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23. Mai 1850 Treffen preußischer Mennoniten in Koczelitzke






Am 23. Mai 1850 kamen in Koczelitzke in Westpreußen ausreisewillige Mennoniten zusammen. Es war kein gewöhnliches Gemeindetreffen, sondern eine Beratung in einer Zeit wachsender Unsicherheit. Im Mittelpunkt stand die Frage, ob für mennonitische Familien aus Preußen eine erneute Auswanderung nach Russland möglich sei. Der bisherige Kurzbericht nennt als Ergebnis dieses Treffens die Entsendung einer Delegation nach Russland: Claas Epp, Dorfschulze von Fürstenwerder, und Johann Wall, Prediger aus der Gemeinde Ladekopp, sollten dort wegen einer Einreise- und Ansiedlungserlaubnis vorsprechen.


Ein Dorf im mennonitischen Siedlungsraum Westpreußens


Koczelitzke lag im mennonitisch stark geprägten Gebiet des Großen Werders bei Marienburg. Der Ort wird heute mit Kościeleczki in Polen in Verbindung gebracht. Historische Ortsformen waren unter anderem Koszieleczky, Koselitzky, Koczelitzke, Kezelitzkem, Koseliczky und Kozelitzke. In der lokalen Überlieferung erscheint der Ort auch unter dem deutschen Namen Warnau. Bereits im 17. und 18. Jahrhundert war die Gegend von mennonitischer beziehungsweise „olędrischer“ Siedlung geprägt; für das Jahr 1820 werden dort 49 Mennoniten genannt. Auch typische mennonitische Familiennamen wie Dyck, Enns, Epp, Penner, Wiebe und Wiens werden in der Ortsgeschichte erwähnt.


Damit war Koczelitzke kein zufälliger Tagungsort. Die Beratung fand in einer Landschaft statt, in der Mennoniten seit Jahrhunderten Landwirtschaft betrieben, Deiche, Niederungen und Höfe prägten und zugleich immer wieder mit staatlichen Einschränkungen leben mussten. Westpreußen war für viele Familien Heimat geworden, aber diese Heimat stand im 19. Jahrhundert zunehmend unter politischem Druck.


Die alte Frage der Wehrfreiheit


Der Hintergrund des Treffens lag in der besonderen Lage der Mennoniten im preußischen Staat. Seit ihrer Eingliederung in Preußen nach den Teilungen Polens mussten sie sich mit einer Frage auseinandersetzen, die für ihre Glaubensüberzeugung zentral war: Dürfen Christen, die sich zur Wehrlosigkeit bekennen, zum Militärdienst verpflichtet werden?


Die preußische Regierung hatte den Mennoniten zwar zeitweise Wehrfreiheit gewährt, verband diese aber mit einer jährlichen Sonderzahlung von 5.000 Reichstalern. Die Gemeinden entwickelten dafür ein eigenes Umlagesystem. Doch diese Regelungen blieben politisch unsicher. Im 19. Jahrhundert wurde der Konflikt um Wehrpflicht, Staatsbürgerrechte, Grundeigentum und religiöse Sonderstellung immer drängender.


Die Revolution von 1848/49 und die danach neu geordneten politischen Verhältnisse verschärften die Unsicherheit. In den erhaltenen Akten wird deutlich, dass mennonitische Vertreter in dieser Zeit erneut Petitionen und Eingaben zur Wehrfreiheit vorbereiteten. Eine Aktennotiz aus dem Jahr 1848 spricht ausdrücklich von einer Petition, in der Gründe für die weitere Freistellung vom Militärdienst vorgebracht wurden.


Fürstenwerder, Koczelitzke und die Suche nach einem Ausweg


Vor dem Treffen in Koczelitzke hatte es bereits eine Beratung in Fürstenwerder gegeben. Dort trat besonders Claas Epp hervor. Epp war nicht nur Dorfschulze, sondern ein Mann mit organisatorischem Geschick und großem Vertrauen unter den auswanderungswilligen Familien. Er gehörte zu jenen mennonitischen Führungsfiguren, die in der Krise nicht nur Klage führten, sondern praktische Wege suchten.


In Koczelitzke wurde dann der entscheidende Schritt beschlossen: Eine Deputation sollte nach Russland reisen. Gewählt wurden Claas Epp aus Fürstenwerder und Johann Wall aus Ladekopp. Ihr Auftrag war klar: Sie sollten erkunden, ob in Russland neues Land für preußische Mennoniten gefunden werden könne und ob die russische Regierung bereit sei, ihnen eine Ansiedlung unter möglichst günstigen Bedingungen zu erlauben.


