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13.–18. Januar 1925: Mennoniten-Konferenz in Moskau – letzte Bundeskonferenz in der Sowjetunion







Als sich im Januar 1925 mennonitische Leiter aus fast allen Siedlungsgebieten der Sowjetunion in Moskau trafen, ging es nicht um Routinefragen. Die Gemeinden standen nach Revolution, Bürgerkrieg, Enteignungen und Hungerjahren vor der Kernfrage: Wie kann Gemeindeleben (Gottesdienst, Schule, Diakonie, Leitung) in einem Staat weiterbestehen, der Religion grundsätzlich misstraut – und zunehmend bekämpft? 


Warum ausgerechnet Moskau?


Moskau war bewusst gewählt: Dort saßen die zentralen Behörden, dort hoffte man, mit einer gemeinsamen Stimme Mindestbedingungen für das Fortbestehen der Gemeinden auszuhandeln. Träger und organisatorischer Rahmen war die Kommission für Kirchenangelegenheiten (KfK) – ein gesamtmennonitisches Gremium, das nach der Revolution wiederaufgebaut worden war und als Ansprechpartner gegenüber dem Staat fungieren sollte.


Wer nahm teil – 73, 75 oder 77?


In den Quellen erscheinen verschiedene Zahlen, die sich gut erklären lassen:

  • 73 Delegierte nennt das Mennonitische Lexikon (MennLex).

  • In zeitgenössischen Rückblicken werden auch 75 Delegierte erwähnt.

  • Berühmt wurde die Tagung durch das große Gruppenfoto mit 77 Männern („The Faithful 77“). Hier zählt man die abgebildeten Leiter – nicht nur die stimmberechtigten Delegierten.


Leitende Figuren waren u. a. Alexander Ediger und Jakob Rempel; im Umfeld dieser Konferenz wurde zudem ein (neu gewähltes) KfK-Komitee benannt.


Vorgeschichte: Das Memorandum von 1924


Ein wichtiger Schritt auf dem Weg nach Moskau war ein Memorandum der KfK vom 23. Mai 1924 an die sowjetische Regierung. Darin wurden Forderungen formuliert, die für das mennonitische Gemeindeleben existenziell waren. Besonders brisant war der letzte Punkt: die Bitte, als wehrlose Kirche vom Militärdienst befreit zu werden – zumal Mennoniten (anders als einige andere Gruppen) nicht automatisch von früheren Ausnahmeregelungen profitierten.


Themen der Konferenz: Mindestschutz für Gemeinde, Schule und Diakonie


Aus Berichten wird deutlich, wie breit die Agenda war. Es ging u. a. um:

  • ungehinderte Versammlungs- und Gottesdienstmöglichkeiten

  • den Fortbestand von Alten-, Kranken- und Waisen-/Kinderhäusern

  • Fragen der Schule, religiösen Unterweisung und Ausbildung (inkl. Bibelschule/Lehrdienst)

  • Steuer- und Abgabenlast, die kirchliche und soziale Arbeit bedrohte

  • Versorgung mit Bibeln und christlicher Literatur

  • Stärkung von Wanderdiensten (Predigtdienst) und Mission sowie Fragen der inneren Ordnung/Disziplin


In diesem Zusammenhang steht auch der Plan für eine eigene Zeitschrift: „Unser Blatt“, herausgegeben „im Auftrage der Allgemeinen Bundeskonferenz“. Dass dieses Vorhaben nicht nur Idee blieb, zeigt die spätere Geschichte: Die Monatsschrift erschien ab Oktober 1925 (Druck u. a. in Melitopol) und lief – solange es noch möglich war – bis Juni 1928; als Auflage werden ca. 2.500 Exemplare genannt.


„Zweite Märtyrersynode“: Folgen und Verfolgung


Schon das Gruppenfoto im winterlichen Moskau wirkt im Rückblick wie ein Symbol. Denn die Verhandlungen blieben letztlich ergebnisarm, während die staatliche Überwachung zunahm. In der Erinnerung trägt die Tagung deshalb den Beinamen „Zweiter Märtyrersynode“: Viele der anwesenden Leiter gerieten später in den Strudel von Verhören, Lagerhaft und Tod. Die Überlieferung schwankt bei der Zahl derer, die entkommen konnten: In einem Überblick heißt es, nur 19 der Leiter seien in den Westen entkommen (die meisten nach Kanada), an anderer Stelle ist von nur 15 die Rede. Beides unterstreicht die Tragik: Seehr wenige überlebten in Freiheit. 


Ein letztes Aufbäumen – und dann das Ende


Für Juni 1926 war erneut eine gesamtsowjetische Konferenz geplant, sie wurde jedoch nicht mehr genehmigt. Stattdessen fand im Oktober 1926 in Melitopol eine regionale (allukrainische) Konferenz statt – ein letztes, kleineres Fenster, bevor organisierte kirchliche Arbeit immer stärker abgewürgt wurde.


In Übersichten wird die KfK-Arbeit in der Sowjetunion schließlich als ab 1926/27 praktisch unmöglich beschrieben; 1927 endete sie unter Druck der Behörden.


Einordnung: Zwischen Bleiben und Gehen


Die Moskauer Konferenz steht wie unter einem Brennglas für das Dilemma der 1920er Jahre: Bleiben und die eigenen Grundlagen verteidigen – oder auswandern, um Glauben und Gemeindeleben zu bewahren. Nicht zufällig setzte die Emigration Richtung Kanada bereits in den frühen 1920ern ein, und im selben Jahr 1925 tagte erstmals die Mennonitische Weltkonferenz in Basel (13.–16. Juni 1925) – ein Zeichen, dass sich mennonitische Netzwerke international neu formierten, während sie in der UdSSR enger wurden.


Quellen:

  • Mennoniten-Weltweit (Originalbeitrag): „13. Januar 1925 Mennoniten Konferenz in Russland“.

  • Chortitza.org: Dossier + Delegiertenfoto „Allgemeine Mennoniten-Konferenz … 13–18 Januar 1925, Moskau“.

  • MennLex: „Sowjetunion (Mennoniten nach 1917)“ (73 Delegierte, Memorandum 1924, Militärdienstfrage).

  • Mennonite Historian 49/1 (März 2023): „The Faithful 77“ / „Second Martyrs’ Synod“ (Kontext, Zielsetzung, Repression).

  • Martyrstories.org: Jakob Aron Rempel (KfK, Moskau-Konferenz, Verfolgung).

  • Museum für russlanddeutsche Kulturgeschichte: „Mennonitische Identität in der Sowjetunion“ (Wehrlosigkeit, Selbstschutz, 1925).

  • Peter Neufeld / Gospel Studies PDF: Hinweis auf 1925 (Selbstschutz als Fehler, erneuter Pazifismus).

4 Kommentare


Erna Wilhelm
13. Jan.

Gibt es Lebensdaten vom Jakob Rempel?

Gefällt mir

Erna Wilhelm
13. Jan.

Gibt es eine Aufzeichnung/ Namensliste von den Teilnehmern?

Gefällt mir
Erna Wilhelm
vor 7 Tagen
Antwort an

Danke Andreas!

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