6. September 1529: Georg Blaurock wird in Klausen auf dem Scheiterhaufen verbrannt
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Am 6. September 1529 endete bei Klausen im heutigen Südtirol das Leben eines der bekanntesten Wegbereiter der frühen Täuferbewegung. Georg Blaurock, der nur wenige Jahre zuvor an der Entstehung der ersten Täufergemeinde in Zürich beteiligt gewesen war, wurde gemeinsam mit seinem Glaubensbruder Hans Langegger auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Sein Tod bildete den gewaltsamen Abschluss eines kurzen, aber außerordentlich bewegten Lebens als Prediger und Sendbote.

Vom Priester zum Täufer
Georg Blaurock wurde um 1491 oder 1492 in Bonaduz im heutigen Schweizer Kanton Graubünden geboren. Sein eigentlicher Name lautete wahrscheinlich Georg Cajacob; in den Quellen erscheint er auch als »Georg vom Hause Jakob«. Nach seiner Ausbildung im Kloster St. Luzi in Chur studierte er zeitweise in Leipzig und wirkte von 1516 bis 1518 als Priester in Trin.
Wie viele Geistliche seiner Zeit wurde Blaurock von den reformatorischen Fragen erfasst. Er wandte sich von der römisch-katholischen Kirche ab, heiratete eine Frau namens Els und kam Anfang 1525 nach Zürich. Dort schloss er sich dem Kreis um Konrad Grebel und Felix Manz an. Diese Männer waren zunächst Weggefährten des Zürcher Reformators Huldrych Zwingli gewesen, gerieten jedoch zunehmend mit ihm und dem Zürcher Rat in Konflikt.
Im Mittelpunkt der Auseinandersetzung stand die Frage, wer getauft werden sollte. Grebel, Manz, Blaurock und ihre Freunde fanden im Neuen Testament keinen Auftrag zur Taufe unmündiger Kinder. Sie waren überzeugt, dass die Taufe dem persönlichen Glauben, der Buße und dem bewussten Bekenntnis zu Jesus Christus folgen müsse.
Ein entscheidender Abend in Zürich
Am 21. Januar 1525 versammelte sich in Zürich eine kleine Gruppe von Glaubensgeschwistern. Nach der späteren täuferischen Überlieferung trat Blaurock vor Konrad Grebel, kniete nieder und bat ihn, ihn aufgrund seines Glaubensbekenntnisses zu taufen. Grebel erfüllte seine Bitte. Anschließend taufte Blaurock die übrigen Anwesenden.

