Jakob (David) Reimer (1818–1891)
- Redaktion

- 6. Jan.
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Aktualisiert: 6. Jan.

Jakob David Reimer gehört zu jenen Männern, deren Leben nicht nur von äußeren Stationen erzählt, sondern von einer inneren Richtung getragen wird. Er wurde in Kronsgarten im damaligen Ekaterinoslav-Gebiet geboren; auf seinem Grabstein stand als Datum 29. Januar 1818, während andere Überlieferungen eher 1817 als Geburtsjahr nennen.
Schon seine Herkunft prägte ihn: Sein Vater David Peter von Reimer, einst als „königlicher Gärtner“ in Preußen beschrieben, brachte Wissen über Pflanzen und Landschaftsgestaltung mit nach Südrussland. In der neuen Heimat entstanden Baumschulen und Pflanzungen – und Jakob wuchs in einer Welt auf, in der Glaube, Arbeit und Ordnung sichtbar Gestalt annahmen.
Ein Mensch der Wahrheit – auch wenn sie unbequem ist
Reimer war bekannt dafür, Dinge nicht zu beschönigen. Er führte Aufzeichnungen, notierte Beobachtungen und verfasste Berichte, die „nichts Unangenehmes ausließen“. Seine Tagebücher sind heute nicht mehr erhalten, aber sie waren für die Geschichtsschreibung so wertvoll, dass P. M. Friesen daraus vielfach schöpfte. Als Friesen ihn fragte, wie man über schwere Gemeindekonflikte schreiben solle, gab Reimer die Richtung vor: ehrlich schreiben – so wie es geschehen ist. Diese Haltung ist mehr als Charakter: Sie ist ein geistliches Zeugnis. Wahrhaftigkeit – auch über eigene Schatten – schützt die Gemeinde vor Legendenbildung und macht Versöhnung überhaupt erst möglich.
Glaube, Erneuerung und der Schmerz der Trennung
Als junger Mann ging Jakob nach Gnadenfeld, um zu lernen und eine wirtschaftliche Grundlage zu finden. Dort wurde er in die Mennonitengemeinde aufgenommen und heiratete 1839 Wilhelmine Augustine Strauss; gemeinsam hatten sie zwölf Kinder (mehrere starben früh).
In den 1840er/1850er Jahren kam es in Molotschna zu Spannungen durch die Erweckungs- und Erneuerungsbewegung um den pietistisch geprägten Prediger Eduard (Edward) Wüst. Reimer gehörte zu denen, die diese geistliche Belebung ernst nahmen und in Bruder-Versammlungen den Glauben vertiefen wollten. Er schilderte, wie diese Treffen „oft gesegnete Stunden“ waren – und wie zugleich Widerstand wuchs.
Der Konflikt spitzte sich zu: In stürmischen Sitzungen Ende 1859 wurden Reimer und andere wegen ihrer Anliegen (u. a. häufigeres Abendmahl und geistliche Hausgemeinschaften) massiv angegriffen. Schließlich verließen sie die Versammlung – nicht triumphierend, sondern still. Am 6. Januar 1860 unterzeichneten achtzehn Brüder das Austrittsdokument – der formale Beginn der Mennonitischen Brüdergemeinde. Reimers Zeugnis liegt hier nicht darin, dass er „recht behielt“, sondern dass er eine Sehnsucht festhielt: lebendiger Glaube, spürbare Nachfolge, Christus im Mittelpunkt.
„Mäßigung in allen Dingen“ – der Weg der Mitte
Doch auch die neue Bewegung blieb nicht frei von Übertreibung. Reimer geriet zeitweise zwischen die Fronten: zu fromm-ernst für die einen, zu nüchtern für die anderen. Sein Leitwort war „Mäßigung in allen Dingen“. In den sogenannten „Juni-Reformen“ (1865) wurden willkürliche Ausschlüsse (auch gegen Reimer) aufgehoben, und „wilde“ Ausdrucksformen wie Tanzen wurden als nicht gottgefällig verworfen; damit wurde seine Leitung und die der „ernsthaften und gemäßigten“ ersten Leiter erneut bestätigt. Sein Lebenszeugnis leuchtet hier besonders: geistliche Leidenschaft – aber ohne geistliches Theater; klare Überzeugung – aber ohne zerstörerische Härte.
