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09. Januar 1863: Titularrat Keller verhört Lehrer Johannes Lange in Gnadenfeld


Zentralschule Gnadenfeld, Molotschna
Zentralschule Gnadenfeld, Molotschna

Ausgangslage: Molotschna-Kolonie, Schule und Aufsicht


Gnadenfeld lag in der Molotschna-Mennonitensiedlung (Gouvernement Taurien). Die Kolonie war nicht nur eine Ansammlung einzelner Dörfer, sondern ein verwaltetes Gemeinwesen mit Ämtern, Vorstehern und einer klaren Hierarchie: Dorfbüro („village office“), Bürgermeisteramt („Mayor’s Office“) und darüber das Kreis-/Bezirksamt (District Office) in Halbstadt als Verwaltungszentrum.


Hinzu kam eine zweite Ebene: Die deutschen Kolonien in Südrussland standen seit dem frühen 19. Jahrhundert unter der staatlichen Oberaufsicht eines speziellen Apparats, des „Guardianship Committee for Foreign Settlers“ (Fürsorge-/Aufsichtsbehörde für ausländische Ansiedler). Dieses Gremium wurde 1800/1801 eingerichtet und war die zentrale Institution zur Verwaltung und Kontrolle der ausländischen Kolonien im Süden des Reiches.


In diesem Umfeld wurde Johannes Lange 1862 als Lehrer an der Gnadenfelder Privatschule angestellt. Er unterrichtete nicht nur Grundfächer, sondern auch Religion, Sprachen und Naturkunde – die Schule sollte bewusst „höher“ ausbilden. Gleichzeitig stand Lange – wegen bereits kursierender Gerüchte – unter besonderer Beobachtung durch den Gemeindeleiter (Aeltester) August Hermann Lenzmann.


Warum Lange ins Visier geriet


Der Kern der Affäre war nicht ein „Schulproblem“, sondern ein Mischfall aus Religion, Öffentlichkeit und Loyalitätsverdacht:


  • Lange hatte 1861 in der Zeitschrift „Süddeutsche Warte“ Artikel veröffentlicht (unter seinem Namen), die in Molotschna Aufmerksamkeit erregten – auch bei Behörden.


  • Auf der Rückreise hielt er zudem in der Kolonie Hoffnungstal eine Predigt vor einer Versammlung, was die Beobachtung offenbar weiter verschärfte.


  • In Gnadenfeld kam noch ein konkreter Auslöser hinzu: Erwachsene nahmen an einer religiösen Unterweisung teil, die eigentlich als Kinderstunde nach dem Gottesdienst gedacht war. Genau das wurde später ausdrücklich untersagt.


Im Hintergrund stand die damalige Nervosität gegenüber „Sekten“ bzw. neuen religiösen Strömungen. In späteren Darstellungen wird Lange mit den „Friends of Jerusalem“ (im Umfeld der Templerbewegung) in Verbindung gebracht; jedenfalls taucht genau dieser Vorwurf in den amtlichen Fragen an ihn auf.


Der 09. Januar 1863: Was an diesem Tag konkret geschah


Am 9. Januar 1863 erschien Keller, ein Beamter der staatlichen Aufsichtsbehörde (Guardianship Committee), in Gnadenfeld. Er ging nicht „privat“ vor, sondern amtlich: zunächst im Dorfbüro, dann über das Bürgermeisteramt. Dort legte er Lange ein schriftliches Fragenpaket vor und verlangte schriftliche Antworten.


Wichtig ist der Ablauf, wie ihn die Quelle schildert:

  1. Schulbesuch: Keller ließ sich den Unterricht zeigen und äußerte sogar Zufriedenheit über den gehörten Religionsunterricht.

  2. Vorladung ins Bürgermeisteramt: Unmittelbar danach wurde Lange ins Bürgermeisteramt bestellt.

  3. Aushändigung von Fragen + Verbot: Keller übergab die Fragen „zur Beantwortung“ und untersagte zugleich, dass Erwachsene an der Kinder-Unterweisung teilnehmen.


