28. Mai 1571: Beginn des Frankenthaler Religionsgesprächs
- Redaktion

- 28. Mai
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Am 28. Mai 1571 begann in Frankenthal in der Pfalz ein Religionsgespräch, das zu den bedeutendsten Begegnungen zwischen Reformierten und Täufern im 16. Jahrhundert zählt. Eingeladen hatte Kurfürst Friedrich III. von der Pfalz, genannt „der Fromme“. Er war der erste deutsche Fürst, der sich offen zum Calvinismus bekannte, und wollte sein Territorium kirchlich stärker im Sinne der reformierten Lehre ordnen.

Das Frankenthaler Religionsgespräch war jedoch kein freier Austausch gleichberechtigter Partner. Es stand im Zusammenhang mit einer obrigkeitlichen Politik, die gegen das täuferische Wirken gerichtet war. Die Stadt Frankenthal selbst war wenige Jahre zuvor zu einem wichtigen reformierten Ort geworden: Friedrich III. hatte dort niederländische Glaubensflüchtlinge angesiedelt, darunter viele reformierte Familien. Dadurch war Frankenthal stark vom Reformiertentum geprägt.
Täufer unter Druck
Die Täufer befanden sich im 16. Jahrhundert in einer schwierigen Lage. Seit dem Reichstag von Speyer 1529 galten sie in vielen Territorien als gefährliche religiöse Abweichler. Auch nach dem Augsburger Religionsfrieden von 1555 wurden sie nicht als erlaubte Konfession anerkannt. Während Katholiken und Lutheraner im Reich eine gewisse rechtliche Stellung erhielten, blieben Täufer weiterhin ausgeschlossen und wurden vielfach verfolgt.
Friedrich III. versprach den eingeladenen Täufern für das Gespräch freies Geleit, und zwar für 14 Tage vor und nach dem Treffen. Außerdem übernahm er die Kosten der Verpflegung. Dennoch war die Bereitschaft der Täufer gering. Zu groß war die Furcht vor Verhaftung, Ausweisung oder späteren Nachteilen. Schließlich nahmen etwa 15 Täufer teil. Ihnen standen sieben reformierte Theologen gegenüber. Das Gespräch dauerte rund drei Wochen.
Drei Wochen Verhandlungen
Die Verhandlungen fanden vom 28. Mai bis zum 19. Juni 1571 statt. An jedem Werktag wurden zwei Sitzungen abgehalten. Kurfürst Friedrich III. war bereits am 24. Mai in Frankenthal eingetroffen und nahm an der Eröffnung teil. Damit zeigte er, dass dieses Gespräch nicht nur eine theologische, sondern auch eine politische Bedeutung hatte.
Auf reformierter Seite spielte besonders Petrus Dathenus eine wichtige Rolle. Er war Hofprediger Friedrichs III. und eine prägende Gestalt des reformierten Protestantismus in der Pfalz. Auf täuferischer Seite trat unter anderem Diebold Winter aus dem elsässischen Weißenburg als Sprecher hervor. Auch Vertreter unterschiedlicher täuferischer Richtungen waren anwesend, darunter Personen aus dem süddeutsch-schweizerischen Raum und Hutterer. Niederländische Mennoniten waren ebenfalls im Umfeld des Gesprächs vertreten, traten aber vorsichtig auf.
Die Streitpunkte
Im Mittelpunkt standen 13 theologische und praktische Fragen. Es ging um grundlegende Lehren des christlichen Glaubens, aber auch um das Verhältnis der Gemeinde zur Obrigkeit.
Verhandelt wurden unter anderem:
die Heilige Schrift,
Gott und die Dreieinigkeit,
Christus und seine Menschwerdung,
Erbsünde und Rechtfertigung,
Kirche und Gemeinde,
Auferstehung,
Ehe,
Gütergemeinschaft,
Obrigkeit und Gewalt,
Eid,
Taufe,
Abendmahl.
Gerade an diesen Punkten zeigten sich die tiefen Unterschiede. Die Reformierten hielten an der Kindertaufe und an der engen Verbindung von Kirche und Obrigkeit fest. Die Täufer dagegen betonten die bewusste Glaubensentscheidung, die Taufe der Gläubigen, die Gemeinde der Nachfolger Jesu und eine klare Distanz zu Eid, Gewalt und weltlicher Macht.
Besonders die Frage der Taufe blieb unüberbrückbar. Für die Täufer war die Taufe nicht ein bloßes kirchliches Ritual, sondern ein Bekenntnis des Glaubens und der Nachfolge. Sie sollte nach ihrer Überzeugung nur an Menschen vollzogen werden, die selbst glauben und Christus bewusst nachfolgen wollten. Für die reformierte Seite war diese Haltung eine gefährliche Abweichung von der kirchlichen Ordnung.
