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31. Dezember 1384 Tod von John Wyclif


John Wyclif
John Wyclif

Am 31. Dezember 1384 starb John Wyclif (auch Wycliffe/Wyclif) in Lutterworth (Leicestershire) – nach einem Schlaganfall, den er nach zeitgenössischer Überlieferung während der Messe erlitt. Mit seinem Tod endete zwar sein Wirken als Pfarrer und Oxforder Gelehrter, doch seine Ideen lebten weiter und wurden zu einem wichtigen Vorlauf späterer Reformbewegungen.


1) Wyclifs Zeit: Krise, Reformdruck und Machtkämpfe


Wyclif lebte in einer unruhigen Epoche: England war geprägt von sozialen Spannungen, Kriegen und wirtschaftlichen Belastungen; zugleich stand die Kirche unter Kritik wegen Reichtum, Ämterhandel und Machtpolitik. Auch innerkirchliche Konflikte verschärften sich – besonders ab 1378 im Kontext der großen Kirchenspaltung (Schisma), als konkurrierende Autoritäten den Anspruch auf Leitung der Kirche erhoben. In diesem Klima wuchs die Bereitschaft, die Frage nach Autorität, Wahrheit und kirchlichem Missbrauch neu zu stellen.


2) Wer war John Wyclif?


Wyclif war Theologe und Philosoph und wirkte lange an der Universität Oxford. Später wurde er Rektor (Rector) von Lutterworth und behielt diese Pfarrstelle bis zu seinem Tod. Außerdem wurde er zeitweise in politische und kirchenpolitische Auseinandersetzungen hineingezogen – etwa in Fragen, wie weit Rom finanzielle und rechtliche Ansprüche in England geltend machen dürfe.


St Mary’s Kirche Lutterworth
St Mary’s Kirche Lutterworth

3) Zentrale Anliegen: Bibel, Kirche, Abendmahl


Wyclifs Reformkritik war vielschichtig, aber drei Punkte wurden besonders folgenreich:


(a) Vorrang der Heiligen Schrift

Wyclif betonte die Heilige Schrift als maßgebliche Richtschnur für den Glauben. Diese Betonung der Bibel als Norm prägte sein Denken und seine Kritik an kirchlichen Traditionen, die er als unbiblisch empfand.


(b) Kritik an Reichtum und Macht der Kirche

Er griff den Besitzanspruch der Kirche scharf an und verband dies mit der Forderung nach evangelischer Armut und einer grundlegenden Erneuerung des kirchlichen Lebens.


(c) Streit um das Abendmahl

Besonders konfliktträchtig war seine Ablehnung der katholischen Transsubstantiationslehre (Verwandlung von Brot und Wein). Wyclif hielt diese Lehre für unbiblisch und sprach dem Abendmahl in seiner Deutung stärker den Charakter eines Gedächtnismahls zu.


4) „Papst als Antichrist“ – eine zugespitzte Polemik


In der Schärfe mittelalterlicher Kontroversen griff Wyclif auch das Papsttum und kirchliche Machtansprüche an. In späterer Überlieferung wird er als einer der frühen Theologen gesehen, der den Papst bzw. das Papsttum polemisch als „Antichrist“ bezeichnete – Ausdruck seines radikalen Bruchs mit dem Anspruch, Rom stehe über jeder Kritik.


5) Bibel in der Volkssprache: ein Schlüssel für die Wirkung


Ein Kernstück seiner Nachwirkung war die Förderung einer englischen Bibelübersetzung: In Wyclifs Umfeld entstand eine frühe vollständige Übertragung der Bibel ins (mittel-)englische, basierend auf der lateinischen Vulgata. Damit verband sich die Überzeugung, dass auch Laien die Schrift verstehen und prüfen sollten.


6) Lollarden und europäische Ausstrahlung


Wyclifs Gedanken wurden in England vor allem durch die Lollarden weitergetragen – eine reformorientierte Bewegung, die seine Kritik aufgriff und verbreitete. Darüber hinaus reichte sein Einfluss nach Mitteleuropa: Der böhmische Reformator Jan Hus orientierte sich an Wyclifs Schriften, wodurch Wyclifs Ideen in den großen Reformkonflikten des 15. Jahrhunderts erneut sichtbar wurden.


7) Verurteilung nach dem Tod – und das „Zeichen“ von 1428


Während Wyclif zu Lebzeiten nicht offiziell als Ketzer verbrannt wurde, setzte die kirchliche Verfolgung posthum ein. In kirchlichen und akademischen Verfahren wurden zahlreiche Lehrsätze aus seinen Schriften gesammelt und verurteilt (in der Überlieferung sind Listen mit hunderten Artikeln bezeugt). Der Höhepunkt war das Konzil von Konstanz: Es erklärte Wyclif zum hartnäckigen Ketzer, verurteilte seine Schriften und ordnete sogar an, seine Gebeine auszugraben und außerhalb geweihter Gräber zu zerstreuen. Diese Anordnung wurde 1428 in Lutterworth umgesetzt: Seine Knochen wurden ausgegraben, verbrannt und die Asche in der Region verstreut (in Lutterworth wird dabei ausdrücklich der Fluss Swift genannt).


8) Warum ist das für eine mennonitische Geschichtsperspektive interessant?


Wyclif war kein Täufer und lebte fast 150 Jahre vor der Täuferbewegung. Dennoch berührt seine Geschichte Themen, die später auch für Täufer und Mennoniten wichtig wurden:

  • die Frage nach der Autorität der Schrift,

  • die Kritik an einer Kirche, die Macht und Besitz über Glaubwürdigkeit stellt,

  • und die Bedeutung, dass Glauben nicht nur „verwaltet“, sondern gelebt und verstanden wird.


Kompakte Quellenliste

  • Mennoniten Weltweit: „31. Dezember 1384 Tod von John Wyclif“

  • Encyclopaedia Britannica: „John Wycliffe“ (Biografie, Grundlinien des Wirkens)

  • EKD: „Der ‚Morgenstern der Reformation‘“ (Einordnung, Lollarden/Hus, Exhumierung)

  • Deutschlandfunk: „John Wyclif – ‚Morgenstern der Reformation‘?“ (Kontext, Nachwirkung, Exhumierung)

  • Konzil von Konstanz (Textsammlung): Beschlüsse zu Wyclif (Ketzerurteil, Bücherverbrennung, Exhumierungsanordnung)

  • Lutterworth Museum: Angaben zu Lutterworth/1428 und zur lokalen Tradition

  • Brill (Fachliteratur-Auszug): Hinweise auf umfangreiche Listen verurteilter Wyclif-Artikel


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