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Mennoniten im Blick der NSDAP

Aktualisiert: vor 2 Tagen


Bei dem hier vorliegenden Schreiben handelt es sich nicht um eine gewöhnliche historische Darstellung, sondern um eine vertrauliche Dienstschrift aus dem Jahr 1944. Sie wurde von SS-Sturmbannführer Karl Götz verfasst und von der NSDAP-Gauleitung Wartheland, Gauamt für Volkstumsfragen, unter dem Titel „Das Schwarzmeerdeutschtum – Die Mennoniten“ als Manuskript gedruckt. Entstanden ist die Schrift in einer Zeit, in der zahlreiche Russland- und Schwarzmeerdeutsche, darunter auch Mennoniten aus Gebieten wie Chortitza, Halbstadt und Kronau, in den Machtbereich des Deutschen Reiches geraten waren. Das Heft sollte den Behörden offenbar eine Grundlage für den Umgang mit diesen Mennoniten geben. Zugleich zeigt es deutlich, wie der nationalsozialistische Staat die Mennoniten nicht zuerst als Glaubensgemeinschaft, sondern als angeblich „volksdeutsche“ Gruppe betrachtete und ihre Geschichte, ihre Leistungen und selbst ihre Glaubensüberzeugungen im Sinne der eigenen Volkstumspolitik deutete.



Die Schrift „Das Schwarzmeerdeutschtum – Die Mennoniten“ von SS-Sturmbannführer Karl Götz ist ein bemerkenswertes, zugleich aber schwer belastetes Zeitdokument. Sie erschien 1944 als vertrauliche Dienstschrift der NSDAP-Gauleitung Wartheland und war ausdrücklich nicht für die Öffentlichkeit bestimmt. Schon der Rahmen zeigt: Es handelt sich nicht um eine neutrale geschichtliche Abhandlung, sondern um eine politische Bewertung der Mennoniten aus nationalsozialistischer Sicht.


Der Text beginnt mit einer auffallend positiven Würdigung der Mennoniten. Götz beschreibt sie als wirtschaftlich tüchtig, gemeindlich geordnet, schulisch hochentwickelt und weltweit gut vernetzt. Besonders ihre landwirtschaftlichen Leistungen, ihr Fleiß, ihre Siedlungsfähigkeit und ihre Bewahrung deutscher Sprache und Kultur werden hervorgehoben. Für den Leser entsteht zunächst der Eindruck einer anerkennenden Darstellung mennonitischer Geschichte. Doch diese Anerkennung ist nicht zweckfrei: Die Mennoniten werden vor allem danach beurteilt, ob sie für die „Volksdeutschen“-Politik des NS-Staates brauchbar sind.


Historisch bietet die Schrift eine breite Übersicht: Sie behandelt Menno Simons, die Verbindung zu den Taufgesinnten, die Wanderungen von Friesland nach Westpreußen, weiter nach Russland und später nach Kanada, Mexiko, Paraguay und Brasilien. Auch die Leistungen der Mennoniten im Weichselraum, in Südrussland und in Übersee werden ausführlich genannt. Für die mennonitische Geschichtsforschung ist der Text deshalb nicht wertlos. Er zeigt, wie stark die Leistungen dieser kleinen Glaubensgemeinschaft auch von außen wahrgenommen wurden. Gleichzeitig ist die Darstellung einseitig: Sie ordnet fast alles dem Gedanken des „Deutschtums“ unter und lässt die geistliche Eigenart der Mennoniten nur soweit gelten, wie sie in das politische Bild des Autors passt.


Besonders problematisch ist der Abschnitt über die mennonitischen Sonderlehren. Die Freikirchlichkeit, die Erwachsenentaufe, die Eidesverweigerung und die Wehrlosigkeit werden zwar genannt, aber nicht aus der inneren Logik des täuferischen Glaubens heraus verstanden. Vor allem die Wehrlosigkeit wird stark umgedeutet. Götz bemüht sich, sie von einem grundsätzlichen Friedenszeugnis zu lösen und als historisch bedingten Protest gegen Religionskriege darzustellen. Dadurch wird ein zentraler Punkt mennonitischer Nachfolge Jesu abgeschwächt und für staatliche Kriegsbereitschaft passend gemacht.


Auch die Behandlung der Eidesfrage zeigt diese Anpassung. Der Text betont, Mennoniten könnten statt eines Eides ein Gelöbnis leisten und darum trotzdem mit den Forderungen des NS-Staates vereinbar sein. Damit wird eine Gewissensfrage, die in der täuferischen Geschichte oft mit Verfolgung und Leid verbunden war, politisch verwertet. Der Staat erscheint in dieser Schrift nicht als Macht, der gegenüber die Gemeinde wachsam bleiben muss, sondern als Instanz, in die die Mennoniten möglichst passend eingeordnet werden sollen.


Der vielleicht deutlichste Ausdruck der ideologischen Absicht findet sich dort, wo die Schrift über die religiöse Haltung der rußlanddeutschen Mennoniten spricht. Einerseits erkennt Götz an, dass viele unter dem Bolschewismus eine religiöse Grundhaltung bewahrt hätten. Andererseits wird offen sichtbar, dass diese Frömmigkeit von christlich-biblischen Bekenntnisinhalten weggeführt werden soll. Statt einer treuen Nachfolge Christi wird eine unbestimmte, „deutsche“ Gottgläubigkeit angestrebt. Das ist aus mennonitischer Sicht besonders bedenklich, weil hier nicht nur Geschichte beschrieben, sondern geistliche Umformung beabsichtigt wird.


Als historische Quelle ist der Text deshalb zweifach wertvoll. Einerseits enthält er viele Hinweise auf mennonitische Wanderungen, Siedlungsgebiete, Schulwerke und Persönlichkeiten. Andererseits zeigt er sehr deutlich, wie der nationalsozialistische Staat religiöse Minderheiten betrachtete: nicht zuerst nach Wahrheit, Glauben und Gewissen, sondern nach politischem Nutzen, Abstammung, Anpassungsfähigkeit und möglichem Einsatz für eigene Ziele.


Das Urteil über diese Schrift muss daher nüchtern ausfallen: Sie ist lesenswert als Quelle über die Wahrnehmung der Mennoniten im Jahr 1944, aber gefährlich, wenn man sie unkritisch als Darstellung mennonitischer Geschichte übernimmt. Ihre Stärke liegt in der Sammlung historischer Angaben; ihre große Schwäche liegt in der ideologischen Deutung. Für konservative Mennoniten ist sie zugleich eine ernste Erinnerung daran, dass Fleiß, Ordnung, Sprache und Kultur gute Gaben sein können, aber niemals an die Stelle der Treue zu Christus treten dürfen.

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