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Kinder werden weltweit weniger, Mennoniten bilden einen bemerkenswerten Gegenpol

vor 18 Stunden
6 Min. Lesezeit

Aktualisiert: vor 15 Minuten


Eine neue wissenschaftliche Untersuchung kommt zu einem weitreichenden Ergebnis: Die Menschheit könnte bereits 2026 weniger Kinder bekommen, als langfristig zur Erhaltung der Weltbevölkerung notwendig wären. Während die Geburtenzahlen in zahlreichen Ländern überraschend schnell fallen, zeigen konservative Mennoniten eine ganz andere Entwicklung. Besonders deutlich wird dieser Gegensatz in Bolivien.


Eine mennonitische Familie vor ihrem Haus in der Kolonie Durango in Bolivien, aufgenommen 2006. Foto: Jordi Busqué.
Eine mennonitische Familie vor ihrem Haus in der Kolonie Durango in Bolivien, aufgenommen 2006. Foto: Jordi Busqué.

Die Ökonomen Jesús Fernández-Villaverde von der University of Pennsylvania und Patrick Norrick von der Northwestern University haben in ihrer im September 2026 veröffentlichten Untersuchung Terra Incognita: The Economics of a Shrinking World die Entwicklung der Fruchtbarkeit in 236 Ländern und Gebieten seit 1950 untersucht. Ihr Ergebnis ist bemerkenswert. Nach Einschätzung der Autoren könnte die Menschheit als Ganzes bereits unter das sogenannte Bestandserhaltungsniveau gefallen sein.


Weltweit werden immer weniger Kinder geboren


Als Bestandserhaltungsniveau bezeichnet man die durchschnittliche Kinderzahl, die notwendig ist, damit sich eine Bevölkerung langfristig selbst ersetzt. In entwickelten Ländern werden gewöhnlich etwa 2,1 Kinder je Frau angesetzt. Fernández-Villaverde und Norrick berechnen für die Welt insgesamt wegen Kindersterblichkeit und des unterschiedlichen Zahlenverhältnisses von Jungen und Mädchen einen etwas höheren Wert von ungefähr 2,2 Kindern je Frau.


Die Forscher beobachten dabei nicht lediglich einen Rückgang in Europa oder Ostasien. Gerade in Ländern mit mittleren Einkommen ist die Fruchtbarkeit wesentlich schneller gesunken, als viele Demografen noch vor wenigen Jahren erwartet hatten.


Besonders eindrücklich sind einige der im Forschungsbericht genannten aktuellen Werte:

Land

Kinder je Frau laut Studie

Thailand

0,87

Kolumbien

1,01

Iran

1,35

Tunesien

1,45

Mexiko

1,51

Brasilien

1,52


Damit liegen diese Länder deutlich unter dem Bestandserhaltungsniveau. Die Autoren weisen darauf hin, dass Mexiko inzwischen vermutlich sogar eine niedrigere Fertilität hat als die nicht hispanische weiße Bevölkerung der Vereinigten Staaten. Auch Tunesien ist mit nur etwa 1,45 Kindern je Frau weit unter die Bestandserhaltung gefallen.


Japan und Italien gehörten bereits früh zu den Ländern mit besonders niedriger Geburtenrate. Später kamen China und Südkorea hinzu. In den vergangenen Jahren sind nach Darstellung der Forscher auch Chile, Kolumbien und Teile der Karibik in Bereiche extrem niedriger Fertilität gerutscht. Selbst die USA und Frankreich liegen inzwischen deutlich unter den früher als Untergrenze angesehenen 1,8 Kindern je Frau. Eine auffällige Ausnahme ist Israel, wo die Fertilität 2024 noch bei 2,86 Kindern je Frau lag.


219 von 236 Ländern mit fallendem Trend


Noch auffälliger ist der langfristige Trend. Fernández-Villaverde und Norrick untersuchten 236 Länder und Gebiete. Bei 219 von ihnen weist die statistische Entwicklung nach unten. Bei keinem dieser negativen Trends erkennen die Forscher bislang eine eindeutige Stabilisierung.


Die Weltkarte zeigt die großen Unterschiede bei den Fertilitätsraten. In zahlreichen Ländern liegt die durchschnittliche Kinderzahl inzwischen deutlich unter dem Bestandserhaltungsniveau von rund 2,1 Kindern je Frau.
Die Weltkarte zeigt die großen Unterschiede bei den Fertilitätsraten. In zahlreichen Ländern liegt die durchschnittliche Kinderzahl inzwischen deutlich unter dem Bestandserhaltungsniveau von rund 2,1 Kindern je Frau.

