Otto Wiebe: Wie konnte er so ein fester Mann werden?
- Redaktion

- 1. Juli
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Aktualisiert: 22. Juli

Otto Wiebe über das Leben seines Großvaters zwischen Krim, Norilsk und Kasachstan
Auf dem Geschichtsseminar 2026 in Anhausen berichtete Otto Wiebe über das bewegte Leben seines Großvaters Otto Wiebe (1905–1964). Im Mittelpunkt des Vortrags stand dabei nicht allein die Lebensgeschichte eines Mennoniten in der Sowjetunion, sondern eine weitergehende Frage: Wie konnte ein Mensch unter Verfolgung, jahrelanger Haft und schwersten Lebensbedingungen im Glauben festbleiben?
Otto Wiebe stützte seinen Vortrag auf persönliche Erinnerungen, erhaltene Briefe und Zeugnisse aus dem Familienkreis. Seinen Großvater hatte er als Kind noch selbst erlebt. Er erinnerte sich daran, auf dessen Schoß gesessen zu haben und später bei seiner Beerdigung einen Kranz gehalten zu haben. Erst durch spätere Nachforschungen erschloss sich ihm jedoch die ganze Tragweite dieses Lebens.
Kindheit und Jugend auf der Krim
Otto Wiebe wurde 1905 auf der Krim geboren. Dort verbrachte er die ersten 32 Jahre seines Lebens. Die Krim bedeutete für ihn Heimat, Familie und Gemeinde.
Er wuchs in einem gläubigen Elternhaus auf. Sein Vater war Lehrer und Prediger, bis er unter der kommunistischen Herrschaft seinen Lehrerberuf aufgeben musste. Besonders die Mutter wird in den Erinnerungen der Familie als eine gottesfürchtige Frau beschrieben.

Bereits 1917, im Alter von zwölf Jahren, kam Otto Wiebe zu einem persönlichen Glauben an Jesus Christus. Für seinen Enkel ist dies einer der entscheidenden Punkte seines späteren Lebens. Hinzu kam eine intensive biblische Unterweisung. Das geistliche Leben der mennonitischen Gemeinden auf der Krim und die Beschäftigung mit der Bibel legten ein Fundament, auf das Wiebe in den kommenden Jahrzehnten zurückgreifen konnte.

1933 heiratete er Ida. Doch das gemeinsame Familienleben dauerte nur wenige Jahre. Nach dreieinhalb Ehejahren wurde er erstmals verhaftet. Da die Behörden offenbar keine ausreichenden Beweise für die ihm vorgeworfene antisowjetische Propaganda fanden, kam er zunächst wieder frei. Nur elf Monate später erfolgte eine zweite Verhaftung.
Damit begann die schwerste Phase seines Lebens.
Dreizehn Jahre im hohen Norden
Otto Wiebe wurde zu zehn Jahren Haft verurteilt und nach Norilsk in den hohen Norden der Sowjetunion gebracht. Nach Ablauf seiner eigentlichen Strafe durfte er den Ort weitere drei Jahre nicht verlassen. Insgesamt verbrachte er damit 13 Jahre fern von seiner Familie.

Die Bedingungen waren hart. Bittere Kälte, schwere körperliche Arbeit und die Trennung von der Heimat bestimmten den Alltag. Viele Gefangene überlebten diese Zeit nicht.

Gerade unter diesen Umständen gewann die Gemeinschaft mit anderen Christen eine besondere Bedeutung. Wiebe fand mindestens drei Glaubensbrüder, mit denen er sich unter größter Vorsicht zum Bibellesen und zur gegenseitigen Ermutigung traf. Die kleine Gemeinschaft wurde für die Männer zu einer geistlichen Stütze.
Erst nach sieben Jahren erhielt seine Frau Ida wieder ein Lebenszeichen von ihm. Ein erhaltener Brief besitzt deshalb für die Familie bis heute eine besondere Bedeutung. Otto Wiebe schrieb ihn auf Russisch, da die Gefangenenpost kontrolliert wurde. Dem Brief fügte er eine kleine getrocknete Blume bei. Besonders bemerkenswert ist eine zunächst von der Zensur unkenntlich gemachte deutsche Passage. Im Laufe der Zeit wurde die Schwärzung schwächer, sodass darunter wieder ein biblischer Gedanke erkennbar wurde.

Für die Familie war dieser Brief weit mehr als nur eine Nachricht: Er zeigte, dass Otto Wiebe noch lebte und dass auch sein Glaube nicht erloschen war.
Rückkehr nach Kasachstan
Nach seiner Entlassung konnte Wiebe nicht auf die Krim zurückkehren. Seine Familie befand sich inzwischen in Kasachstan, wo er sie schließlich wiederfand.

Die Rückkehr war ein Neubeginn. Seine Kinder kannten ihren Vater kaum noch. Gleichzeitig fiel seine Entlassung in eine Zeit geistlicher Bewegung. Nach Darstellung des Referenten begann um 1950 unter den Deutschen in der Sowjetunion eine weitreichende Erweckung, in deren Umfeld zahlreiche Menschen zum Glauben kamen und neue Gemeinden entstanden.
Auch Otto Wiebe wurde in dieser Zeit aktiv.
In seiner Familie führte er regelmäßige Hausandachten ein. Gemeinsam wurde gebetet und die Bibel gelesen. Bald kamen auch Nachbarn hinzu. Aus kleinen Zusammenkünften entwickelten sich größere Gemeinschaften. Wiebe beteiligte sich damit am Aufbau des Gemeindelebens unter Bedingungen, in denen eine freie christliche Arbeit keineswegs selbstverständlich war.

