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Heinrich Klaas Hübert (1810 – 1895)

Heinrich Klaas Hübert
Heinrich Klaas Hübert

„Schaut den Ausgang ihres Lebens an und folgt ihrem Glauben nach.“ (Hebr. 13,7)

Heinrich Klaas Hübert (auch: Huebert / Hiebert) wurde am 26. November 1810 im Dorf Münsterberg in der Kolonie Molotschna geboren. Er wuchs in einer großen Familie auf; nach dem frühen Tod der Mutter heiratete der Vater erneut – am Ende zählte die Hausgemeinschaft 25 Kinder. Schon diese Kindheit formte in ihm Ausdauer, Verantwortung und die stille Fähigkeit, Menschen zu tragen.


Nach der Dorfschule besuchte er in den 1820er Jahren die Vereinsschule in Orloff. Dort begegnete er einem geistlich geprägten Bildungsgeist – mit Bibelunterricht, Leihbibliothek und Leseverein – und gewann eine Liebe zur Schrift und zum Lesen, die ihn sein Leben lang begleitete. In Orloff wurde er auch „kirchlich“ getauft und blieb der alten Mennonitengemeinde zunächst ein angesehenes Mitglied.


Ein Leben zwischen Dorfamt und geistlicher Tiefe


Um 1832 heiratete Hübert Agatha Löwen; aus der Ehe ging eine Tochter hervor. Nach ihrem Tod folgte die Ehe mit Katharina Schmidt (zwei Kinder, die früh starben). Anfang der 1860er Jahre starb auch Katharina; kurz vor Februar 1865 heiratete er Maria Epp, die ihn um einige Jahre überlebte.


Zunächst lebte Hübert in Münsterberg; später erwarb er in Liebenau einen Hof und betrieb dort eine Trittmühle. Seine Tüchtigkeit und sein nüchterner Sinn verschafften ihm Vertrauen: Er war mehrere Jahre Beisitzer und Schulze des Dorfrates. Zugleich blieb er innerlich auf die Sache Christi ausgerichtet – nicht laut, sondern gründlich. Dass er 1835 und 1858 in Münsterberg belegt ist und 1864 in Liebenau, passt zu diesem Lebensweg zwischen Herkunftsort und späterem Wirkungsfeld.


Erweckung, Gewissensentscheidung und der Dienst als erster Ältester


In Liebenau wurde Hübert „Freund von Gnadenfeld und Wüst“ – er stand in engem Kontakt zur erweckten Gemeinde Gnadenfeld und zum Prediger Eduard Wüst (1818–1859), dessen Buß- und Bekehrungspredigt viele Menschen aufrüttelte. Hübert suchte nicht das Neue um des Neuen willen, sondern rang um geistliche Wahrhaftigkeit.


Der entscheidende Schritt fiel am 6. Januar 1860: In Elisabethtal war Hübert unter denen, die die „Ausgangs- oder Stiftungsschrift“ verfassten – den dokumentierten Beginn der Mennonitischen Brüdergemeinde (MBG). Von da an trug er in besonderer Weise väterliche Verantwortung für die junge Gemeinde.


Als erster Ältester übernahm er Aufgaben, die weit über Predigt hinausgingen: Abendmahl, Seelsorge, schwierige Kontakte zu Ämtern und zu anderen Ältesten, später auch Trauungen. Bei der ersten Taufe am 23. September 1860 wurde in der MBG die Untertauchungstaufe eingeführt; Hübert selbst ließ sich erst im Mai 1861 in dieser (für Russlandmennoniten damals neuen) Weise taufen und taufte danach weitere Bekehrte. Ein besonders warmes Detail der frühen Brüdergemeinde ist überliefert: Hübert „herzte und segnete“ wiederholt die kleinen Kinder in den Versammlungen – ein Zeichen, dass sein Leitungsdienst nicht hart, sondern zugewandt war.


Prüfungen: Boykott, Verlust und Gefängnis


Mit dem „Ausgang“ kam auch die Anfechtung. Hübert erlebte wirtschaftlichen Druck und Boykott: Man sollte nicht bei ihm kaufen oder verkaufen; Schuldner verweigerten Zahlungen. Um drängende Verbindlichkeiten zu bedienen, musste er Trittmühle und Hof in Liebenau verkaufen. In einem Brief griff er dazu ein Liedwort auf: „Gebt der Welt das ihre …“ – nicht als Resignation, sondern als bewusste Hingabe um Christi willen.