Damit war der 9. Januar der Moment, in dem aus Gerüchten und innergemeindlicher Skepsis ein förmliches Untersuchungsverfahren wurde.


Die sechs Fragen: Worum Keller tatsächlich wissen wollte


Die Fragen zeigen sehr klar, was die Behörden (und Teile der Gemeindeleitung) beunruhigte. Keller fragte Lange:

  1. Ob er zu den „Jerusalem Friends“ oder zu den Anhängern des Theologen Hoffmann gehöre.

  2. Ob er die 1861 in der „Süddeutsche Warte“ erschienenen Artikel tatsächlich geschrieben habe.

  3. Was er mit dem Ausdruck „New World Order“ in einem dieser Texte meine.

  4. Welche mennonitischen Kirchen in Russland mit in Deutschland gesammelten Geldern gebaut worden seien.

  5. Welche Grenzen er sich für seine „Wirksamkeit“ setze – und auf wessen Autorität hin er überhaupt wirken wolle.

  6. Warum er Erwachsene zu den Kinderstunden zugelassen habe.


Lange musste dazu „beglaubigen“, dass er die Antworten eigenhändig niederschreibt – der Charakter ist eindeutig: Protokoll, Aktenlage, Beweisstück.


Beschlagnahme und Eskalation: Was nach dem 09. Januar folgte


Der 9. Januar war der Auftakt – die eigentliche Härte kam kurz darauf. Am 21. Januar wurde Lange zum District Office gebracht, dort erneut verhört, und laut Darstellung in eine Art Zwangs-/Pflichtarbeit beim Bezirksamt genommen. Außerdem heißt es ausdrücklich: „the papers of the Lange were seized“ – also die Beschlagnahme seiner Schriften/Unterlagen.


Bemerkenswert ist außerdem: Nicht nur Lange selbst geriet unter Druck – auch Personen aus dem Schulumfeld wurden getrennt überwacht und mussten Fragen beantworten. Der Konflikt wurde damit von einer Lehrerangelegenheit zu einer Gemeinschaftsaffäre mit staatlicher Aktenführung.


Historische Einordnung: Warum ein „Titularrat“ so viel Gewicht hatte


Der Titel „Titularrat“ passt in die Logik des Zarenreichs: In der Tabelle der Ränge war der „Titular Councillor / tituljarny sovetnik“ ein offizieller Zivilrang (9. Klasse von 12). Solche Beamten verkörperten den Staat vor Ort – und ihr Eingreifen signalisierte, dass es nicht nur um innerkirchliche Meinungsverschiedenheiten ging, sondern um staatlich relevante Loyalitäts- und Ordnungsvorstellungen.


Bedeutung des 09. Januar 1863


Der 09. Januar 1863 zeigt in verdichteter Form, wie das Leben in den mennonitischen Kolonien funktionierte:

  • Schule und Religion waren eng gekoppelt – religiöse Unterweisung war Teil des Bildungssystems.

  • Gemeindeleitung, Dorforgane und Staat griffen ineinander: Ein Gerücht oder eine Anzeige aus dem Bürgermeisteramt konnte eine staatliche Untersuchung auslösen.

  • Die sechs Fragen machen sichtbar, dass es um Zugehörigkeit, Publizistik, Deutung religiöser Begriffe, Netzwerke nach außen und Handlungsautorität ging – also genau die Punkte, an denen neue religiöse Strömungen als Gefahr für Ordnung und Einheit wahrgenommen wurden.


Quellen:

  • Franz Isaac: Die Molotschnaer Mennoniten; ein Beitrag zur Geschichte derselben … (Halbstadt: H. J. Braun, 1908). Digitalisat (Internet Archive).

  • Franz Isaac: The Molotschna Mennonites (engl. Übersetzung, seitengetreu zum Original), übers. u. hg. von Timothy H. Flaming & Glenn H. Penner (Mennonite Heritage Archives, Feb. 2022).

  • (Als Archivbasis genannt:) Behördenakten zur „Lange-Affäre“ im Zentralen Regierungsarchiv/Staatsarchiv St. Petersburg (in der Forschungsliteratur als eine der zwei Hauptquellengruppen ausgewiesen)

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