Dieser Abend gilt als eine entscheidende Geburtsstunde der Schweizer Täuferbewegung. Blaurock war der Erste aus diesem Kreis, der die Glaubenstaufe empfing. Aus einer theologischen Überzeugung war eine sichtbare und verbindliche Glaubensentscheidung geworden.
Die Täufer wollten Gemeinde nach dem Vorbild des Neuen Testaments sein: eine Gemeinschaft von Menschen, die Christus freiwillig nachfolgten und ihren Glauben durch ein erneuertes Leben bezeugten. Damit stellten sie zugleich die damals selbstverständliche Verbindung von Kirche und staatlicher Obrigkeit infrage.
Blaurock wurde bald zu einem der eifrigsten Prediger der jungen Bewegung. Zeitgenössische Berichte schildern ihn als kraftvolle und mitreißende Persönlichkeit. Unermüdlich zog er von Ort zu Ort, predigte, taufte Gläubige und sammelte kleine Gemeinden. Sein Wirkungsgebiet umfasste Zürich, das Appenzellerland, Basel, Bern, Biel, Graubünden und später Tirol.
Verhaftet, geschlagen und vertrieben
Seine Tätigkeit brachte Blaurock immer wieder in Konflikt mit den Obrigkeiten. Im 16. Jahrhundert galt Religion nicht als persönliche Angelegenheit. Die Einheit von Kirche, Gesellschaft und Obrigkeit sollte bewahrt werden. Wer die Kindertaufe ablehnte und außerhalb der staatlich anerkannten Kirche Gemeinden gründete, stellte aus damaliger Sicht zugleich die bestehende Ordnung infrage.
Blaurock wurde mehrfach verhaftet, verhört und aus verschiedenen Gebieten ausgewiesen. Am 5. Januar 1527 ließ der Zürcher Rat Felix Manz in der Limmat ertränken. Blaurock wurde am selben Tag öffentlich ausgepeitscht und endgültig aus dem Zürcher Herrschaftsgebiet vertrieben. Doch auch diese Behandlung brachte ihn nicht dazu, seine Verkündigung aufzugeben.
Nach weiteren Aufenthalten in der Schweiz wandte er sich nach Tirol. Dort hatte sich die Täuferbewegung seit etwa 1527 rasch ausgebreitet. Besonders unter Handwerkern, Bauern und Bergleuten fanden täuferische Prediger offene Ohren. Nach der Hinrichtung mehrerer Gemeindeleiter waren viele kleine Gruppen ohne Lehrer und Seelsorger geblieben. Blaurock sah darin einen neuen Auftrag.
Predigtdienst im Eisacktal
Das Gebiet um Klausen im Eisacktal wurde zu einem Mittelpunkt seiner Arbeit. Von dort aus besuchte Blaurock die verstreut lebenden Glaubensgeschwister, hielt Versammlungen ab und taufte Menschen, die sich bewusst zur Nachfolge Jesu bekannten.
Sein Dienst geschah unter großer Gefahr. König Ferdinand I. hatte bereits 1527 scharfe Erlasse gegen die Täufer herausgegeben. Der Reichstag zu Speyer bestätigte 1529, dass die sogenannte Wiedertaufe mit dem Tod bestraft werden sollte. Katholische und zahlreiche evangelische Obrigkeiten waren sich trotz ihrer sonstigen Gegensätze darin einig, die Täuferbewegung zu unterdrücken.
Die Gemeinden mussten sich deshalb häufig nachts oder an abgelegenen Orten versammeln. Wer Täufer beherbergte, ihnen Nahrung gab oder von einer Versammlung wusste, konnte ebenfalls bestraft werden. Dennoch breitete sich die Bewegung weiter aus.

Gefangennahme in Gufidaun
Am 14. August 1529 wurden Georg Blaurock und sein Begleiter Hans Langegger - im späteren Märtyrerspiegel auch Hans von der Reve genannt - in Gufidaun bei Klausen gefangen genommen. Sie gerieten in die Hände des dortigen Pflegers Hans Preu und wurden vermutlich auf Schloss Summersberg festgesetzt.

Die überlieferten Anklagepunkte zeigen, dass es bei dem Verfahren vor allem um Blaurocks Glaubensüberzeugungen ging. Ihm wurde vorgeworfen, sein früheres Priesteramt verlassen, die Kindertaufe verworfen und die Glaubenstaufe gepredigt zu haben. Außerdem lehnte er die Messe, die kirchliche Beichte und die Anrufung Marias ab.
Ein Widerruf hätte ihm möglicherweise das Leben retten können. Doch Blaurock und Langegger blieben bei ihrem Bekenntnis. Am 6. September 1529 wurden beide bei Klausen zum Scheiterhaufen geführt und lebendig verbrannt. Blaurock war zu diesem Zeitpunkt vermutlich erst etwa 37 Jahre alt.
Ein Zeugnis aus dem Gefängnis
Von Georg Blaurock sind zwei Lieder im Ausbund, dem alten Gesangbuch der Täufer, erhalten geblieben. Eines davon beginnt mit den Worten:
»Gott führt ein recht Gericht,und niemand mag's ihm brechen.«
Das Lied zeigt, wie Blaurock sein bevorstehendes Leiden verstand. Er vertraute darauf, dass nicht die weltlichen Richter, sondern Gott das letzte Urteil sprechen werde. Zugleich rief er die Glaubensgeschwister zur Standhaftigkeit, zur Abkehr von der Sünde und zur treuen Nachfolge Christi auf. Selbst angesichts des Todes bat er für seine Feinde und legte sein Leben in Gottes Hand.

