Mennoniten in Angola: Der schwere Anfang einer Milchwirtschaft
- Redaktion

- 24. Apr.
- 4 Min. Lesezeit

In der jungen mennonitischen Kolonie Rheinland in Angola sind vor Kurzem die ersten zwei Rinder angekommen: eine Kuh und ein Bulle. Was in vielen mennonitischen Kolonien in Paraguay, Bolivien, Mexiko oder Belize zum Alltag gehört, war in Angola ein großer und kostspieliger Schritt.
Die Tiere mussten aus einer etwa 1000 Kilometer entfernten Gegend geholt werden. Bis sie Rheinland erreichten, lagen die Kosten bei ungefähr 3000 US-Dollar für die Kuh und 2000 US-Dollar für den Bullen. Schon diese Zahlen zeigen, wie schwierig der Aufbau einer Milchwirtschaft in Angola ist.

Für Mennoniten hat dieser Schritt besondere Bedeutung. In vielen Kolonien gehören Milchkühe, Molkereien und Käsefabriken fest zum wirtschaftlichen Leben. Bauern liefern Milch, daraus entstehen Käse, Sahne, Joghurt oder Butter. In Rheinland dagegen steht diese Entwicklung noch ganz am Anfang. Eine Käsefabrik gibt es dort bisher nicht.
Gerade deshalb sind die ersten Rinder mehr als nur ein landwirtschaftlicher Anfang. Sie stehen für Hoffnung, Aufbauwillen und die Frage, ob sich in Angola eines Tages eine eigene mennonitische Milchwirtschaft entwickeln kann. Zugleich zeigt dieses Beispiel: Die Siedler können nicht einfach übernehmen, was in anderen Ländern über Jahrzehnte gewachsen ist. In Angola treffen sie auf ganz andere Voraussetzungen. Die hohen Kosten für die ersten Tiere sind daher ein Hinweis auf die gesamte Milchsituation im Land.
Ein teures Produkt in einem schwierigen Markt
Wer in Angola nach frischer Milch sucht, merkt schnell: Milch ist hier kein selbstverständliches Grundnahrungsmittel. In Luanda gehört zwar Café com leite für viele Menschen zum Alltag. Doch die Milch im Kaffee kommt häufig aus einer Dose oder Tüte. Milchpulver ist weit verbreitet, weil es lange haltbar ist, keinen Kühlschrank braucht und leicht transportiert werden kann.

Frische Milch dagegen ist empfindlich. Sie muss sauber gemolken, rasch gekühlt, sicher transportiert und schnell verkauft werden. In einem heißen Land mit langen Wegen und einer schwierigen Kühlkette ist das eine große Herausforderung. Importierte H-Milch oder Frischmilch gibt es zwar in Supermärkten, besonders in Luanda, doch für viele Familien ist sie teuer. Deshalb bleibt Milch oft ein besonderes Produkt – und kein tägliches Grundnahrungsmittel.
Milchviehhaltung ist nicht einfach
Dass Milch in Angola teuer und selten ist, hängt auch mit den Bedingungen für Milchviehhaltung zusammen. Das Land hat zwar Rinder, doch Rinderhaltung bedeutet nicht automatisch eine starke Milchproduktion. In manchen Regionen gelten Rinder vor allem als Besitz, Fleischreserve oder Teil der traditionellen Lebensweise.

