftliche Grundlage für eine neue Heimat. Durch die Einführung des Hartwinterweizens prägten sie die Landwirtschaft des Bundesstaates dauerhaft und erhielten gleichzeitig die Strukturen für ihr kirchliches und gemeinschaftliches Leben bis in die Gegenwart.
Quellen:
J. J. Hildebrand: Hildebrand’s Zeittafel, Eintrag zum 15. Oktober 1874, Angaben zum Landerwerb und Investitionsumfang.
Kansas Historical Society: Norman E. Saul, The Migration of the Russian-Germans to Kansas, zur Einwanderung von 1874, Landkäufen, Kapital und landwirtschaftlicher Entwicklung. Kansas Historical Society
Kansas Historical Society: Turkey Red Wheat, zur Überlieferung und Bedeutung des Hartwinterweizens für Kansas. Kansas Historical Society
Kansas Historical Society: From Far Away Russia, zur wirtschaftlichen Bedeutung der Einwanderung und Entwicklung Kansas zum Weizenstaat. Kansas Historical Society
Kansas Historical Society: Mennonites in Kansas, Überblick zur mennonitischen Ansiedlung und zum landwirtschaftlichen Wissen der Einwanderer.
Mennonite Library and Archives, Bethel College, North Newton, Kansas





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