Die genaue Entstehungszeit der einzelnen Lieder und manche Einzelheiten des Prozesses lassen sich heute nicht mehr zweifelsfrei feststellen. Der ausführlichere Bericht über Blaurocks Hinrichtung stammt aus dem später zusammengestellten Märtyrerspiegel. Sein Todesdatum, der Hinrichtungsort und seine Bedeutung für die frühe Täuferbewegung sind jedoch durch mehrere historische Darstellungen belegt.
Ein kurzer Dienst mit weitreichenden Folgen
Zwischen seiner Taufe im Januar 1525 und seiner Hinrichtung im September 1529 lagen nicht einmal fünf Jahre. Dennoch gehörte Blaurock in dieser kurzen Zeit zu den wichtigsten Sendboten der jungen Täuferbewegung. Er gründete keine große Institution und hinterließ kein umfangreiches theologisches Werk. Sein Einfluss beruhte vielmehr auf seiner persönlichen Verkündigung, seinem Mut und seiner Bereitschaft, trotz Gefängnis, Schlägen und Vertreibungen weiterzuziehen.
Mit Blaurocks Tod endete die Täuferbewegung in Tirol nicht. Andere Männer übernahmen die Verantwortung für die verfolgten Gemeinden. Zu ihnen gehörte Jakob Hutter, unter dessen Leitung zahlreiche Tiroler Täufer nach Mähren auswanderten. Aus diesen Gemeinden entwickelte sich später die Gemeinschaft der Hutterer.
Georg Blaurock wurde nicht verbrannt, weil er zu den Waffen gegriffen oder einen Aufstand angeführt hätte. Er starb, weil er die Heilige Schrift anders verstand als die anerkannten Kirchen und weil er sich weigerte, seinen Glauben der Obrigkeit zu unterstellen. Sein Tod erinnert an eine Zeit, in der das persönliche Bekenntnis zu Christus mit dem Verlust von Heimat, Freiheit und Leben bezahlt werden konnte.
Der Scheiterhaufen von Klausen sollte Blaurocks Stimme zum Schweigen bringen. Doch sein Zeugnis lebte in den Gemeinden und Liedern der Täufer weiter. Bis heute erinnert sein Lebensweg daran, dass christliche Nachfolge nicht nur in Worten besteht, sondern Treue verlangt - auch dann, wenn diese Treue einen hohen Preis fordert.
Quellen und Literatur:
Quellen der Täuferüberlieferung: Rudolf Wolkan (Hg.), Geschicht-Buch der Hutterischen Brüder, 1923; Thieleman J. van Braght, Märtyrerspiegel der Taufgesinnten, Amsterdam 1660/1685; Ausbund, Ausgabe von 1742.
Zeitgenössische Akten: Leonhard von Muralt/Walter Schmid (Hg.), Quellen zur Geschichte der Täufer in der Schweiz, Bd. 1: Zürich, 2. Aufl., Zürich 1974.
Ältere Forschung: Joseph R. von Beck/Johann Loserth, Georg Blaurock und die Anfänge des Anabaptismus in Graubündten und Tirol, Berlin 1899; John Allen Moore, Der starke Jörg, Kassel 1955.
Neuere Forschung: Andrea Strübind, Eifriger als Zwingli. Die frühe Täuferbewegung in der Schweiz, Berlin 2003; Werner O. Packull, Hutterite Beginnings, Baltimore 1995.
Nachschlagewerke: Historisches Lexikon der Schweiz, Artikel »Blaurock, Jörg«; Global Anabaptist Mennonite Encyclopedia Online, Artikel »Blaurock, Georg«.




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