Eine moderne Milchwirtschaft braucht geeignete Milchrassen, gutes Futter, ausreichend Wasser, sauberes Melken, tierärztliche Betreuung, Kühlung, Transport und Verarbeitung. Genau diese Grundlagen müssen in neuen Kolonien erst geschaffen werden. Für die Mennoniten in Rheinland bedeutet das: Tiere beschaffen, Futter anbauen, Wasser sichern und Erfahrungen mit Klima und Krankheiten sammeln.
Die hohen Kosten für die ersten Tiere zeigen, wie groß diese Aufgabe ist. Mit einer Kuh und einem Bullen ist noch keine Herde vorhanden, keine Molkerei gebaut und keine Käseproduktion möglich. Aber ein wichtiger Anfang ist gemacht.
Biologie spielt ebenfalls eine Rolle
Zur Milchsituation in Angola gehört auch ein biologischer Aspekt. In vielen Teilen Afrikas südlich der Sahara vertragen Erwachsene frische Milch weniger gut als viele Menschen in Nordeuropa. Der Grund liegt in der Laktose, dem Milchzucker. Viele Menschen verlieren nach der Kindheit einen Teil der Fähigkeit, Laktose gut zu verdauen. Frische Milch kann dann Beschwerden verursachen.
Das bedeutet jedoch nicht, dass Milchprodukte grundsätzlich unmöglich sind. Fermentierte Produkte wie Sauermilch, Joghurt oder Käse sind oft besser verträglich, weil bei der Gärung ein Teil der Laktose abgebaut wird. Gerade hier könnte die Erfahrung mennonitischer Milchverarbeitung langfristig wichtig werden. Käse, Joghurt oder Sauermilch wären haltbarer, besser zu transportieren und für viele Menschen bekömmlicher als frische Milch.
Die Ausnahme im Süden
Angola kennt auch eigene Milchtraditionen. Besonders im Süden, etwa in den Provinzen Namibe, Huíla und Cunene, leben Hirtenvölker, deren Alltag eng mit Rinderherden verbunden ist. Bei Gruppen wie den Mucubal spielt Milch eine wichtige Rolle.

Bekannt ist dort Leite azedo, also Sauermilch. Sie entsteht durch Fermentation, hält sich besser als frische Milch und ist oft leichter verdaulich. Das zeigt: Milch ist Angola nicht fremd. Sie hat nur regional eine andere Form und Bedeutung als in Europa oder in vielen mennonitischen Kolonien Lateinamerikas.
Für die neuen mennonitischen Siedler ist dieser Blick wichtig. Sie kommen nicht in ein Land ohne Rinderkultur, sondern in ein Land, in dem Rinder in manchen Regionen sehr bedeutend sind. Moderne Milchwirtschaft, Kühlketten und Verarbeitung fehlen jedoch vielerorts noch.
Ein Anfang mit Zukunft
Die ersten Kühe in Rheinland zeigen, wie jung die mennonitischen Kolonien in Angola noch sind. Seit 2023 befinden sie sich im Aufbau. Vieles, was in anderen Kolonien selbstverständlich ist, muss dort erst entstehen: Höfe, Felder, Wege, Viehbestände und später vielleicht auch Molkereien.
Noch ist der Weg weit. Die Bedingungen sind schwierig, die Kosten hoch und die Infrastruktur schwach. Doch gerade deshalb haben die ersten Rinder eine besondere Bedeutung. Sie sind ein Zeichen dafür, dass die Siedler langfristig aufbauen wollen.
Milch ist in Angola weiterhin ein empfindliches, teures und oft importiertes Produkt. Für die mennonitischen Siedler aber kann sie zu einem Zukunftsfeld werden: als Nahrung für die Familien, als Teil einer wachsenden Landwirtschaft und vielleicht eines Tages als Beitrag zur Versorgung eines Landes, in dem frische Milch bisher keine Selbstverständlichkeit ist.
Quellen:
StatBase / FAOSTAT: Milk production | Angola – Daten zur Milchproduktion in Angola.
Refriango / Pascual: Pascual e Refriango arrancam com projecto de lacteos em Angola – Informationen zu UHT-Milch, Milchpulver und lokaler Verarbeitung in Luanda.
El País: Vender leche donde apenas hay vacas – Hintergrundbericht zum Milchmarkt in Angola und zur Rolle von Pascual/Refriango.
Slow Food Foundation: Leite azedo – Beschreibung der traditionellen Sauermilch der Mucubal in Namibe.
Slow Food Foundation: Ark of Taste products in Angola – Überblick über traditionelle angolanische Produkte, darunter Leite azedo, Mucubal Cattle und Humbe Cattle.
Tishkoff u. a.: Convergent adaptation of human lactase persistence in Africa – wissenschaftlicher Hintergrund zur Laktasepersistenz in Afrika.
Campbell u. a.: An overview of the complexity of lactase persistence in Africa – Überblick zu Laktoseverträglichkeit und regionalen Unterschieden in Afrika.
Persönlicher Bericht aus der Kolonie Rheinland: Angaben zu den ersten Rindern in der mennonitischen Kolonie Rheinland, Transportweg von etwa 1000 km sowie Kosten von ca. 3000 US-Dollar für die Kuh und 2000 US-Dollar für den Bullen.




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