Kein Gespräch auf Augenhöhe
Obwohl es einzelne Annäherungen gab, kam es zu keiner Einigung. Das Frankenthaler Religionsgespräch war von Anfang an durch ein Machtgefälle geprägt. Die reformierte Obrigkeit bestimmte Ort, Rahmen und Ziel. Für die Täufer ging es nicht nur um theologische Argumente, sondern auch um ihre Sicherheit, ihre Gemeinden und ihre weitere Existenz.
MennLex ordnet solche Gespräche deshalb in den größeren Zusammenhang der frühneuzeitlichen Auseinandersetzung zwischen Täufern und obrigkeitlich gestützten Kirchen ein. Bereits 1557 hatte es in Pfeddersheim ein ähnliches Gespräch gegeben. Auch dort blieb eine Einigung aus, und es folgten schärfere Maßnahmen gegen die Täufer. Frankenthal 1571 war noch umfangreicher: Drei Wochen lang standen 15 Täufer sieben reformierten Theologen gegenüber.
Das umfangreiche Protokoll
Von besonderer Bedeutung ist, dass das Frankenthaler Religionsgespräch sehr ausführlich dokumentiert wurde. Bereits kurze Zeit später erschien ein Protokoll von mehr als 700 Seiten. Dadurch erhielt das Gespräch eine Wirkung weit über Frankenthal hinaus. Es wurde zu einer wichtigen Quelle für den Umgang der reformierten Obrigkeit mit täuferischen Gemeinden und für die spätere Erforschung der Täufergeschichte.
Das Protokoll zeigt zugleich, wie ernst die Täufer ihre Überzeugungen nahmen. Sie waren keine ungebildete Randgruppe, sondern Menschen, die ihren Glauben aus der Heiligen Schrift begründeten und bereit waren, Nachteile auf sich zu nehmen. Ihre Antworten zeigen das Ringen um eine Gemeinde, die nicht zuerst durch staatliche Macht, sondern durch Nachfolge, Glauben und Gehorsam gegenüber Christus geprägt sein sollte.
Folgen für die Täufer
Nach dem Ende des Gesprächs wurden die Täufer nicht in die reformierte Kirche integriert. Das Ziel Friedrichs III., sie für die reformierte Kirche zu gewinnen, wurde verfehlt. Stattdessen verschärfte sich der Druck. Täuferische Prediger wurden ausgewiesen, täuferische Aktivitäten verboten oder weiter bekämpft.
Damit steht Frankenthal 1571 beispielhaft für die Lage der Täufer im 16. Jahrhundert: Sie wurden zu Gesprächen eingeladen, doch die Gespräche dienten häufig weniger der echten Verständigung als der Prüfung, Belehrung und Einordnung. Wer nicht widerrief, musste mit weiteren Maßnahmen rechnen.
Bedeutung bis heute
Das Frankenthaler Religionsgespräch erinnert daran, dass die Täufer und späteren Mennoniten ihren Glauben in einer Zeit bezeugten, in der Nachfolge oft mit Verlust, Verfolgung und Ausgrenzung verbunden war. Sie hielten an der Überzeugung fest, dass der Glaube nicht durch Zwang entsteht, sondern aus einer persönlichen Hinwendung zu Christus.
Gerade deshalb bleibt Frankenthal ein wichtiger Erinnerungsort. Das Gespräch endete ohne Einigung, aber es bewahrte in seinen Protokollen ein eindrückliches Zeugnis täuferischer Standhaftigkeit. Es zeigt, wie stark im 16. Jahrhundert um die Frage gerungen wurde, was wahre Kirche ist: eine durch die Obrigkeit geschützte Volkskirche oder eine Gemeinde von Menschen, die Christus bewusst nachfolgen.
Quellen:
Stadt Frankenthal: Religionsgespräch 1571 – Informationen zur wissenschaftlichen Tagung und historische Einordnung.
MennLex: Religionsgespräche – Überblick über Täufergespräche im 16. und 17. Jahrhundert.
H-Soz-Kult: 450 Jahre Frankenthaler Religionsgespräch von 1571 – Tagungsankündigung mit Forschungsüberblick.
Quellen zur Geschichte der Täufer, Bd. IV: Baden und Pfalz.
Heinold Fast: Die Täuferbewegung im Lichte des Frankenthaler Gespräches, Mennonitische Geschichtsblätter 1973.




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