Von Chortitza bis Km 81: Das Hospital Mennonita Km 81 als gelebte Krankenfürsorge von 1951 bis heute
- Redaktion

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Aktualisiert: vor 3 Tagen

Wer in Paraguay „Km 81“ sagt, meint meist nicht nur eine Entfernung auf der Straße, sondern einen Ort, der für viele Menschen zu einem festen Begriff geworden ist: das Hospital Mennonita Km 81, rund 81 Kilometer östlich von Asunción. Gemeint ist damit fast immer eine Einrichtung, in der sich seit 1951 eine sehr typische mennonitische Haltung verdichtet: Glaube zeigt sich in verlässlicher Fürsorge – gerade für die, die sonst leicht übersehen werden.

Was hier seit 1951 gewachsen ist, ist mehr als eine Klinik. Es ist ein mennonitisches Gemeinschaftsprojekt, getragen von Gemeinden, geprägt von Freiwilligen – und gegründet mit dem Wunsch, Menschen zu dienen, die sonst oft an den Rand gedrängt wurden.
Ein Impuls aus Dankbarkeit und Glauben (Vorgeschichte bis 1951)
In der mennonitischen Erinnerung hängt die Entstehung eng mit einem größeren Gedanken zusammen: Dankbarkeit – gegenüber Gott und gegenüber der paraguayischen Bevölkerung. Auf der Website des Hospitals wird dieses Motiv ausdrücklich genannt. Auch historische Übersichten beschreiben, dass diakonische Werke – angestoßen u. a. durch das Mennonite Central Committee – die Zusammenarbeit der deutschsprachigen mennonitischen Gemeinden in Paraguay stärkte und schließlich in feste Strukturen führte.
Und dann war da die Not, die man nicht länger ignorieren wollte: Hansen-Krankheit (Lepra). Betroffene waren gesellschaftlich stigmatisiert, vielfach gemieden. Genau hier wollten Mennoniten nicht nur „mitfühlen“, sondern hingehen.

Die Gründung 1951: „Wir gehen dahin, wo andere Abstand halten“
Als das Werk 1951 begann, stand eine Krankheit im Zentrum, die damals noch mehr Angst als Mitleid auslöste: Hansen-Krankheit (Lepra). Der Start erfolgte als „Dispensario“ – bewusst ambulant, damit Betroffene Behandlung erhalten konnten, ohne automatisch isoliert zu werden.
Auch der Ort wurde nicht zufällig gewählt: Das Hospital liegt 81 km östlich von Asunción (Ruta PY-02) – erreichbar, aber doch so gelegen, dass man dort in Ruhe aufbauen konnte. Eine internationale Lepra-Historien-Datenbank nennt zudem, dass die Bauarbeiten 1951 begannen und von Dr. John R. Schmidts (USA) begleitet wurden.
Man kann sich diese Anfänge vorstellen – nicht als perfektes Krankenhaus, sondern als Werkstatt des Helfens: planen, bauen, improvisieren, lernen, beten. Und jeden Tag wieder Patienten empfangen, die anderswo oft keine Tür fanden.

Mennonitische Trägerschaft: Gemeinde für Gemeinde Verantwortung übernehmen
Was Km 81 bis heute besonders macht, ist die klare mennonitische Beteiligung als Träger: Das Hospital gehört zum Verband der Evangelischen Mennoniten in Paraguay – ausdrücklich als Zusammenschluss von 32 deutschsprachigen mennonitischen Gemeinden. Diese Trägerschaft ist mehr als ein formaler Rahmen. Sie bedeutet: Gemeinde für Gemeinde übernimmt Verantwortung – Leitung, Personal, Gebet, Spenden, praktische Hilfe.

Das heißt: Km 81 ist nicht „ein Projekt von ein paar Idealisten“, sondern ein Werk, hinter dem Gemeinden stehen – mit Mitarbeit und Organisation bis hinein in den Alltag. Diese Verbundenheit wird auch in späteren Jahren sichtbar: In einem Infoblatt (2022) wird beschrieben, wie 31 von 32 Gemeindeleitern bei einem Treffen anwesend waren – als Zeichen, wer „hinter diesem Missionswerk steht“.

Und man spürt: Für viele Mennoniten ist Km 81 nicht „irgendein Krankenhaus“, sondern ein Missions- und Dienstort. Eine historische Übersicht aus Paraguay beschreibt, dass Km 81 „für alle Mennoniten … zu einem festen Begriff“ wurde – und darüber hinaus auch für viele Paraguayer.
Freiwillige als Gesicht des Hospitals
Für viele Mennoniten wurde Km 81 zu dem Ort, an dem man lernt, dass Nächstenliebe Hände und Füße braucht. Schon frühe Darstellungen betonen: Junge Leute aus den Kolonien leisteten hier freiwilligen christlichen Dienst – nicht nur in der Pflege, sondern im „ganzen Betrieb“: Küche, Werkstatt, Landwirtschaft, Transport, Verwaltung, Betreuung.

