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Landraub, Doppeltitel, Landhandel: Wie Agrarkonflikte die Produktion in Bolivien bremsen

mennonitischer Bauer auf seinem Feld
mennonitischer Bauer auf seinem Feld

Illegale Landbesetzungen („avasallamientos“), doppelte Landtitel und organisierter Handel mit Grundstücken entwickeln sich in Boliviens Agrarregionen zu einem handfesten Standortproblem. Während Produzenten vor Ernteausfällen, Investitionsstopp und wachsender Gewalt warnen, räumt die Regierung ein, dass ein Kern des Problems im Landinstitut INRA liege – und dass Räumungen nicht nur politisch heikel, sondern auch teuer sind: Laut dem Agrarmedium Publiagro kann ein Einsatz pro Fall bis zu 250.000 Bolivianos kosten.


Wenn Papierkriege die Ernte gefährden


Was nach juristischen Streitigkeiten klingt, schlägt in der Praxis direkt auf die Produktion durch: Wenn Bewirtschaftungsrechte unsicher sind, werden Flächen nicht bestellt, Investitionen in Bewässerung, Saatgut oder Maschinen verschoben – und Banken kalkulieren höhere Risiken. Produzentenvertreter betonen zudem, dass Besetzungen nicht bloß „soziale Konflikte“ seien, sondern oft mit Landhandel und organisierten Netzwerken zusammenhängen.


Bei einem interinstitutionellen Treffen gegen Landbesetzungen warnte Klaus Frerking, Präsident der CAO, die Problematik betreffe nicht nur Santa Cruz, sondern „die produktive Bolivien insgesamt“. Die Folge: Angst, Unsicherheit – und ein Klima, das Investitionen eher vertreibt als anzieht.


Die Struktur dahinter: Millionen Hektar, viele Zuständigkeiten


Ein Blick auf die Landverwaltung zeigt, warum das Thema so schnell eskaliert. In Santa Cruz umfasst das ländliche Gebiet laut damaligen INRA-Daten rund 35,8 Mio. Hektar; die Landbereinigung („saneamiento“) sei zu 95% abgeschlossen gewesen – es fehlten aber noch rund 1,9 Mio. Hektar. Zudem seien 49% des ländlichen Territoriums dort „tierra fiscal“ (Staatsland).



National zeichnete der damalige INRA-Direktor Eulogio Núñez im Herbst 2025 ein ähnliches Bild: Es fehle nur noch ein kleiner Restanteil – aber genau in diesem Rest lägen viele der Konflikte. Er sprach von rund 6% ungeklärter Eigentumsrechte (mehr als 6,6 Mio. Hektar), in denen sich Avasallamientos und Landhandel besonders häuften; zugleich verwies er auf ein ausstehendes Kreditpaket der Banco Interamericano de Desarrollo zur Fertigstellung des Prozesses.


Doppeltitel: Wenn „Papier“ neue Konflikte schafft


Neben Besetzungen sorgt ein zweites Phänomen für Zündstoff: doppelte Titulierung. Laut einem Bericht von Palenque TV erklärte die damalige Vize-Ministerin für Autonomien Andrea Barrientos, Ermittlungen hätten Unregelmäßigkeiten im INRA identifiziert, bei denen doppelte Eigentumstitel über Staatsland vergeben worden seien. Das erleichtere „mafias organizadas“ das Geschäft mit Unsicherheit – bis hin zu Fällen, in denen lange bereinigte Flächen später erneut mit neuen Titeln auftauchten. (Anmerkung: Es handelt sich dabei um eine mediale Darstellung ihrer Aussagen; unabhängige Akten- oder Gerichtsbelege werden in dem Bericht nicht im Detail gezeigt.)


Aufgrund von unklaren Besitzverhältnissen sollte eine mennonitische Kolonie geräumt werden.
Aufgrund von unklaren Besitzverhältnissen sollte eine mennonitische Kolonie geräumt werden.

Beispiel aus der Praxis: Avasallamiento bei mennonitischen Kolonien in Santa Cruz (Dezember 2025)


In der mennonitischen Siedlung Valle Verde (Raum San José, Chiquitos) sollte Aufgrund von unklaren Besitzdokumenten eine Räumung durchgeführt werden. Am 16. Februar 2022 fand eine öffentliche Anhörung satt, in der Einwohner und Behörden eine Klärung mit dem Agrarreforminstitut INRA vereinbarten. Unter diesen Voraussetzungen sei eine Räumung zunächst nicht durchgeführt und das Polizeikommando zum Abzug aufgefordert worden. Zugleich blieb die Lage ausdrücklich „noch nicht geklärt“; ein Treffen mit der INRA-Leitung wurde für den 26. Februar 2022 in Aussicht gestellt.


Versuch der Klärung von Besitzansprüchen
Versuch der Klärung von Besitzansprüchen

Im Bericht wird zudem die Position der Siedlung über den Anwalt Alejandro Altamirano wiedergegeben: Das rund 2.000 Hektar große Grundstück „Los Guayacanes“ gehöre zur Siedlung, entsprechende legale Dokumente lägen vor; eine Räumung sei daher rechtswidrig. Gleichzeitig enthält der Text den Vorwurf, die Behörde wolle andere Gruppen begünstigen – eine Darstellung, die (wie bei Landkonflikten typisch) politisch umstritten ist.