Die Autoren stellen deshalb eine beunruhigende Frage. Warum sollte die Geburtenrate, nachdem sie unter das Bestandserhaltungsniveau gefallen ist, automatisch wieder steigen?

Einen solchen Mechanismus können sie nicht erkennen. Sie diskutieren wirtschaftliche Faktoren, hohe Wohnkosten, gesellschaftliche Veränderungen, Bildung, veränderte Lebensvorstellungen und den Einfluss moderner Lebensweisen. Keine einzelne Erklärung reicht nach ihrer Einschätzung jedoch aus, um den weltweiten Rückgang vollständig zu erklären.


Die Weltbevölkerung schrumpft deshalb nicht sofort. Große junge Generationen sorgen zunächst weiterhin für viele Geburten. Fernández-Villaverde und Norrick halten es jedoch für möglich, dass die Weltbevölkerung bereits um 2056 bei ungefähr neun Milliarden Menschen ihren Höhepunkt erreicht und anschließend zurückgeht. Sie kommen damit zu einem deutlich früheren Zeitpunkt als die mittlere Projektion der Vereinten Nationen. Die Autoren betonen allerdings ausdrücklich, dass langfristige Fertilitätsentwicklungen schwer vorherzusagen sind.


Mennoniten zeigen eine völlig andere Entwicklung


Vor diesem weltweiten Hintergrund fällt eine Bevölkerungsgruppe besonders auf, die konservativen Mennoniten.


Während in immer mehr Ländern Familien mit einem oder zwei Kindern zur Regel werden, sind kinderreiche Familien in vielen konservativen mennonitischen Gemeinden weiterhin selbstverständlich. Familie und Kinder besitzen dort einen hohen Stellenwert. Dadurch entwickeln sich diese Gemeinschaften demografisch völlig anders als die sie umgebende Gesellschaft.


Ein besonders anschauliches Beispiel findet sich in Bolivien.


Das bolivianische Statistikamt geht für 2026 inzwischen nur noch von etwa 1,56 Kindern je Frau aus. Bolivien lag Mitte der 1990er Jahre noch bei ungefähr 4,8 Kindern. Damit hat das Land innerhalb von rund drei Jahrzehnten etwa zwei Drittel seiner Fertilität verloren und unterschritt wahrscheinlich um 2019 das Bestandserhaltungsniveau.


Bei den konservativen Mennoniten sieht die Situation ganz anders aus.


Eine Auswertung der bolivianischen Volkszählung durch das Forschungsinstitut Populi kommt auf eine gegenwärtige mennonitische Fertilität von ungefähr 5,9 Kindern je Frau. Sie liegt damit etwa dreimal so hoch wie bei der übrigen Bevölkerung. Die Volkszählung erfasste 2024 anhand der deutschen beziehungsweise plautdietschen Sprache rund 88.757 Personen in 16.402 Haushalten. Hochgerechnet werden für 2026 ungefähr 93.100 Personen angenommen.


Allein dieser Unterschied hat langfristig erhebliche Folgen. Obwohl Mennoniten nach dieser vorsichtigeren Zählweise heute weniger als ein Prozent der bolivianischen Bevölkerung ausmachen, entfallen bereits rund 2,6 Prozent der Geburten auf diese Bevölkerungsgruppe.


Besonders deutlich zeigt sich diese Entwicklung bereits heute im Municipio Pailón im Departamento Santa Cruz. Dort leben nach der bolivianischen Volkszählung von 2024 insgesamt 54.495 Menschen. Aus den Sprachangaben lässt sich ableiten, dass 42,3 Prozent der Bevölkerung der mennonitischen Bevölkerungsgruppe zugerechnet werden können. Damit sind in Pailón bereits heute mehr als vier von zehn Einwohnern Mennoniten.


Straßenbild in der Stadt Santa Cruz auf der Straße 6. Agosto
Straßenbild in der Stadt Santa Cruz auf der Straße 6. Agosto

Die Volkszählung erfasst die Religionszugehörigkeit nicht direkt. Als Näherungswert dient deshalb die Sprache. In den konservativen mennonitischen Kolonien wird überwiegend Plautdietsch gesprochen, das im Zensus unter dem Sprachcode „Deutsch“ geführt wird. Gerade Pailón zeigt damit, wie stark sich die mennonitische Bevölkerung regional bereits auswirkt. Während Mennoniten landesweit noch eine kleine Minderheit bilden, stellen sie hier schon heute einen sehr großen Teil der Bevölkerung. Bleibt ihre deutlich höhere Fertilität bestehen, dürfte ihr Anteil in solchen Regionen weiter wachsen.