Genau das macht den persönlichen Charakter dieses Hospitals aus: Wer dort arbeitet, begegnet nicht „Fällen“, sondern Menschen – mit Namen, Geschichte, Angst, Hoffnung und oft auch einer Familie im Hintergrund.

Die Arbeit fährt hinaus: mobile Versorgung als Markenzeichen
Ein Krankenhaus kann Menschen aufnehmen – Km 81 tat noch etwas anderes: Es fuhr zu den Menschen. In den Berichten wird die Aufklärungs- und Kontrollarbeit als wichtiges Feld genannt, um Fälle zu finden, Therapien zu begleiten und Rückfälle zu verhindern.

Das ist nicht spektakulär im Sinne großer Schlagzeilen – aber es ist genau die Art Arbeit, die über Jahre Leben verändert: Kilometer um Kilometer, Hausbesuche, Gespräche, Medikamente, Vertrauen. Viele soziale Werke leben von großen Momenten – Km 81 lebt eher von tausend kleinen Akten der Treue: Sprechstunden, Verbände, Nachkontrollen, praktische Hilfe im Alltag.

Medizinischer Wandel: von Lepra-Schwerpunkt zu breiterer Versorgung
Die Lepra-Arbeit blieb der Kern, aber mit der Zeit wurde das Spektrum breiter. Eine Lepra-Historie-Datenbank beschreibt Km 81 als Hospital, das (neben Lepra) auch Tuberkulose und HIV/AIDS sowie andere Erkrankungen bei Bedürftigen behandelt und auch andere mittellose Patienten versorgt.

Das entspricht auch dem Selbstbild: ein Ort der Liebe, der Chance (Evangelium weitergeben) und der Dankbarkeit. Dabei blieb ein mennonitischer Grundton spürbar: Hilfe nicht als „Programm“, sondern als Dienst am Menschen – mit Langmut, Treue und einer gewissen stillen Beharrlichkeit, die man oft eher in Werkstätten als in PR-Texten findet.

Kooperationen, die Spuren hinterlassen: Beispiel Augenmedizin
Ein Beispiel für die Vernetzung ist die Augenarbeit: In den Publikationen des Hospitals wird eine langjährige Kooperation mit der Fundación Visión beschrieben (Beginn 1992; später beendet). Solche Partnerschaften zeigen: Km 81 blieb kein isoliertes „Mennonitenprojekt“, sondern wurde Teil eines größeren Gesundheitsnetzes – ohne seine Identität zu verlieren.

Symbole, die mehr sagen als Zahlen
In einem Jubiläumsschreiben wird ein Gegenstand erwähnt, der sinnbildlich wirkt: ein altes Rad („Boggerot“) im Garten, das als Symbol für die Geschichte des Werks gedeutet wird.
Das Rad steht für Kontinuität über Generationen, weil der Dienst am Km 81 weiterläuft, auch wenn Menschen wechseln. Zugleich erinnert es an Bewegung nach außen – daran, dass Hilfe nicht nur im Gebäude stattfindet, sondern immer wieder zu den Kranken hinausfährt. Als schlichtes Arbeitsobjekt verweist es auf praktische Nächstenliebe ohne große Worte: anpacken, versorgen, reparieren, begleiten. Weil ein Rad Lasten trägt, kann es außerdem für das gemeinsame Tragen von Krankheit, Armut und Stigma stehen – durch Mitarbeitende, Freiwillige und Trägergemeinden. Als bewusstes Erinnerungsstück wird es zum Wegzeichen, das Ursprung und Auftrag des Hospitals wachhält. Und schließlich symbolisiert es Wandel bei gleichbleibendem Kern: neue Zeiten, neue Aufgaben, neue Therapien – aber derselbe Auftrag, Menschen in Würde zu behandeln und nicht allein zu lassen.

