26. Juli 1921: Gesetz 514 öffnet den Mennoniten den Weg nach Paraguay
Am 26. Juli 1921 setzte Paraguays Präsident Manuel Gondra ein Gesetz in Kraft, das für die weitere Geschichte der Mennoniten in Südamerika von entscheidender Bedeutung werden sollte. Das Gesetz Nr. 514 garantierte einwandernden Mennoniten weitreichende Glaubensfreiheiten und Sonderrechte. Damit war eine wesentliche Voraussetzung geschaffen, dass wenige Jahre später Mennoniten aus Kanada in den paraguayischen Chaco auswandern und dort die Kolonie Menno gründen konnten.

Auf der Suche nach einer neuen Heimat
Die späteren Siedler lebten damals hauptsächlich in Manitoba und Saskatchewan in Kanada. Ihre Vorfahren waren in den 1870er Jahren aus Russland nach Kanada ausgewandert. Dort hatten sie zunächst weitreichende Freiheiten für ihre religiöse und schulische Ordnung erhalten.
Doch Anfang des 20. Jahrhunderts verschärfte sich der staatliche Einfluss auf das Schulwesen. Besonders die Einführung der allgemeinen Schulpflicht und die Forderung nach englischsprachigem Unterricht wurden von konservativen Mennoniten als Bedrohung ihrer bisherigen Gemeindeschulen angesehen.
Für sie gehörten Schule, christliche Erziehung, deutsche Sprache und Gemeindeleben eng zusammen. Nachdem Versuche gescheitert waren, ihre bisherige Schulordnung dauerhaft zu sichern, begannen mehrere Gemeinden nach einem Land zu suchen, das ihnen größere Freiheit gewährleisten würde.
Neben Mexiko rückte dabei ein zunächst wenig bekanntes Land in den Blickpunkt: Paraguay.
Eine Expedition in den Chaco
1921 brach eine Delegation von sechs Mennoniten aus Kanada nach Südamerika auf. Begleitet wurde sie von Fred Engen, einem norwegischstämmigen Vermittler, der den Chaco bereits erkundet hatte.
Die Männer wollten nicht allein geeignetes Land finden. Viel wichtiger war ihnen die Frage, ob sie ihren Glauben und ihre Lebensweise auch in der neuen Heimat ungehindert bewahren könnten.
Am 4. April 1921 erhielten die Mennoniten in Asunción eine Audienz bei Präsident Manuel Gondra. Sie übergaben ihm ein Schreiben, in dem sie ihre Bedingungen für eine mögliche Ansiedlung darlegten. Dabei ging es insbesondere um Glaubensfreiheit, Wehrlosigkeit, eigene Schulen und die Möglichkeit, ihre inneren Angelegenheiten nach den überlieferten Ordnungen ihrer Gemeinschaft zu regeln.
Paraguay zeigte großes Interesse.
Der dünn besiedelte Chaco war damals zugleich Gegenstand wachsender territorialer Spannungen mit Bolivien. Eine dauerhafte Ansiedlung landwirtschaftlicher Kolonisten konnte daher nicht nur wirtschaftliche, sondern auch staatspolitische Bedeutung gewinnen. Die Mennoniten wiederum suchten gerade ein abgelegenes Gebiet, in dem sie ihr Gemeindeleben möglichst ungestört fortführen konnten.
Heftige Diskussionen im Parlament
Die Forderungen der Mennoniten waren keineswegs unumstritten. Besonders die Befreiung vom Militärdienst führte im paraguayischen Parlament zu Diskussionen.
Kritiker befürchteten, dass innerhalb Paraguays eine weitgehend abgeschlossene Gemeinschaft mit eigenen Schulen und besonderen Rechten entstehen könnte. Befürworter verwiesen dagegen auf den möglichen Nutzen für das Land. Mennonitische Bauern könnten den kaum erschlossenen Chaco besiedeln und wirtschaftlich entwickeln.
Am 22. Juli 1921 nahm der Kongress das Gesetz an. Vier Tage später, am 26. Juli, wurde es von Präsident Manuel Gondra verkündet.
Außergewöhnliche Freiheiten
Das Gesetz trug offiziell den Titel:
„Gesetz, durch welches den Mitgliedern der mennonitischen Gemeinschaft, die in das Land kommen, Rechte und Privilegien gewährt werden.“
Seine acht Artikel bildeten praktisch ein paraguayisches Privilegium für die Mennoniten.
Ihnen wurde die freie Ausübung ihres Glaubens zugesichert. Vor Gericht durften sie anstelle eines Eides eine einfache Bekräftigung abgeben. Besonders bedeutsam war die ausdrückliche Befreiung vom Militärdienst, sowohl im Frieden als auch im Krieg und sogar von nicht kämpfendem Militärdienst.
Ebenso wichtig war die Schulfrage. Die Mennoniten durften eigene Schulen gründen, verwalten und unterhalten. Dort konnten sie ihre Religion und ihre deutsche Sprache lehren. Gerade diese Freiheit war einer der Hauptgründe gewesen, Kanada verlassen zu wollen.
Auch traditionelle Einrichtungen der Gemeinschaft wurden anerkannt. Das mennonitische Waisenamt, das sich besonders um Vermögen von Witwen und Waisen kümmerte, durfte weiterhin tätig sein. Ebenso konnten die Kolonien eine eigene gegenseitige Feuerversicherung verwalten.
Außerdem untersagte das Gesetz grundsätzlich den Verkauf alkoholischer Getränke in einem Umkreis von fünf Kilometern um die mennonitischen Kolonien, sofern die Kolonie nicht selbst eine andere Regelung beantragte. Für die ersten zehn Jahre wurden wichtige Einfuhren für den Aufbau der Siedlungen von Abgaben befreit. Die Kolonien waren während dieser Zeit außerdem von nationalen und kommunalen Steuern befreit.
Bemerkenswert war auch Artikel 4. Mennonitische Einwanderer sollten nicht allein aufgrund ihres Alters oder körperlicher Einschränkungen von der Einwanderung ausgeschlossen werden. Dadurch wurde erleichtert, dass nicht nur einzelne arbeitsfähige Männer, sondern ganze Familien und Gemeinschaften gemeinsam übersiedeln konnten.
„Die Mennoniten können kommen“
Nach der Annahme des Gesetzes wurde die Nachricht nach Kanada übermittelt. In der Überlieferung der Kolonie Menno wird die Botschaft mit den schlichten Worten zusammengefasst:
„Die Mennoniten können kommen.“
Doch zwischen Gesetz und tatsächlicher Einwanderung lagen noch mehrere Jahre. Wirtschaftliche Schwierigkeiten, Landverhandlungen und die Organisation des großen Umzugs verzögerten das Vorhaben.
Erst 1926 und 1927 machten sich größere Gruppen aus Kanada auf den Weg nach Paraguay. Über Asunción und Puerto Casado gelangten sie schließlich tief in den Chaco. Rund 1.700 Mennoniten bildeten dort die Grundlage für die spätere Kolonie Menno, benannt nach Menno Simons.

