25. Dezember 1921: Als im Weihnachtsgottesdienst Hoffnung eintraf
- Redaktion

- 25. Dez. 2025
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Der 25. Dezember 1921 war in der mennonitischen Ansiedlung „Am Trakt“ (Wolgagebiet) kein Festtag im üblichen Sinn. In den Erinnerungen von Johannes J. Dyck erscheint dieser Weihnachtstag als Grenzmarke des Überlebens: Die Menschen waren ausgezehrt, viele krank – und doch fiel im Gottesdienst ein Satz, der das Dorf für einen Moment aufrichten konnte.

Ein Weihnachten nach Jahren der Ausplünderung
Dyck beschreibt die Vorgeschichte als stetiges „Leerräumen“: Getreide, Viehfutter, sogar Heu und Stroh seien weggenommen worden; Teams und Schlitten kamen von Fahrten nach Seelman und Saratow teils nicht zurück, weil sie schlicht beschlagnahmt wurden.
In derselben Erinnerung wird auch die Atmosphäre der Willkür sichtbar: Menschen konnten bereits wegen weniger Vorräte ins Visier geraten – selbst Zwieback im Ofen, ein halber Sack Mehl und etwas Schmalz reichten als Anlass für Konfiskation und Haft.
Dass sich im Wolgagebiet 1921/22 eine große Hungerkatastrophe zuspitzte, ist auch außerhalb mennonitischer Quellen gut belegt: Die Wolga-Region war eines der Hauptzentren der Krise; Hunger und Seuchen (u. a. Typhus) gingen Hand in Hand.
„Niemand aß mehr normal“: Notlage und Typhus im Dorf
Unmittelbar um den Weihnachtstag herum schildert Dyck die Lage als so extrem, dass „normale Mahlzeiten“ kaum noch vorkamen. Mangelernährung sei überall gewesen, viele seien an Typhus erkrankt und gestorben.
Er wird auch persönlich: In seiner eigenen Familie trifft die Krankheit hart zu. Seine Frau Renate ist selbst geschwächt und pflegt gleichzeitig den kleinen Cornelius – schließlich bricht sie zusammen. „Ähnliche Zustände“, so der Bericht, hätten in vielen Häusern geherrscht.
Die Nachricht im Gottesdienst: Hilfe kommt – und bleibt
Dann der Weihnachtstag: Ältester Peter Wiens tritt in der Kirche vor die Gemeinde und verkündet, dass die erste Lebensmittelsendung aus Amerika unterwegs sei – und dass diese Gaben von nun an regelmäßig, monatlich kommen würden. Viele seien dabei zu Tränen gerührt gewesen, gerade weil die Not so groß war.

Diese Szene ist der Kern des Weihnachtsereignisses: Weihnachten als Moment, in dem Zukunft wieder denkbar wird – nicht als Gefühl, sondern als konkrete Zusage: Hilfe ist organisiert, geplant, wiederkehrend.
Zwei Tage später: Zehn Schlitten nach Saratow
Die Hoffnung bleibt nicht im Wort stehen. Dyck berichtet, dass am 27. Dezember – er nennt es ausdrücklich den „dritten Weihnachtstag“ – zehn Schlitten nach Saratow aufbrechen, um die „amerikanische Nahrung“ abzuholen.

Für die Verteilung wird ein Bezirks-Hilfskomitee genannt: J. J. Thiessen, Jakob Jantzen (beide aus Köppental) und Dyck selbst als Vorsitzender. Im großen Speicher werden die Güter gesammelt und nach Dorfgröße verteilt.

Die aufgezählten Lebensmittel sind genau benannt: Mehl, Bohnen, Reis, Kakao, Zucker, Kondensmilch und Pflanzenfett – „alles von bester Qualität“. Nach Jahren der Entbehrung habe sich das wie Luxus angefühlt; Dyck schreibt, dass dadurch „viele Leben gerettet“ wurden.
Woher kam die Hilfe? Nordamerikanische Mennoniten und die großen Hilfsstrukturen
Dyck nennt als Absender „unsere Brüder und Schwestern in Amerika“. Hinter dieser Formulierung stand ein inzwischen gut dokumentiertes Geflecht:
Mennonite Central Committee (MCC) war 1920 gegründet worden, um mennonitische Hilfsarbeit für die notleidenden Glaubensgeschwister in der ehemaligen Zarenwelt zu bündeln.
Unter dem Dach dieser Zusammenarbeit arbeitete American Mennonite Relief (AMR). Archivbeschreibungen halten fest: AMR war unter MCC aufgebaut, hatte eine Basis in Konstantinopel/Istanbul, arbeitete während der Hungersnot unter einer Vereinbarung mit der Moskauer Regierung (1. Okt. 1921) und unter dem Rahmen, den die American Relief Administration (ARA) bis 1923 in Sowjetrussland hatte.
Die ARA wiederum konnte nach dem bekannten Riga-Abkommen vom 20. August 1921 offiziell Hilfe nach Sowjetrussland bringen – mit zugesicherter Bewegungsfreiheit, Schutz und organisatorischer Eigenständigkeit der Hilfsarbeit.

So wurde aus Spendenbereitschaft in Nordamerika eine Lieferkette, die bis in die Wolgadörfer reichte – und an Weihnachten 1921 erstmals spürbar „ankam“.
Ein historisches Weihnachtsbild – ohne Romantik, aber voller Gewicht
Dieses Weihnachten ist gerade deshalb so eindrücklich, weil es nicht von Lichterglanz erzählt, sondern von ausgehöhlten Vorräten, Krankheit und dem Rand des Zusammenbruchs. Und weil es zeigt, wie eine Gemeinde im Gottesdienst eine Nachricht hört, die „irdisch“ ist (Mehl, Reis, Milch) – und doch geistlich wirkt: Hoffnung, die sich messen, abholen, aufteilen lässt.
Informationsquellen:
Mennonite Heritage Archives / MHSC: American Mennonite Relief (AMR) – Einrichtung unter MCC; Tätigkeit unter Vereinbarung mit der Moskauer Regierung (1. Okt. 1921) und im Rahmen der ARA bis 1923.
U.S. Department of State (FRUS): Agreement between the American Relief Administration (ARA) and the Soviet Authorities in Russia, unterzeichnet 20. August 1921 („Riga Agreement“) – rechtliche Grundlage für ARA-Hilfsarbeit.
Mennonite Central Committee (MCC): History (Gründung 1920; frühe Hilfsarbeit für hungernde Familien in der Ukraine/Südrussland).
MCC (Story/Context): Hinweis auf den Start praktischer Hilfe vor Ort (z. B. erste MCC-Speisungen/Relief Kitchens in der Region ab 1922).
A. van de Staaij (2022), „American and Dutch Food Aid in 1922…“ (Journal of Mennonite Studies) – Einordnung von Hilfsstrukturen und Rahmenbedingungen der Hilfe in den frühen 1920ern.
B. Breedlove (2023), „Specter of Epidemic Typhus“ (NIH/PMC) – Hintergrund zu Typhus-Epidemien in Kriegs-/Notzeiten (1918–1922) als Kontext für die geschilderte Krankheitslage.




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