Die Reise nach Russland


Epp und Wall reisten im Sommer und Herbst 1850 in das Gebiet der russlandmennonitischen Kolonien. Besonders wichtig war die Verbindung zur Molotschna-Kolonie, die seit 1804 ein bedeutendes Zentrum mennonitischen Lebens im Süden des Russischen Reiches war. Dort sollten die westpreußischen Abgesandten nicht nur mennonitische Erfahrungen sammeln, sondern auch Kontakte zu russischen Behörden knüpfen.


Eine Schlüsselrolle spielte der Regierungsbeamte Peter von Köppen. Er war in russischen Verwaltungsfragen für Kolonisten von Bedeutung und wurde später so eng mit der neuen Ansiedlung verbunden, dass eines der Dörfer Köppental nach ihm benannt wurde. Die Ansiedlung „Am Trakt“ entstand später im Gouvernement Samara an einem alten Salztransportweg, dem sogenannten Salztrakt.


Von Koczelitzke nach „Am Trakt“


Das Treffen von Koczelitzke war damit ein Vorläufer der späteren Gründung der mennonitischen Ansiedlung Am Trakt. Nach GAMEO wurde diese Kolonie 1853 von Mennoniten aus Preußen im Gouvernement Samara gegründet. Epp und Wall werden dort ausdrücklich als Delegierte genannt, die nach neuen Siedlungsmöglichkeiten in Russland suchten. Die russische Regierung erlaubte schließlich 100 mennonitischen Familien aus Preußen die Ansiedlung, wobei jede Familie eine Anzahlung leisten sollte. Den Siedlern wurden Land und zeitweise Freistellung vom Militärdienst zugesagt.


Im Herbst 1853 verließen die ersten 22 Familien unter der Leitung von Epp und Wall Preußen. Zunächst hielten sie sich in der Molotschna-Kolonie auf, bis das endgültige Siedlungsland gefunden war. Danach entstand am Salztrakt eine neue mennonitische Siedlung mit mehreren Dörfern.


Ein Schritt mit weitreichenden Folgen


Aus der Beratung in Koczelitzke wurde also mehr als eine örtliche Zusammenkunft. Sie steht für einen Wendepunkt in der Geschichte westpreußischer Mennoniten. Der Beschluss, eine Delegation nach Russland zu entsenden, führte wenige Jahre später zur Gründung neuer mennonitischer Dörfer an der Wolga. Für die Auswanderer bedeutete dies Hoffnung auf Land, Glaubensfreiheit und Schutz vor dem Militärdienst.


Zugleich zeigt dieses Ereignis, wie stark die mennonitische Geschichte von Gewissensfragen geprägt war. Es ging nicht nur um wirtschaftliche Not oder um bessere Böden. Im Kern stand die Frage, ob Familien ihren Glauben mit einem Leben unter den Bedingungen des preußischen Staates vereinbaren konnten. Viele entschieden sich dafür, erneut aufzubrechen.


Nachklang


Koczelitzke erinnert daran, dass große Wanderungsbewegungen oft mit kleinen Beratungen beginnen. In einem westpreußischen Dorf trafen sich Männer und Familien, die ihre Zukunft nicht leichtfertig aufs Spiel setzten. Sie suchten nach einem Weg, ihren Glauben, ihre Familien und ihre bäuerliche Lebensweise zu bewahren.


Der 23. Mai 1850 wurde dadurch zu einem wichtigen Datum in der Geschichte der preußischen Mennoniten. Aus einer Beratung wurde eine Reise, aus der Reise eine Kolonie, und aus dieser Kolonie ein weiteres Kapitel der mennonitischen Wanderungsgeschichte.


Quellen:

  • Buch Hildebrands Zeittafel

  • MennLex: „Westpreußen“ – Überblick zur Lage der Mennoniten unter preußischer Herrschaft, Wehrfreiheit und Sondersteuern.

  • GAMEO: „Am Trakt Mennonite Settlement“ – Angaben zur Delegation Epp/Wall und zur Gründung der Kolonie Am Trakt.

  • Mennonite Library and Archives, Bethel College: „Mennonite Documents from Prussia/Poland“ – Hinweise auf Akten zur Wehrdienstfrage und Petitionen.

  • Dziennik Urzędowy Województwa Pomorskiego: Ortsgeschichtliche Angaben zu Kościeleczki/Koczelitzke und mennonitischer Besiedlung.


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