Wie ging es weiter? Öffentlich dokumentiert ist vor allem das Ergebnis aus Februar 2022: In späteren Berichten hieß es, das INRA habe einerseits erklärt, die Kolonie sei grundsätzlich legal, habe sich jedoch über die Grenzen hinaus ausgedehnt. Deshalb solle sie aus dem umstrittenen Erweiterungsbereich „ein Stück zurück“ auf den Teil, der als legal betrachtet werde – also keine vollständige Vertreibung aus der Region, sondern eine Räumung/Reduktion auf die anerkannten Flächen. Ob der Streit um den umstrittenen Teil später durch eine endgültige Titulierung abschließend gelöst wurde, ist nicht eindeutig belegt. Eine solche unklare Sachlage findet sich, in Besitzfragen leider immer wieder vor.


Was das Gesetz sagt – und warum es trotzdem hakt


Rechtlich ist das Instrumentarium in Bolivien seit Jahren vorhanden: Die „Ley 477“ (30.12.2013) ergänzte u. a. den Straftatbestand „Tráfico de tierras“ (Art. 337 bis) und „Avasallamiento“ (Art. 351 bis) im Strafrecht. Beide Delikte können mit drei bis acht Jahren Freiheitsstrafe geahndet werden; unter bestimmten Umständen sieht das Gesetz eine Strafverschärfung vor, etwa wenn (ehemalige) Amtsträger beteiligt sind.




Warum bleibt der Abschreckungseffekt dennoch begrenzt? Der Direktor der Fundación TIERRA, Juan Pablo Chumacero, kritisierte im Juli 2025 öffentlich einen Mangel an Verurteilungen: Trotz jahrelanger Geltung der Norm seien keine bekannten Fälle rechtskräftig mit Haft geendet – ein Hinweis auf strukturelle Straflosigkeit. Auch ein Hintergrundbeitrag von Fundación TIERRA betonte bereits früher: Auf dem Papier seien Räumungen und Strafverfolgung vorgesehen, in der Praxis verlaufe die Anwendung – besonders beim Landhandel – häufig im Sande.


Der Staat im Fokus: Reformversprechen und „Null Toleranz“


Ende Januar 2026 setzte die Regierung ein politisches Signal: Hormando Vaca Díez wurde als neuer Vize-Minister für Land eingesetzt. In öffentlichen Auftritten warf er dem INRA vor, über Jahre Netzwerke begünstigt zu haben, und kündigte „Null Toleranz“ gegenüber Besetzungen an – inklusive mehr Transparenz und einem „technischen“ Neustart der Behörde. Der Tenor: Eigentumsschutz, Schutz indigener Territorien und ein Ende politischer Einflussnahme.


Auch die Wortwahl zeigt, wie aufgeladen das Thema ist. Bei Red Uno wird Vaca Díez mit dem Satz zitiert, „die Erde“ sei nicht mehr „für den, der sie bearbeitet“, sondern „für den, der sie handelt“ – und er deutete Gewalt und politische Absprachen als Treiber der Eskalation.


Warum gerade jetzt der Druck steigt


Aus Sicht von Agrarverbänden ist die Lage akut, weil Konflikte inzwischen schneller in die Lieferketten durchschlagen: blockierte Zufahrten, eingeschränkte Feldarbeiten, unsichere Beschäftigung, Schutzkosten. Gleichzeitig zeigt eine Passage aus einem INRA-Positionspapier, dass Avasallamientos in der institutionellen Logik oft nicht rein administrativ lösbar sind: Als Straftatbestand falle die Bearbeitung u. a. in die Zuständigkeit des Tribunal Agroambiental und der ABT; der INRA liefere in solchen Fällen vor allem technische Berichte zur rechtlichen Lage, die Polizei und Staatsanwaltschaft stützen sollen.


Genau hier entsteht die „Rechnung“, von der viele im Sektor sprechen: Selbst wenn Räumungen rechtlich möglich sind, kosten sie Zeit, Geld und politische Energie – und die Produktion wartet nicht.


Begriffe kurz erklärt

  • Avasallamiento: (Illegale) Besetzung/Übernahme von Land – mit oder ohne Gewalt.

  • Doppelte Titulierung: Mehrfach vergebene/überlappende Eigentumstitel, die Konflikte erst erzeugen oder verschärfen können.

  • Tráfico de tierras: Illegales „Handeln“ mit Land, das der handelnden Person nicht gehört (inkl. Staatsland).


Quellen:

  • Zeitung publiagro

  • La Patria über Warnungen der CAO und die nationale Dimension der Besetzungen.

  • El Deber mit Zahlen zur Landstruktur/Saneamiento in Santa Cruz und Debatten um Zuständigkeiten.

  • Correo del Sur zu verbleibenden 6% ungeklärten Landrechten und der Verbindung zu Avasallamientos/Tráfico.

  • Agencia de Noticias Fides zur Kritik an Straflosigkeit trotz bestehender Strafnormen.

  • FAOLEX (Volltext/Einordnung der Ley 477 und der eingefügten Strafartikel).

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