Was sie erwartete, war alles andere als einfach. Hitze, Wassermangel, Krankheiten, weite Entfernungen und die schwierigen Verkehrsverhältnisse stellten die Siedler vor große Herausforderungen.

Die gesetzlich zugesicherten Freiheiten ermöglichten es ihnen jedoch, Gemeinden und Schulen aufzubauen und ihre religiösen Grundsätze weitgehend beizubehalten.
Auch die Landwirtschaft musste an die besonderen Bedingungen des Chaco angepasst werden. Vieles, was die Einwanderer aus Kanada kannten, ließ sich nicht einfach auf die neue Umgebung übertragen. Durch Ausdauer, Erfahrung und gemeinschaftliche Arbeit entstanden dennoch nach und nach dauerhaft lebensfähige Siedlungen.

Ein Gesetz mit langfristiger Wirkung
Das Gesetz 514 war weit mehr als eine gewöhnliche Einwanderungsregelung. Es stellte eine staatliche Anerkennung wesentlicher mennonitischer Glaubensgrundsätze dar: Glaubensfreiheit, Wehrlosigkeit, Ablehnung des Eides, christliche Erziehung der Kinder und weitgehende Selbstverwaltung der Gemeinschaft.
Später wurden entsprechende Bestimmungen auch auf weitere mennonitische Einwanderer im Chaco angewandt. Damit wurde das Gesetz zu einer wichtigen Grundlage für die Entstehung der späteren mennonitischen Kolonien Paraguays.
Heute erinnert unter anderem das Museum der Kolonie Menno in Loma Plata an die mühsamen ersten Jahre der Ansiedlung.

Der 26. Juli 1921 wurde damit zu einem Schlüsseldatum der mennonitischen Geschichte Paraguays. Noch stand damals kein mennonitisches Dorf im zentralen Chaco. Noch lebten die späteren Siedler Tausende Kilometer entfernt in Kanada.
Doch mit dem Gesetz 514 war die rechtliche Grundlage geschaffen.
Der Weg nach Paraguay war offen.
Quellen:
Menonitica: Gesetz Nr. 514 vom 26. Juli 1921, Gesetzestext und geschichtlicher Hintergrund.
GAMEO: Emigration from Canada to Mexico and Paraguay in the 1920s sowie Menno Colony, Paraguay. gameo.org
Rudolf Plett: Presencia Menonita en el Paraguay, Asunción 1979, mit Abdruck des Gesetzes 514. portalguarani.com
ABC Color: La Ley 514 hizo realidad la inmigración menonita, 27. Juni 2022, nach Unterlagen des Historischen Archivs der Kolonie Menno.





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