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10. Januar 1931: Fernheim schickt Kundschafter – die Suche nach „besserem Land“ beginnt

Filadelfia das Zentrum der Kolonie Fernheim 1945
Filadelfia das Zentrum der Kolonie Fernheim 1945

Am 10. Januar 1931 (in der Fernheimer Überlieferung als Abreisetag genannt) machten sich Gerhard Isaak und Kornelius Langemann von der jungen Kolonie Fernheim im paraguayischen Chaco aus auf den Weg. Ihr Auftrag: Ostparaguay prüfen – als mögliches, besseres Siedlungsgebiet. In den maßgeblichen Darstellungen wird die Beauftragung auf Dezember 1930 datiert; sie erfolgte durch die Kolonie bzw. eine Siedlerversammlung.


Ein Auftrag, geboren aus Not und Unsicherheit


Fernheim war damals kaum ein halbes Jahr offiziell gegründet: am 1. Juli 1930 entstand die Kolonie als zweite mennonitische Siedlung im Chaco, in Nachbarschaft zur Kolonie Menno. Die ersten Gruppen der aus Europa kommenden Russlandflüchtlinge waren angekommen, gründeten vom Zeltlager bei Trébol aus die ersten Dörfer – und fanden sich in einer Umgebung wieder, die vielen unbekannt und feindlich erschien.


Buschlandschaft im Chaco
Buschlandschaft im Chaco

Zu den Problemen kam, dass die Siedler mittellos waren und durch Reise, Ausrüstung, Landkauf und Versorgung Schulden beim Mennonite Central Committee (MCC) angesammelt hatten. Gleichzeitig fehlten Erfahrung und Orientierung, was im Chaco überhaupt zuverlässig anzubauen war. Das schuf den Druck, früh nach Alternativen zu suchen.


Mennonitischer Bauer bei der schweren Feldarbeit
Mennonitischer Bauer bei der schweren Feldarbeit

So wundert es nicht, dass sich – wie es in der Fernheim-Darstellung ausdrücklich heißt – „vom ersten Siedlungsjahr an“ die Blicke nach Ostparaguay richteten. Im Dezember 1930 wurden Isaak und Langemann beauftragt, genau diese Möglichkeiten zu erkunden.


Ochsenkarren mit welchen die mennonitischen Siedler in den Chaco reisten
Ochsenkarren mit welchen die mennonitischen Siedler in den Chaco reisten

Die Erkundung: Asunción, deutsche Siedlungen – und ein „optimistischer Bericht“


Die Reise führte die beiden zunächst in die Hauptstadt. Spätere Zusammenfassungen berichten, dass die Kundschafter Asunción aufsuchten und dort sogar den Präsidenten trafen. In Langemanns Darstellung klingt an, dass man die Fernheimer „nicht verhungern lassen“ wolle – und bei einer Übersiedlung nach Ostparaguay helfen werde.


Danach besuchten Isaak und Langemann gezielt Regionen, in denen bereits deutsche Siedlungen existierten, um Landwirtschaft, Verkehrsanbindung und Lebensbedingungen aus nächster Nähe zu prüfen. Genannt werden:

  • Hohenau, Obligado, Bella Vista (Süden Paraguays),

  • die Kolonie Independencia bei Villarrica,

  • sowie ausgedehnte Ländereien bei Concepción – letztere empfahlen sie den Fernheimern besonders für eine mögliche Neuansiedlung.


Auch die Fernheim-Darstellung hält fest: Die beiden kamen mit einem grundsätzlich optimistischen Bericht zurück.


Doch zuhause hatte sich alles verändert: Regen, Stimmungswechsel – und MCC-Zusagen


Der entscheidende Punkt ist: Während die Delegation unterwegs war, kippte in Fernheim die Lage. In den Quellen ist von einem „Wetterumschlag“ und „Stimmungswechsel“ die Rede. Ein „erfrischender Regen“ fiel – und das MCC trat mit seinen Vertretern G. G. Hiebert und T. K. Hershey auf den Plan, ermutigte zum Bleiben im Chaco und versprach Verpflegung und stärkere wirtschaftliche Unterstützung.


Das Jahrbuch (2009) nennt sogar den konkreten Rahmen: Eine Siedlerversammlung mit Hiebert und Hershey habe am 27. und 28. Februar 1931 stattgefunden; dort wurde auch ein ermutigender Brief (u. a. von Harold S. Bender) verlesen.


Das Ergebnis: Die Mehrheit entschied sich, im Chaco zu bleiben. Der Umsiedlungsplan wurde damit aufgeschoben, aber nicht vollständig begraben.


Warum Fernheim nicht einfach umzog


Die Fernheim-Darstellung nennt mehrere Gründe, warum es trotz der Ostparaguay-Reise zunächst nicht zur kollektiven Übersiedlung kam:

  1. Finanzierung: Das MCC war nicht bereit, eine erneute Umsiedlung zu finanzieren; die Siedler selbst hatten kaum Mittel.

  2. Staatsinteresse: Paraguay habe aus geopolitischen Gründen ein Interesse an „tapferen Siedlern“ im Chaco gehabt.

  3. Identität & Eigenart: Führende Stimmen meinten, im Chaco könne man die mennonitische Eigenart besser bewahren.

  4. Deutung als „Führung“: Ein Teil der Siedler verstand die Ansiedlung auch religiös – als durch Vorsehung geführte Aufgabe, inklusive Mission unter den Einheimischen.


Die Langzeitfolge: Friesland als „spätere Antwort“ auf die Frage von 1931


Auch wenn 1931 die große Verlegung ausblieb, blieb der Gedanke lebendig. Schon ab 1931 wanderten einzelne Familien nach Ostparaguay ab – und 1937 folgte der große Schritt: Etwa ein Drittel der Fernheimer verließ den Chaco und gründete in Ostparaguay (Departamento San Pedro) die Kolonie Friesland.


Quellen:

  • „Fernheim“, Menonitica-Lexikon (Gundolf Niebuhr) – Gründung 1930, Beauftragung Dez. 1930, Gründe gegen Gesamtumsiedlung, Abwanderung 1937.

  • „Delegation Ostparaguay“, Menonitica-Lexikon (Gerhard Ratzlaff) – Reiseziele, besuchte Siedlungen, Empfehlung Concepción, Wetter-/Stimmungswechsel, MCC-Zusagen, Friesland 1937.

  • Jahrbuch 2009 (Verein für Geschichte und Kultur der Mennoniten in Paraguay) – Einordnung der Spannungen, Hinweis auf Versammlung 27./28. Feb. 1931, MCC-Ermutigung und Versprechen.



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