Könnten Mennoniten eines Tages einen großen Teil Boliviens stellen?


Fernández-Villaverde griff diese außergewöhnliche Entwicklung wenige Tage nach Veröffentlichung seiner wissenschaftlichen Arbeit in einer Modellrechnung auf.


Er nahm dabei ungefähr 150.000 Mennoniten, eine Fertilität von sieben Kindern je mennonitischer Frau und lediglich 1,51 Kindern bei der übrigen Bevölkerung an. Werden diese Unterschiede über Generationen fortgeschrieben, verändert sich die Bevölkerungszusammensetzung dramatisch. In seinem vereinfachten Modell könnten die Mennoniten langfristig mehrere Millionen Menschen umfassen und schließlich sogar einen erheblichen Teil der Bevölkerung Boliviens stellen.


Diese Rechnung ist ausdrücklich keine Vorhersage. Geburtenraten verändern sich, Menschen wandern aus, Gemeinschaften verändern sich und ein Teil der jungen Generation kann die Kolonien verlassen.


Eine inzwischen veröffentlichte bolivianische Gegenrechnung mit den Daten der Volkszählung geht deshalb wesentlich vorsichtiger vor. Sie nimmt rund 93.100 Mennoniten und eine Fertilität von etwa 5,9 an. Selbst unter diesen zurückhaltenderen Annahmen würde der mennonitische Bevölkerungsanteil deutlich steigen. Für 2101 ergibt das Modell ungefähr neun Prozent der Gesamtbevölkerung, gleichzeitig könnten Mennoniten dann bereits mehr als ein Drittel aller Kinder des Landes stellen.


Bemerkenswert ist noch eine weitere Berechnung. Durch den wachsenden Anteil der kinderreichen Mennoniten könnte sich sogar die durchschnittliche Fertilität Boliviens wieder erhöhen. Das Populi-Modell kommt unter seinen Annahmen von heute 1,56 auf etwa 1,64 im Jahr 2076 und 1,94 im Jahr 2101.


Kinderreichtum wird zu einem demografischen Faktor


Die wissenschaftliche Untersuchung von Fernández-Villaverde und Norrick macht deutlich, dass die weltweite demografische Entwicklung möglicherweise an einem Wendepunkt angekommen ist. Nicht nur Europa altert. Auch in Lateinamerika, Asien und Nordafrika sinken die Kinderzahlen inzwischen auf Werte, die vor wenigen Jahrzehnten kaum erwartet worden wären.


Gerade vor diesem Hintergrund bilden kinderreiche mennonitische Familien einen bemerkenswerten Gegenpol. Ihre Bedeutung liegt dabei nicht allein in statistischen Zahlen. Wo Ehe, Familie und Kinder weiterhin einen hohen Stellenwert besitzen und Kinder als Gabe Gottes angenommen werden, entsteht auch demografisch eine völlig andere Zukunft.


Eine mennonitische Großfamilie in traditioneller Kleidung. Während die Fertilität in vielen Ländern deutlich zurückgeht, sind kinderreiche Familien in konservativen mennonitischen Gemeinden weiterhin verbreitet und tragen wesentlich zu ihrem starken Bevölkerungswachstum bei.
Eine mennonitische Großfamilie in traditioneller Kleidung. Während die Fertilität in vielen Ländern deutlich zurückgeht, sind kinderreiche Familien in konservativen mennonitischen Gemeinden weiterhin verbreitet und tragen wesentlich zu ihrem starken Bevölkerungswachstum bei.

Bolivien könnte hierfür in den kommenden Jahrzehnten zu einem besonders interessanten Beispiel werden. Ob Mennoniten eines Tages tatsächlich einen großen Teil der Bevölkerung stellen, lässt sich heute nicht zuverlässig vorhersagen. Sicherer ist die grundlegende Entwicklung: Bleibt der Abstand zwischen der sehr niedrigen Fertilität der Gesamtbevölkerung und der hohen Kinderzahl mennonitischer Familien bestehen, wird der Anteil der Mennoniten an der Bevölkerung Boliviens deutlich wachsen.


Quellen:

Fernández-Villaverde, Jesús und Patrick Norrick: Terra Incognita: The Economics of a Shrinking World, CESifo Working Paper Nr. 12997 und NBER Working Paper Nr. 35809, September 2026. NBER

Für den Abschnitt zu Bolivien: Fundación Populi, Algunas consecuencias demográficas del declive de la natalidad en Bolivia, 22. September 2026.

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