21. Mai 1818: Der russische Kaiser besucht eine mennonitische Kolonie
- Andreas Tissen

- 21. Mai
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Am 21. Mai 1818 bekam die mennonitische Kolonie Molotschna im Süden des Russischen Reiches besonderen Besuch: Zar Alexander I. reiste durch die neuen Siedlungsgebiete und machte auch bei den Mennoniten Halt.

Große Vorbereitungen
Für die noch jungen Dörfer war das ein außergewöhnlicher Tag. Die Mennoniten hatten ihre Häuser und Straßen wochenlang vorbereitet. Überall wurde geputzt, repariert und geschmückt. Straßen wurden mit frischem Sand bestreut, die besten Pferde ausgesucht und Wachen an den Dorfeingängen aufgestellt.
Besonders wichtig war den Mennoniten, dem Zaren Ordnung, Fleiß und ein friedliches Zusammenleben zu zeigen. Die Molotschna galt damals als eine erfolgreiche Mustersiedlung im Süden des Russischen Reiches.
Frühstück beim Prediger David Hiebert
Der wichtigste Halt war in Lindenau im Haus des Predigers David und seiner Frau Agatha Hiebert. Dort sollte der Zar frühstücken. Als Alexander I. ankam, begrüßten ihn die Menschen entlang der Dorfstraße mit tiefen Verbeugungen. Agatha Hiebert überreichte ihm Blumen.
Im Haus war nur ein einfaches Frühstück vorbereitet: Brot, Butter, Zwiebeln und Schinken. Der Zar nahm die Einladung freundlich an und sagte:
„Ja, liebes Kind, ich werde hier essen.“

„Wir sind alle nur Menschen“
Besonders beeindruckte die Mennoniten, wie schlicht und freundlich sich der Kaiser verhielt. Als man ihm den Ehrenplatz am Kopfende des Tisches anbieten wollte, lehnte er ab. Stattdessen sagte er:
„Nein, meine Gastgeberin soll den Ehrenplatz haben.“
Und als Agatha Hiebert sich weigerte, neben ihm zu sitzen, antwortete Alexander:
„Setzen Sie sich neben mich, denn wir sind alle nur Menschen und von Gott gleich geschaffen.“
Diese Worte blieben den Mennoniten lange in Erinnerung. Viele empfanden den Zar nicht als entfernten Herrscher, sondern als freundlichen und überraschend einfachen Menschen.
Die Mennoniten als Vorbild
Während des Frühstücks fragte der Zar nach dem Leben der Siedler und danach, ob sie gut behandelt würden. Später soll Alexander außerdem gesagt haben, andere Untertanen seines Reiches könnten von den Mennoniten lernen.
In mennonitischen Erinnerungen wurde seine Aussage so überliefert:
„Meine anderen Untertanen sollten von euch lernen, wie man arbeitet und friedlich zusammenlebt.“
Gerade dieses Lob machte auf die Mennoniten großen Eindruck. Agatha Hiebert bat ihn außerdem um Hilfe für mennonitische Glaubensgenossen aus Preußen. Darauf antwortete Alexander:
„Ja, liebes Kind, es soll geschehen.“
Zum Abschied schenkte der Zar ihr einen Diamantring.
Ein Besuch, den man nicht vergaß
Die Mennoniten erinnerten sich später oft an diesen Besuch. Für sie war Alexander I. nicht nur ein mächtiger Herrscher, sondern ein freundlicher und menschlicher Kaiser, der ihre Gemeinden schätzte.
Quellen und historische Hinweise
Die Darstellung folgt vor allem dem Bericht in:
Helmut T. Huebert: Events and People: Events in Russian Mennonite History and the People That Made Them Happen. Springfield Publishers, Winnipeg 1999.




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