Noch schwerer traf ihn das Jahr 1865: Er wurde fälschlich beschuldigt, ein russisch-orthodoxes Mädchen getauft zu haben, und blieb zehn Monate in Tokmak in Untersuchungshaft (Winter bis November 1865). Diese Haft schwächte seine Gesundheit nachhaltig. Aus dieser Zeit ist sogar ein von ihm im Gefängnis gedichtetes Lied überliefert – durchdrungen von Geduld, Vertrauen und der Sehnsucht nach der Ruhe bei Christus.


Nach der Freilassung zog er nach Blumenort (nahe Orloff) zu Verwandten; dort wurde sein schlichtes Haus für einige Jahre zum „Zentrum“ der MBG an der Molotschna: Ort der Beratung, Erbauung, Ordnung und Versöhnung. Zeitgenössische Stimmen beschreiben ihn als „still, sanft und tiefdenkenden“ Ältesten – nicht als Mann großer Gesten, sondern als geistlich nüchternen Hirten, der gerade in den „Kinderkrankheiten“ der jungen Gemeinde immer wieder zu tragfähigen Lösungen führte.


Kuban: Dienst im „Zufluchtsort“ und ein stilles Ende


Die mennonitische Ansiedlung am Kuban war seit 1864 als Zufluchtsort für bedrängte Brüdergemeindeglieder gedacht. Hübert besuchte die Kolonie 1868 und 1872; erst im Sommer 1873 zog er dorthin um. Dort diente er 1873–1877 erneut als Ältester. Berichte erwähnen seine schlichte Arbeitsamkeit (Hof, Garten, Bienenstand) ebenso wie seinen geistlichen Ernst: Er wollte die Gemeinde „nach der Lehre der Apostel und Jesu Christi“ leiten – auch wenn Zerwürfnisse das Vertrauen untereinander zeitweise schwächten. Seinen Ältestendienst schloss er am 5. Mai 1877 mit der Einsetzung eines Nachfolgers.


Im Alter wurde Hübert als ein Mann beschrieben, der „lebensmüde“ war – nicht aus Bitterkeit, sondern aus Sehnsucht, den Heiland zu sehen, auf dessen Kommen er lange hoffte. Am 16. Dezember 1895 starb er im Glauben.


Vermächtnis


Heinrich Klaas Hübert bleibt als erster Ältester der MBG ein Zeuge dafür, dass Gemeinde nicht zuerst durch Kraft, sondern durch Treue wächst: durch ein Gewissen, das Christus mehr gehorcht als dem Druck der Umgebung; durch eine Leitung, die Kinder segnet und Streit heilt; durch Leidensbereitschaft, die nicht verhärtet, sondern vertieft. Sein Leben ruft dazu auf, den „Ausgang“ solcher Glaubenswege anzusehen – und dem stillen Überwinderglauben nachzufolgen.


Quellen:

  1. Hilfskomitee AQUILA (Hg.): AQUILA – Hilfskomitee AQUILA, Unterstützung der Missionsarbeit der Gemeinden in Kasachstan und Sibirien, 4/14 Nr. 4 (94), Oktober–Dezember 2014. Darin der Beitrag: „Ein Leben für Christus und die erweckte Gemeinde – Heinrich Hübert (1810–1895), der erste Älteste der Mennoniten-Brüdergemeinde“, S. 14–21 (im Heft; PDF-Archiv). Zugriff: 06.01.2026.

  2. Friesen, Peter M.: Die Alt-Evangelische Mennonitische Brüderschaft in Rußland (1789–1910) im Rahmen der mennonitischen Gesamtgeschichte. Halbstadt (Taurien)/Odessa: Verlagsgesellschaft „Raduga“, 1911.

    Digitalisat (Frakturdruck), bereitgestellt über Chortitza.org, aufgeteilt in Teile. Zugriff: 06.01.2026.

  3. Chortitza.org (Datenbank/Foto- und Personenliste): Bilder Münsterberg, Molotschna Kolonie – Eintrag P64980 zu Heinrich Klaas Hübert (26.11.1810–16.12.1895), #38547, inkl. Ortsnachweisen und Bildverweis. Zugriff: 06.01.2026. chortitza.org


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