Wiesenfeld – Glaube wird Landschaft
Reimer war nicht nur Gemeindemann, sondern auch Gestalter. 1879/1880 führte sein Weg zur Gründung von Wiesenfeld: Aus einem als „Magrova“ bezeichneten Gelände wurde „Wiesenfeld“ – mit einfachen Anfängen (Sod-/Lehmhütten), Windschutzpflanzungen und Obstgärten. Der Ort wuchs und entwickelte sich. Hier zeigt sich eine tiefe mennonitische Tugend: Glaube wird konkret. Nicht nur Predigt, sondern Boden, Baum, Haus, Schule, Gemeinschaft. Reimer suchte eine „sanfte“ Bruderschaft, in der sich alles um Christus dreht.
Auch im Hausleben wird sein Zeugnis greifbar: In Wiesenfeld lud Wilhelmine Frauen zum Gebet ein und half, Dinge für Bedürftige herzustellen – stille Diakonie, die selten in Chroniken steht, aber Gemeinden trägt.
Sein Ende: Frieden, Gemeinschaft, Abendmahl
Die letzten Jahre wurden ruhiger. Zwölf Tage vor seinem Tod besuchten ihn Ältester Aron Lepp und weitere Brüder; man sprach, betete und feierte mit ihm das Abendmahl im Kreis der Familie. Wilhelmine war bereits am 11. November 1889 gestorben; Jakob selbst starb am 13. November 1891 in Wiesenfeld, 74-jährig.
Zwei Jahre nach seinem Tod wurde ein großer Grabstein gesetzt. Seine Worte sind bis heute eine Predigt an den Vorübergehenden – nicht Selbstverherrlichung, sondern Ruf zur Umkehr. Dass dieser Stein nach Zerstörung, Wiederauffinden und schließlich (2010) in Steinbach, Manitoba erneut öffentlich sichtbar wurde, wirkt wie ein spätes Echo seines Lebens: Gottes Spuren verschwinden nicht so leicht.
So bleibt Jakob Reimers Lebenszeugnis: ein Mann der Wahrheit, der Mäßigung und der Mitte; einer, der Erneuerung suchte, ohne Christus durch Extreme zu verdunkeln; einer, der Glauben nicht nur dachte, sondern pflanzte – bis in Gärten, Dörfer und Generationen hinein.
Quellen:
Mennonite Heritage and/or Saskatchewan? (MHSC) – Mennonite Archival Information Database (MAID): Reimer, Jacob D., 1817–1891 (Kurzbiografie + verknüpfte Fotos/Objekte).
chortitza.org (Foto- und Materialsammlung): Eintrag zu Jakob David Reimer (29.01.1817–13.11.1891), mit Orts-/Lebensstationen und Bezug zu Wiesenfeld.
Huebert, Helmut T.: Events and People: Events in Russian Mennonite History and the People that Made Them Happen. Winnipeg: Springfield Publishers, 1999. (Digitalisat/Scan über Archive.org verfügbar).
Friesen, Peter M.: The Mennonite Brotherhood in Russia, 1789–1910 (engl. Übersetzung/Edition des deutschen Standardwerks von 1911; rev. Ausg. 1980 wird als Scan geführt).
Martens, Katherine: “Tombstone of Mennonite Brethren founder located.” Mennonite Historian 33/1 (März 2007), S. 10.
(Hauptartikel/Einordnung zu Reimer und Grabsteintext, inkl. Endnotenapparat): Mennonite Historian 38/2 (Juni 2012), Beitrag zu Jakob D. Reimer (mit Literaturhinweisen).
Korrektur-/Zusatzhinweise zu Reimers Eltern (als Reaktion auf den Juni-2012-Beitrag): Mennonite Historian 38/3 (Sept. 2012).
Hinweis/Foto zur Überführung und Enthüllung des Grabsteins (Celebration 2010-Kontext): Mennonite Historian 36/3 (Sept. 2010).
Brandt, Susan & Gilbert G. Brandt: “MB founder’s grave marker given new home.” Mennonite Brethren Herald, 01.09.2010.
Neff, Christian: “Reimer, Jakob.” Mennonite Encyclopedia (1959), Bd. 4, S. 277 (online über GAMEO genannt). (Direktabruf GAMEO war hier technisch blockiert; Nachweis über Endnoten im Mennonite Historian).
Martens, Katherine (Hg./Übers.): They Came from Wiesenfeld, Ukraine to Canada: Family Stories. Winnipeg, 2005 (über Endnoten/Literaturnachweise belegt).




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