21. Januar 1931: Audienz in Asunción
- Redaktion

- vor 23 Stunden
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Als im Januar 1930 die ersten Siedler der Kolonie Fernheim im paraguayischen Chaco ankamen, trafen sie nicht nur auf Neuland, sondern auf eine der härtesten Siedlungslandschaften Südamerikas: große Entfernungen, kaum Infrastruktur, extreme Hitze, unsichere Wasserversorgung und ein Wirtschaftsstart unter Bedingungen, die selbst erfahrene Kolonisten an Grenzen brachte. In dieser frühen Krisenphase entstand eine Frage, die das junge Siedlungsprojekt existenziell berührte: Muss – oder kann – Fernheim in ein besser geeignetes Gebiet umziehen?
Wer verhandelte – und warum?
Vor diesem Hintergrund entsandte Fernheim eine Delegation nach Ostparaguay. In den einschlägigen mennonitischen Nachschlagewerken werden als Beauftragte Kornelius Langemann und der Älteste Gerhard Isaak genannt (in manchen Erinnerungen/Notizen tauchen abweichende Namensformen auf). Auftrag der Reise war, in Ostparaguay Landmöglichkeiten unter günstigeren Bedingungen zu prüfen – und zugleich politisch abzuklopfen, ob der Staat einen solchen Schritt unterstützen würde.
Die Audienz beim Staatspräsidenten
Ein zentraler Moment dieser Mission war die Audienz beim paraguayischen Staatspräsidenten José P. Guggiari in Asunción – datiert auf 21. Januar 1931. Guggiari, Präsident von 1928 bis 1932, war für die Delegation der entscheidende Gesprächspartner, weil von seiner Haltung abhing, ob Umsiedlungspläne überhaupt realistisch waren: Landzuteilung, rechtlicher Schutz, staatliche Garantien und politische Rückendeckung.

Aus späteren Zusammenfassungen geht hervor, dass Guggiari dem mennonitischen Siedlungsunternehmen grundsätzlich sympathisch gegenüberstand und Zusicherungen zur staatlichen Schutz- und Rechtsgarantie gab – ein Signal, das in Fernheim Hoffnung weckte, im Notfall nicht allein gelassen zu werden.
„Übersiedlungsfrage“: Mehr als nur ein Umzug
Die Übersiedlungsfrage war nicht bloß geografisch. Sie berührte Grundentscheidungen:
Überlebensfähigkeit: Konnte die junge Kolonie im Chaco dauerhaft bestehen, oder drohten Missernten, Versorgungsengpässe und Abwanderung?
Rechtssicherheit: Würde eine Verlagerung neue Verträge, neue Eigentumsfragen und neue Abhängigkeiten schaffen?
Gemeinschaftsbindung: Nach Flucht und Verlust in Europa war Fernheim als Gemeinschaftsprojekt auch ein geistlicher und sozialer Neubeginn – ein erneuter Aufbruch hätte Identität und Zusammenhalt erneut auf die Probe gestellt.
Ergebnis: Optimismus – aber keine Umsiedlung
Die Delegation kam mit einem im Grundton positiven Bericht zurück. Dennoch kam es nicht zur Übersiedlung nach Ostparaguay. Als Gründe werden in der Forschung mehrere Faktoren diskutiert; manche Punkte gelten bis heute als nicht vollständig ausgeleuchtet: politische und wirtschaftliche Risiken, praktische Umsetzbarkeit, innere Prioritäten – und die Frage, ob der Weg des „Durchhaltens“ im Chaco nicht am Ende die realistischere Option war.
Historische Einordnung
Rückblickend markiert der 21. Januar 1931 einen Schlüsselmoment der frühen Fernheim-Geschichte: Die Kolonie suchte aktiv staatliche Gesprächskanäle, statt nur im Inneren zu improvisieren. Das Treffen in Asunción zeigt, wie früh die Mennoniten im Chaco politische Verhandlung, Rechtsfragen und wirtschaftliche Perspektive zusammendachten – und wie sehr ihr Siedlungsprojekt von der Balance zwischen Eigenständigkeit und staatlicher Garantie abhing.
Quellen:
Menonitica (Lexikon): „Delegation Ostparaguay“ (Delegation Langemann/Isaak; Vorsprache bei Präsident Guggiari).
Menonitica (Lexikon): „Fernheim“ (Auftrag Dezember 1930; Blick nach Ostparaguay; Ergebnis).
GAMEO: Fernheim Colony (Zusammenfassung der Erkundung und des ausbleibenden Umzugs).
Mennonites in Canada (PDF-Auszug): Guggiaris wohlwollende Haltung und Garantiezusagen gegenüber den Mennoniten.




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