22. Oktober 1930: Millionen Arbeitskräfte für Stalins Sowjetunion
Am 22. Oktober 1930 berichtete die sowjetische Zeitung „Prawda“ über die große Zahl von Arbeitskräften, die für Bergwerke, Baustellen und die Forstwirtschaft gebraucht wurden. Die Sowjetunion befand sich damals mitten in Stalins erstem Fünfjahrplan. Das Land sollte in sehr kurzer Zeit zu einer modernen Industriemacht werden. Dabei nahm der Staat immer weniger Rücksicht auf die Freiheit des einzelnen Menschen.

Millionen Menschen sollten arbeiten
Seit 1928 ließ Josef Stalin überall neue Fabriken, Bergwerke, Eisenbahnen und Industrieanlagen bauen. Dafür wurden sehr viele Arbeiter benötigt.
Die „Prawda“ vom 22. Oktober 1930 nannte beeindruckende Zahlen. Für die Kohlebergwerke sollten etwa 103.000 Arbeiter bereitgestellt werden. Große Baustellen benötigten weitere 150.000 Menschen.
Besonders viele Arbeitskräfte wurden in den Wäldern gebraucht. Fast eine Million Holzfäller sollten eingesetzt werden. Dazu kamen mehr als eine Million Arbeiter mit Pferden, die das geschlagene Holz abtransportieren sollten.
Der Staat organisierte besondere Brigaden, die diese Arbeitskräfte zusammenbringen und an ihre Einsatzorte schicken sollten.
Nicht alle waren Gefangene
Dabei muss man unterscheiden: Die Millionen Menschen, von denen die „Prawda“ berichtete, waren nicht alle Gefangene des Gulag.
Viele waren gewöhnliche Arbeiter oder Bauern, die vom Staat für bestimmte Arbeiten angeworben oder eingesetzt wurden. Doch die Menschen konnten immer weniger selbst bestimmen, wo und unter welchen Bedingungen sie arbeiteten.
Gleichzeitig wuchs das System der Zwangsarbeitslager immer weiter.
Das Gulag-System entsteht
Das Jahr 1930 war für die Entwicklung des sowjetischen Lagersystems besonders wichtig. Im April wurde eine neue Ordnung für sogenannte Besserungsarbeitslager beschlossen. Diese Lager wurden von der sowjetischen Geheimpolizei OGPU verwaltet.
Gefangene sollten dort nicht nur eingesperrt werden. Sie mussten auch arbeiten. Ihre Arbeitskraft wurde gezielt für die sowjetische Wirtschaft eingesetzt.
Aus dieser Lagerverwaltung entwickelte sich später das bekannte Gulag-System.

Arbeit in Wäldern, Bergwerken und auf Baustellen
Viele Gefangene und Verbannte kamen in abgelegene Gebiete des Nordens und Sibiriens. Dort mussten sie Wälder roden, Holz schlagen, Straßen bauen oder in Bergwerken arbeiten.
Besonders wichtig war die Forstwirtschaft. Die Sowjetunion benötigte große Mengen Holz für neue Gebäude und Fabriken. Außerdem wurde Holz ins Ausland verkauft, um Geld für Maschinen und technische Anlagen zu bekommen.
Unter den Zwangsarbeitern befanden sich auch viele Bauernfamilien, die während der sogenannten Entkulakisierung enteignet und deportiert worden waren.

Ein besonders bekanntes Beispiel für den Einsatz von Zwangsarbeit war der Bau des Weißmeer-Ostsee-Kanals. Das Großprojekt wurde ab 1931 von Zehntausenden Gefangenen unter sehr schweren Bedingungen ausgeführt.

Auch Mennoniten waren betroffen
Diese Politik traf auch viele Mennoniten in der Sowjetunion. Mennonitische Bauern galten wegen ihrer oft erfolgreichen Landwirtschaft häufig als sogenannte „Kulaken“. Viele verloren ihre Höfe und ihren Besitz.
Besonders in den Jahren 1930 und 1931 wurden zahlreiche Familien aus ihren Dörfern abgeholt und in entfernte Gebiete gebracht. Dort mussten sie unter schweren Bedingungen arbeiten.
Ein Beispiel sind Mennoniten aus der Siedlung Alexandertal an der Wolga. Im März 1930 wurden dort 36 Familien mit insgesamt 233 Menschen in die Gegend von Archangelsk im hohen Norden deportiert. Arbeitsfähige Männer und Frauen mussten dort in der Forstwirtschaft arbeiten. Viele Menschen überlebten die schweren Bedingungen nicht.
Auch aus anderen mennonitischen Siedlungen wurden Familien verschleppt.

Ein dunkles Kapitel der sowjetischen Geschichte
Der 22. Oktober 1930 war also nicht der Tag, an dem plötzlich Millionen Menschen zu Gulag-Gefangenen wurden. Die Zeitung zeigt aber deutlich, wie stark der sowjetische Staat inzwischen über die Arbeitskraft seiner Bevölkerung bestimmte.
Gleichzeitig wuchs ein System aus Lagern, Deportationen und Zwangsarbeit. Immer mehr Gefangene und verbannte Familien mussten unter schwersten Bedingungen für die staatliche Wirtschaft arbeiten.
Für viele Mennoniten bedeutete das Jahr 1930 einen tiefen Einschnitt. Sie verloren ihre Höfe, wurden von ihren Heimatorten vertrieben und mussten weit entfernt von ihren Gemeinden Zwangsarbeit leisten. Für zahlreiche Familien begann damit eine lange Zeit von Verfolgung, Trennung und Leid.
Quellen:
Prawda, 22. Oktober 1930, wiedergegeben im Congressional Record der USA, mit Angaben zum Arbeitskräftebedarf in Bergbau, Bauwesen und Forstwirtschaft. GovInfo
Rat der Volkskommissare der UdSSR, Verordnung über die Besserungsarbeitslager vom 7. April 1930, Dokumentensammlung des Staatlichen Archivs der Russischen Föderation. Geschichtsdokumente
Lynne Viola: The Other Archipelago: Kulak Deportations to the North in 1930, Slavic Review, 2001, zur Entkulakisierung, Deportation und Zwangsarbeit im sowjetischen Norden. Cambridge University Press
Journal of Mennonite Studies: Untersuchungen zum Schicksal sowjetischer Mennoniten während Entkulakisierung, Deportation und Zwangsarbeit Anfang der 1930er Jahre.





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