09. Juni 1527: Die Sieben Artikel der Täufer in Worms
- Redaktion

- 9. Juni
- 3 Min. Lesezeit

Am 9. Juni 1527 trat in Worms ein Ereignis ein, das die junge Täuferbewegung öffentlich sichtbar machte: Der Prediger Jakob Kautz veröffentlichte seine „Sieben Artikel“ und forderte damit zu einer offenen theologischen Auseinandersetzung heraus. Er schlug seine Thesen an die Tür der Predigerkirche, der damaligen Dominikanerkirche in Worms. Damit stellte er sich nicht nur gegen die römisch-katholische Kirche, sondern auch gegen die inzwischen selbst erstarkten reformatorischen Prediger.

Worms war zu dieser Zeit ein wichtiger Ort der Reformationsgeschichte. Nur wenige Jahre zuvor, 1521, hatte Martin Luther vor dem Reichstag in Worms gestanden. Nun wurde die Stadt erneut zu einem Schauplatz religiöser Auseinandersetzung. Doch diesmal ging es nicht um die Frage Rom oder Luther, sondern um eine tiefere Erneuerung der Gemeinde nach dem Vorbild des Neuen Testaments.
Jakob Kautz stammte aus Großbockenheim und war zunächst lutherischer Prediger in Worms. Unter dem Einfluss von Hans Denck und Ludwig Hätzer näherte er sich jedoch täuferischen und spiritualistischen Gedanken. In Worms hatte sich ein Kreis gebildet, der mit der bloß äußerlichen Reform der Kirche nicht zufrieden war. Es ging um Glauben aus innerer Überzeugung, um eine freiwillige Gemeinde und um ein Leben im Gehorsam gegen Christus.
Die „Sieben Artikel“ Kautz’ griffen zentrale Streitfragen auf. Besonders deutlich wandten sie sich gegen die Kindertaufe. Nach täuferischer Überzeugung kann Taufe nicht durch Zwang, Geburt oder kirchliche Gewohnheit geschehen, sondern gehört zu einem bewussten Glauben und zu einer persönlichen Nachfolge Jesu. Damit stellten die Täufer die damalige Verbindung von Kirche, Stadtgemeinde und Obrigkeit infrage.
Auch das Abendmahl, das äußere Wort und die sichtbaren Zeichen der Kirche wurden von Kautz kritisch betrachtet. Er betonte stark das innere Wirken Gottes und den Gehorsam des Herzens. In manchen Punkten unterschied sich seine Lehre jedoch von der späteren Hauptlinie der mennonitischen Täufer. Besonders seine stark spiritualistische Prägung und einzelne Aussagen zur Erlösung wurden auch innerhalb der Reformationsbewegung scharf angegriffen.
Die Reaktion ließ nicht lange auf sich warten. Lutherische Prediger in Worms verfassten Gegenartikel. Auch der katholische Theologe Johannes Cochläus und der Zürcher Reformator Ulrich Zwingli setzten sich gegen Kautz zur Wehr. Ebenso warnten Straßburger Reformatoren vor seinen Thesen. Die Veröffentlichung der Artikel wurde also nicht als harmlose Lehrmeinung betrachtet, sondern als ernste Herausforderung an die kirchliche und städtische Ordnung.
Schon am 2. Juli 1527 wurden Jakob Kautz und sein Mitprediger Hilarius aus Worms verbannt. Die Obrigkeit duldete keine Bewegung, die die Grundlagen der damaligen Volkskirche erschütterte. Für die Täufer bedeutete dies erneut: Wer Christus nachfolgen wollte, musste bereit sein, Ausgrenzung, Verbannung und Verfolgung zu tragen.
Die Wormser „Sieben Artikel“ stehen deshalb an einer wichtigen Stelle der frühen Täufergeschichte. Sie zeigen, wie rasch die Täuferbewegung nach 1525 aus verschiedenen Orten heraus öffentlich hervortrat. Sie zeigen aber auch, dass die Bewegung nicht von Anfang an völlig einheitlich war. Neben den Schweizer Brüdern um Michael Sattler und den Schleitheimer Artikeln gab es auch spiritualistisch geprägte Täufer wie Kautz, Denck und Hätzer.
Aus mennonitischer Sicht bleibt dieses Ereignis bedeutsam, weil hier zentrale Anliegen der Täufer sichtbar wurden: freiwilliger Glaube, bewusste Taufe, persönliche Nachfolge und die Ablehnung eines Christentums, das nur durch äußere Zugehörigkeit besteht. Zugleich mahnt die Geschichte zur Unterscheidung. Nicht jede frühe täuferische Stimme wurde später gleichermaßen prägend. Doch der Mut, öffentlich für das Gewissen und für die Nachfolge Christi einzustehen, gehört zum bleibenden Erbe jener Zeit.

Der 9. Juni 1527 erinnert daran, dass die frühe Täuferbewegung nicht aus Machtstreben entstand, sondern aus dem ernsten Wunsch, Gemeinde nach dem Wort Gottes zu leben. In Worms wurde dieser Wunsch öffentlich ausgesprochen — und sofort verfolgt. Gerade darin zeigt sich die Spannung jener Jahre: Die Reformation hatte viele Türen geöffnet, doch für eine freie, biblisch begründete Täufergemeinde war in den meisten Städten noch kein Raum.
Quellen:
Universitätsbibliothek Frankfurt am Main
Syben Artickel zu Wormbs von Jacob Kautzen angeschlagen vnnd gepredigt, [Mainz: Schöffer], 1527.
Digitalisat mit Seitenbildern und PDF.
https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/msneuz/content/titleinfo/7227577
Universitätsbibliothek Frankfurt am Main – Seitenansicht
Einzelne Bildseiten des Drucks, z. B. Blatt 1r.
https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/msneuz/content/pageview/7209784
MennLex – Wormser Propheten
Hintergrund zu Jakob Kautz, Hans Denck, Ludwig Hätzer und der Wormser Täuferbewegung.
GAMEO – Germany
Überblick zur Täufergeschichte in Deutschland mit Einordnung der frühen Täuferbewegung.
Stadt Worms / Luther in Worms
Kontext zur Wormser Reformationsgeschichte und zu frühen täuferischen Schriften.
https://www.worms.de/en/web/luther/Lutherschriften/Schoefferdrucke/Schleitheimer_Artikel.php
Worms erleben – Dominikanerkloster St. Paulus
Informationen und Bildkontext zum ehemaligen Dominikanerkloster in Worms.
https://www.worms-erleben.de/erleben/entdecken-und-staunen/sehenswuerdigkeiten/dominikanerkloster-st-paul.php




Kommentare