Solche Dinge hängen nicht dort, weil sie „dekorativ“ sind, sondern weil Menschen an Km 81 gelernt haben: Dieses Werk lebt von Generationen – von denen, die anfingen, und von denen, die weitertragen.
Historischer Bezug nach Russland: Die Linie der Fürsorge ist älter als Paraguay
Das mennonitische Engagement am Km 81 steht nicht im luftleeren Raum. Es knüpft an Erfahrungen an, die Mennoniten bereits im Russischen Reich (heutige Ukraine/Russland) gemacht hatten – besonders in den Kolonien Chortitza und Molotschna.
Gemeindefinanzierte Medizin in Chortitza
Ein bemerkenswert konkretes Beispiel liefert eine Darstellung zum Gesundheitswesen in Chortitza: Dort wird ein Krankenhaus erwähnt, das auf eigene Kosten eingerichtet wurde (genannt werden 12 Betten). Behandelt wurden auch Nichtmennoniten (gegen Bezahlung), und für Menschen, die nicht zahlen konnten, übernahm die Gemeinde die Kosten; Medikamente aus der Apotheke waren kostenlos. Das ist im Kern genau das Prinzip, das man später in Paraguay wiederfindet: Gemeinschaft organisiert Hilfe – und schließt andere nicht aus.
Spezialisierte Einrichtungen: Bethania in Chortitza
Dass Mennoniten in Russland nicht nur „Hausarztmedizin“, sondern auch Spezialversorgung entwickelten, zeigt Archivmaterial zur Bethania Mental Hospital: Fotos und Beschreibungen belegen eine ausgebaute psychiatrische Einrichtung in der Chortitza-Kolonie (u. a. Männerabteilung, Gesamtansichten, Personal).
Diese historische Linie hilft, Km 81 besser zu verstehen: Als die Mennoniten in Paraguay eine Klinik für Menschen mit einer stark stigmatisierten Krankheit aufbauten, war das nicht „plötzlich neu“, sondern lag in einer Tradition: Bildung, Organisation, Kassenwesen, Pflege – und der feste Wille, Kranke nicht allein zu lassen.
Km 81 heute: weiter geöffnet – und doch erkennbar „Km 81“
Auch heute arbeitet das Hospital Mennonita Km 81 als soziale Einrichtung der evangelischen Mennoniten in Paraguay weiter – mit regulären Sprechzeiten (Mo–Fr sowie Sa) und einem Angebot, das bewusst niedrigschwellig bleibt: Menschen sollen Hilfe bekommen, auch wenn Geld, Wege, Sprache oder Scham sonst eine Hürde wären.

Hinter diesem Alltag steht weiterhin das mennonitische Rückgrat des Werkes: Gemeinden tragen gemeinsam Verantwortung – organisatorisch, finanziell und personell – und halten damit eine Versorgung aufrecht, die nicht nur auf akute Behandlung zielt, sondern auf Begleitung: zuhören, erklären, nachfassen, nachkontrollieren, Familien einbeziehen.

Gerade bei Erkrankungen, die mit Stigma oder langen Therapien verbunden sein können, zeigt sich diese Kontinuität als Stärke. Das Hospital beschreibt sich selbst als Ort, an dem „Nächstenliebe“ praktisch werden soll – und genau das spiegelt sich in der gelebten Kultur des Hauses: Kein großes Aufheben – sondern verlässlicher Dienst, Tag für Tag, über Generationen hinweg.

Quellen:
Hospital Mennonita Km 81 (persönlicher Kontakt)
Lexikonartikel zur Geschichte/Einordnung von Km 81 (Paraguay) – Menonitica.
Eintrag mit Gründungsangaben (Bau ab 1951, Lage, Aufgabenprofil) – International Leprosy Association – History of Leprosy.
Zusatz-/Archivhinweis (Patientenakten seit 1951; >6.000 Fälle) – International Leprosy Association – History of Leprosy.
Jubiläums-/Hintergrundartikel (70 Jahre, Schwerpunkt Lepra/TB/HIV) – Anabaptist World.
Presseartikel (70 Jahre, „>10.000“ Behandlungen – journalistische Quelle) – El Nacional (Paraguay).
Infoblatt „Im Dienste der Liebe“ (Hospital-eigene Publikation; Ausgabe 2021)
Infoblatt „Im Dienste der Liebe“ (Hinweis auf 32 Trägergemeinden/12.800 Gemeindeglieder; Ausgabe 2022) –
Staatliche Meldung (Fortbildung Lepra/TB im Auditorium des Hospitals, 12.–14. Juli 2017) – Ministerio de Salud Pública y Bienestar Social (Paraguay).
Staatliche Meldung (Aktualisierung/Schulung; Beteiligung von Fachleuten des Hospitals, Juli 2017) – Ministerio de Salud Pública y Bienestar Social (Paraguay).
Nationales Handbuch Lepra 2015 (nennt das Hospital als „centro de referencia“, abhängig vom mennonitischen Komitee) –
Gesundheitswesen in der Chortitza-Kolonie (Krankenhaus mit 12 Betten; Gemeindekosten; Apotheke kostenlos) – Chortitza.org.
Archivfoto/Beschreibung „Bethania Mental Hospital Personnel“ (Chortitza Colony) – Mennonite Heritage Centre Archives (Winnipeg).
Archivseite „Bethania mental hospital“ (weitere Fotodokumentation/Metadaten) – Mennonite Heritage Centre Archives (Winnipeg).




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