29. Januar 1873: Minnesota wirbt um Mennoniten
- Redaktion

- vor 6 Tagen
- 3 Min. Lesezeit

Im Winter 1873 war Minnesota ein Staat im Aufbruch. Eisenbahnlinien schoben sich nach Westen, neue Countys wurden vermessen, und in St. Paul diskutierte man nicht nur über Straßen, Schulen und Steuern – sondern über Menschen. Wer sollte die Prärie besiedeln? Wer würde die Felder bestellen, Gemeinden gründen, dauerhaft bleiben?
In dieses Klima fällt der 29. Januar 1873: Gouverneur Horace Austin drängte darauf, die Einwanderungspolitik Minnesotas gezielter zu gestalten – auch mit Blick auf Gruppen, die als besonders „siedlungstauglich“ galten. Mennoniten gehörten dazu: als friedfertige, landwirtschaftlich erfahrene Gemeinschaft, die in den 1870er Jahren in Nordamerika nach neuen Heimatmöglichkeiten suchte. (Die konkrete Ansprache dieser Gruppe lässt sich vor allem über das zeitgleiche Handeln der Einwanderungsakteure und spätere Zusammenfassungen gut greifen.)
Warum ausgerechnet Mennoniten?
Für viele mennonitische Familien – besonders aus dem russischen Reich (oft als „Russian Mennonites“ bzw. „Germans from Russia“ bezeichnet) – verschärften sich in dieser Zeit die Rahmenbedingungen. In Nordamerika suchten sie Orte, an denen sie Landwirtschaft betreiben konnten, ihre Gemeinden selbst organisieren durften und in denen Fragen von Gewissensfreiheit (etwa im Zusammenhang mit Wehrpflicht) politisch verhandelbar waren. Genau hier witterten mehrere Staaten eine Chance: Wer Mennoniten gewann, gewann häufig ganze Dorfgemeinschaften – samt Know-how, Arbeitskraft und dem Willen, die Prärie produktiv zu machen.

Minnesotas Strategie: Werbung, Land und ein „Einwanderungsapparat“
Minnesota war in diesem Wettbewerb nicht allein. Um gegenüber Kansas, Dakota Territory oder Kanada attraktiv zu wirken, setzte der Staat schon zuvor auf organisierte Einwanderungswerbung: Broschüren, Kontakte nach Europa, Informationskampagnen – häufig abgestimmt mit Eisenbahn- und Landgesellschaften, die ihrerseits Siedler für ihre Landverkäufe brauchten.

Der politische Rückenwind aus dem Gouverneursamt war dafür entscheidend. Horace Austin trat als Gouverneur (1870–1874) in einer Phase an, in der Minnesota seine Wachstumsversprechen in reale Besiedlung übersetzen musste. Seine Botschaften an die Legislative zeigen ihn als jemanden, der staatliche Entwicklung aktiv steuern wollte – und dafür Instrumente (und Geld) brauchte.
1873: Gesetzgebung als Signal – und als Konkurrenzvorteil
Wenn ein Gouverneur auf Gesetzgebung „drängt“, geht es selten nur um Paragraphen. Es geht um Signale: an Investoren, an Eisenbahngesellschaften – und vor allem an potenzielle Siedler. Gesetzliche Regelungen konnten z. B.
die Einwanderungswerbung institutionell absichern,
Anreize rund um Landkauf und Ansiedlung stützen,
Zuständigkeiten und Budgets klären,
und indirekt zeigen, dass Minnesota bereit war, auf die besonderen Bedürfnisse religiöser Minderheiten einzugehen.
Gerade dieser letzte Punkt war für mennonitische Gruppen zentral: Sie wollten nicht „irgendwo Land“, sondern einen Ort, an dem ihre Lebensweise langfristig möglich blieb.
Vom politischen Werben zur tatsächlichen Ansiedlung
Wie nah politische Werbung und konkrete Ansiedlung beieinander lagen, zeigt der Blick nach Cottonwood County: Dort entwickelte sich um Mountain Lake eines der bekanntesten Zentren mennonitischer Ansiedlung in Minnesota. Die MNopedia-Darstellungen machen deutlich, dass die Jahre um 1873/74 eine Schlüsselphase waren: Kontakte, Delegationsreisen, Landoptionen, schließlich die Entscheidung für Minnesota – und dann die ersten Schritte auf der Prärie.

Mit der Zeit wurde aus einem politischen Ziel („Siedler gewinnen“) eine lokale Realität: Gemeinden entstanden, Ackerbau wurde aufgebaut, soziale Netze festigten sich – und Minnesota erhielt genau die Art von dauerhaftem Wachstum, das man sich in St. Paul erhofft hatte.
Bedeutung des 29. Januar 1873
Der 29. Januar 1873 steht damit sinnbildlich für eine historische Schnittstelle:
Staatspolitik (Minnesota will wachsen),
Migrationsdruck (mennonitische Gruppen suchen Sicherheit und Zukunft),
Ökonomie (Land- und Eisenbahninteressen),
und Religions- bzw. Gewissensfragen (die darüber entscheiden konnten, ob eine Gruppe „ja“ oder „nein“ sagte).
Dass Minnesota in dieser Phase gezielt um Mennoniten warb, war kein Zufall – sondern Teil eines kalkulierten Wettbewerbs um Menschen, die als „Gemeindegründer“ galten.
Quellen:
Minnesota Legislature: A Joint Resolution on the Subject of Immigration (Nr. VI), approved Feb. 18, 1873. Enthält ausdrücklich den Hinweis auf eine „special message“ von Gouverneur Horace Austin und nennt „German Mennonites … living in colonies of Russia“.
St. Paul Daily Press (Zeitung): Bericht/Abdruck im Kontext der Einwanderungsförderung („Important Suggestions for the Benefit of Immigration“), 3. Januar 1874 (Digitalisat bei Minnesota Historical Society Newspaper Hub).
MNopedia (Minnesota Historical Society): Mennonite Migration to Cottonwood County (Überblick zu den ersten mennonitischen Familien 1873, Rahmenbedingungen und politischer Kontext).
MNopedia (Minnesota Historical Society): Mennonites of Mountain Lake (Entwicklung der mennonitischen Präsenz ab 1873; nennt u. a. einschlägige Archivhinweise).
PJ Ristuben (wissenschaftliche Arbeit): Minnesota and the Competition for … (Analyse der offiziellen Einwanderungsförderung/„competition“ um Siedler in Minnesota).
Minnesota History (journal article, PDF): Early Minnesota Railroads and the Quest for Settlers (breiter Kontext: Siedlerwerbung, Infrastruktur, Politik).
B. Hamm (2023, Journal of Mennonite Studies): Negotiating the 1870s Mennonite Migration to North America (Einordnung der 1870er Migration und der Verhandlungen mit staatlichen Stellen).




Kommentare