Später lebte er in Karaganda. Dort wurde seine Tätigkeit von den sowjetischen Behörden beobachtet. Es kam zu Drohungen und Hausdurchsuchungen.
Die dritte Haft
Anfang der 1960er Jahre wurde Otto Wiebe erneut verhaftet. Nach langen Verhören verurteilte man ihn zu vier Jahren strenger Haft.

Ein erhaltenes Gefängnisfoto aus dieser Zeit stellte der Referent einer Aufnahme vom Hochzeitstag im Jahr 1933 gegenüber. Zwischen beiden Bildern liegen rund 30 Jahre. Auf dem ersten ist ein junger, freundlich blickender Mann zu sehen. Auf dem späteren Gefängnisbild sind die Spuren von Haft, Entbehrung und Verhören deutlich erkennbar.
Nach einem erhaltenen Vermerk wurde Wiebe innerhalb von sechs Wochen 14-mal stundenlang verhört.
Trotzdem vermitteln die überlieferten Zeugnisse nach Einschätzung seines Enkels keine Verbitterung oder innere Unruhe. Selbst bei seiner Verhaftung soll Wiebe nicht in Panik geraten sein. Bevor er weggeführt wurde, kniete er nieder und betete.
Nach ungefähr einem Jahr in dieser dritten Haft brach er zusammen. Nach offizieller Darstellung erlitt er einen Schlaganfall und starb wenige Tage später im Jahr 1964.
Ein Mithäftling namens Anatoly Savitsky, der aus anderen Gründen inhaftiert war, berichtete der Familie später über die letzten Ereignisse. Er bezeichnete Otto Wiebe rückblickend sogar als einen Vater für sich – ein Hinweis darauf, welchen Einfluss Wiebe auch während seiner Gefangenschaft auf andere Menschen ausgeübt hatte.

Sein Leichnam wurde schließlich der Familie übergeben, sodass die Trauerfeier an seinem Wohnhaus stattfinden konnte.
Was machte sein Herz fest?
Im zweiten Teil seines Vortrags ging Otto Wiebe der Frage nach, welche Einflüsse seinen Großvater zu einem so standhaften Mann gemacht hatten. Dabei nannte er fünf prägende Bereiche.
Ein persönlicher Glaube
An erster Stelle stand für ihn die Bekehrung seines Großvaters im Alter von zwölf Jahren. Die spätere Festigkeit sei nicht allein eine Frage von Charakter oder Willenskraft gewesen. Ihr Fundament sei der persönliche Glaube an Jesus Christus gewesen.
Gründliche biblische Unterweisung
Von großer Bedeutung war auch die intensive Beschäftigung mit der Bibel. Das geistliche Umfeld auf der Krim vermittelte ihm schon früh biblisches Wissen und gab ihm Orientierung für die späteren schweren Lebensjahre.
Früh Verantwortung und Lasten tragen
Schon als junger Mann lernte Otto Wiebe, mit Schwierigkeiten umzugehen. Nachdem sein Vater seine Stelle als Lehrer verloren hatte, baute die Familie mit eigener Kraft ein Haus. Später wurde auch dieses Eigentum beschlagnahmt.
Weitere schwere Arbeit, Verfolgung und die erste Verhaftung folgten. Im Rückblick sah der Referent darin auch eine Vorbereitung auf die noch härteren Jahre.
Ein gottesfürchtiges Elternhaus
Ein weiterer entscheidender Einfluss war seine Familie. Besonders die Frömmigkeit seiner Mutter blieb in der Familienüberlieferung lebendig. Das Elternhaus vermittelte ihm einen Glauben, der nicht nur gelehrt, sondern im Alltag gelebt wurde.
Gemeinschaft mit anderen Gläubigen
Schließlich suchte Otto Wiebe immer wieder die Gemeinschaft anderer Christen. Auf der Krim war dies noch verhältnismäßig einfach. In Norilsk konnte Gemeinschaft nur heimlich stattfinden. Auch nach seiner Entlassung suchte er Glaubensgeschwister auf und reiste zu Verwandten und Bekannten.
Gerade in der Verfolgung wurde sichtbar, welchen Wert christliche Gemeinschaft für die Bewahrung des Glaubens hatte.
Festigkeit als Wirkung der Gnade Gottes
Der Vortrag zeichnete das Bild eines Mannes, dessen Leben von außergewöhnlich schweren Erfahrungen geprägt war. Beschlagnahmung, Trennung von der Familie, Verhaftungen, dreizehn Jahre im hohen Norden und schließlich eine erneute Gefängnisstrafe hätten einen Menschen auch zerbrechen können.
Otto Wiebe deutete die Standhaftigkeit seines Großvaters jedoch nicht in erster Linie als besondere menschliche Stärke. Für ihn lag die entscheidende Erklärung im Wirken Gottes.
Ein festes Herz, so die zentrale Aussage des Vortrags, entsteht nicht einfach durch eine starke Persönlichkeit. Es wächst dort, wo ein Mensch früh im Glauben verwurzelt wird, Gottes Wort kennenlernt, Gemeinschaft mit anderen Gläubigen sucht und auch unter schweren Umständen an Christus festhält.
Damit wurde aus der persönlichen Familiengeschichte zugleich ein eindrückliches Zeugnis darüber, wie christlicher Glaube selbst unter Verfolgung und jahrzehntelanger Bedrängnis bewahrt werden kann.
Unter folgenden Links kann der gesamte Vortrag als Audio und Video heruntergeladen werden.
Weitere Informationen zu diesem und weiteren geschichtlichen Themen finden Sie auf folgender Internetseite:




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