Mennoniten gründen erstes Komitee zur zivilgesellschaftlichen Interessenvertretung
- Redaktion

- 7. Nov. 2025
- 3 Min. Lesezeit

Cuatro Cañadas, Santa Cruz (Bolivien). In der landwirtschaftlich geprägten Gemeinde Cuatro Cañadas haben die Mennoniten der Kolonie "Las Misiones" erstmals ein eigenes Comité Cívico gegründet – ein Schritt, den sowohl Kolonievertreter als auch regionale Behörden als „historisch“ bezeichnen. Die traditionell eher zurückgezogen lebende Gemeinschaft der Mennoniten betritt damit bewusst die politische und zivilgesellschaftliche Bühne des Departamentos Santa Cruz.
Was ist ein Comité Cívico?
Ein “Comité Cívico” ist in Bolivien eine zivilgesellschaftliche Interessenvertretung, also eine Art regionaler Bürgerverband, der politische, wirtschaftliche oder soziale Anliegen einer Gemeinde oder Bevölkerungsgruppe gegenüber dem Staat vertritt.
Typische Aufgaben sind:
Vertretung der Bürgerinteressen gegenüber Behörden und Regierung
Koordinierung gemeinsamer Anliegen, etwa Infrastruktur, Sicherheit, Landrechte oder Versorgung
Organisation von Versammlungen und lokalen Aktionen
Schaffung eines offiziellen Ansprechpartners für staatliche Institutionen
Es handelt sich nicht um eine staatliche Einrichtung und auch nicht um eine politische Partei, sondern um eine Bürgerorganisation, die öffentlich Einfluss ausübt.
Ein Zeichen des Ankommens in der Region
Bei der feierlichen Vorstellung des neuen Komitees erklärte dessen Präsident, Johan Wiebe Friesen, dass die Mennoniten heute fest in Santa Cruz verwurzelt seien: „Wir sind cruceños, hier geboren und aufgewachsen. Wir möchten produzieren, leben und arbeiten – dafür brauchen wir Sicherheit und Freiheit.“

Mit dieser Aussage verdeutlichte Friesen, dass die Gemeinschaft nicht nur als wirtschaftliche Kraft wahrgenommen werden möchte, sondern auch als aktiver Teil der regionalen Gesellschaft.
Warum ein Comité Cívico? Erwartungen und Vorteile für die Mennoniten
Die Gründung eines eigenen Komitees bringt für die Mennoniten mehrere konkrete Vorteile:
1. Stärkere politische und institutionelle Vertretung
Bisher hatten die einzelnen Kolonien nur begrenzte Möglichkeiten, ihre Anliegen gemeinsam zu formulieren und gegenüber staatlichen Stellen zu vertreten. Das Comité Cívico soll nun als offizieller Ansprechpartner fungieren – ein Novum in der Geschichte der mennonitischen Siedlungen in Bolivien.
2. Verbesserung der Infrastruktur für die Landwirtschaft
Die mennonitischen Kolonien gehören zu den wichtigsten Produzenten von Getreide, Milch und Fleisch im Departament Santa Cruz. Dennoch leiden sie oft unter schlechten Straßen, unzureichender Versorgung mit Dieselkraftstoff und fehlenden logistischen Lösungen. Über das Komitee wollen sie nun effektiver Druck ausüben, damit Behörden Infrastrukturprojekte schneller umsetzen.
3. Schutz vor Landkonflikten
Obwohl Cuatro Cañadas bisher kaum von Landbesetzungen betroffen war, wünscht sich die Gemeinschaft vorbeugende Rechtsklarheit. Das Komitee soll dabei helfen, „Sicherheit über das, was uns gehört“ zu gewährleisten, wie Friesen betonte.
4. Größere gesellschaftliche Integration
Mennoniten leben traditionell in abgeschlossenen Siedlungen und halten sich aus politischen Debatten heraus. Die Gründung des Komitees sendet jedoch das Signal, dass die Gemeinschaft zunehmend bereit ist, sich an öffentlichen Entscheidungsprozessen zu beteiligen – ohne ihre religiösen und kulturellen Werte aufzugeben.
Lob von regionalen Behörden
Der Präsident des übergeordneten Comité Cívico Provincial, Marcelo Méndez, bezeichnete den Schritt als „Tag der Geschichte“ für Cuatro Cañadas. Die Einbindung der Mennoniten sei nicht nur symbolisch wichtig, sondern auch ein Vorteil für das gesamte Departamento, betonte er: Die landwirtschaftliche Produktivität der Region könne nur gestärkt werden, wenn alle Akteure gemeinsam auftreten.

Ein Wendepunkt für eine traditionell zurückhaltende Gemeinschaft
Die Mennoniten gelten in Bolivien als bedeutende landwirtschaftliche Produzenten, aber zugleich als sehr konservativ und politisch distanziert. Dass sie nun ein Comité Cívico gründen, könnte langfristig ein Wendepunkt sein – sowohl für ihre eigene Selbstbestimmung als auch für die regionale Zusammenarbeit.

Mit ihrem neuen Komitee wollen die Mennoniten deutlicher als je zuvor zeigen: Sie sind nicht nur Siedler und Produzenten, sondern ein integraler Bestandteil des gesellschaftlichen Gefüges von Santa Cruz.
Informationen aus der Zeitung "red uno" und persönlichen Kontakten übersetzt und angepasst




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