Prediger Abraham Epp (1846–1920)
- Redaktion

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Abraham Epp war ein Mann, dessen Leben nicht durch große Titel, sondern durch treuen Dienst geprägt war – im Alltag der Dorfgemeinde ebenso wie in einer Aufgabe, die in der mennonitischen Erinnerung einen besonderen Klang behalten hat: die Sorge für Kinder, die sich selbst kaum Gehör verschaffen konnten.
Geboren wurde er am 13. Januar 1846 in Rosenort in der Molotschna. Den größten Teil seines Lebens blieb er – wie viele seiner Zeitgenossen – Landwirt, zugleich aber war er handwerklich begabt: Abraham Epp besaß Tischler- /Zimmermannsfähigkeiten und stand als Prediger im Dienst der Gemeinde. Seine geistliche Heimat war dabei nicht statisch: Er gehörte zunächst zur Kirchengemeinde, später zur Allianz und schließlich zur Brüdergemeinde. Diese Stationen zeigen einen Menschen, der geistlich suchte, Verantwortung übernahm und in bewegten Zeiten seinen Platz im Glaubensleben der Gemeinschaft fand.
Am 30. Juni 1868 heiratete er Katharina Fast. Aus dieser Ehe gingen fünf Kinder hervor – vier Töchter und ein Sohn. Dass die Familie später noch Menschen aufnahm, die nicht leibliche Kinder waren, passt zu dem Bild eines Hauses, das nicht nur „für sich“ lebte, sondern offen blieb für andere.
Dienst für die Schwachen: Tiege 1895–1899
Besonders erinnert wird Abraham Epp in der mennonitischen Überlieferung wegen der Jahre 1895 bis 1899: Gemeinsam mit Katharina diente er als Hauseltern an der Marien-Taubstummenschule (Institut für gehörlose Kinder) in Tiege. Die Schule war 1885 (zunächst in Blumenort) eröffnet worden und wurde durch freiwillige Gaben der Mennoniten in Russland getragen.

Die Aufgaben der Hauseltern waren dabei keineswegs „nur organisatorisch“: Sie trugen Verantwortung für die Finanzen, für die ordnungsgemäße Verwaltung und für die körperlichen Bedürfnisse der Schüler – also für das tägliche, oft unsichtbare Fundament, ohne das Unterricht und Förderung nicht möglich gewesen wären. Gerade darin liegt ein starkes Lebenszeugnis: Abraham Epp diente nicht an der Seite der Starken, sondern dort, wo Fürsorge, Geduld und Verlässlichkeit entscheidend sind.
Ein Haus der Ordnung, der Wärme – und der Prüfungen
Überliefert sind auch Erinnerungen aus dem Familienkreis: Das Haus der Epps erscheint als ein Ort von Gastfreundschaft und geordnetem Alltag – helle Räume, gemeinsames Essen, Kinderlachen, dazu die lebendige Dorfnähe mit Nachbarn und Verwandten. Solche Bilder sind mehr als Folklore: Sie zeigen, wie Glauben im Alltag „Wohnraum“ bekommt – in Disziplin, in Fürsorge und in einem offenen Blick für die nächste Generation.
Doch sein späteres Leben blieb nicht von Härte verschont. Zwischen 1905 und 1910 kam es zu einem Brand, bei dem auch Abrahams Haus und Scheune Feuer fingen. Er versuchte zu retten, was zu retten war, und erlitt dabei schwere Verbrennungen; von da an sei er „kahl“ gewesen.
Am tiefsten traf ihn die Gewalt der Umbruchszeit: Als Banditen im Umfeld der Molotschna-Dörfer wüteten und Blumenort überfallen und niedergebrannt wurde, erschütterte Abraham Epp das Geschehen so sehr, dass er einen Schock oder Schlaganfall erlitt; Gesundheit und Gedächtnis ließen stark nach, zeitweise war er kaum zu beruhigen. Eine Pflegeperson wurde hinzugezogen – ein Zeichen dafür, wie ernst sein Zustand war.
„Ja“ – ein letztes, stilles Bekenntnis
Gerade im Kontrast zu diesen dunklen Jahren gewinnt die überlieferte Abschiedsszene Gewicht: In einem lichten Moment fragte der Schwiegersohn, ob er im Frieden mit dem Herrn sterben könne. Abraham Epp antwortete schlicht und fest: „Ja.“ Für Kinder und Enkel blieb dieses Wort ein Trost – und für die Gemeinde ein Kern seines Lebenszeugnisses: Nicht Unversehrtheit war sein Vermächtnis, sondern Frieden im Glauben.
Fazit
Prediger Abraham Epp steht beispielhaft für eine Generation, die Glauben nicht zuerst in Worten, sondern in Dienst, Ordnung, Verantwortung und Barmherzigkeit lebte. Seine Jahre an der Taubstummenschule in Tiege zeigen eindrücklich, wie die mennonitische Gemeinschaft ihre Fürsorge praktisch organisierte – und wie Menschen wie Abraham und Katharina Epp das mit Hingabe trugen.



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