20.–22. Juni 1919: Junge Mennoniten beraten in Clermont-en-Argonne über die Zukunft der Gemeinde
- Redaktion

- 20. Juni
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Im Juni 1919 trafen sich in Clermont-en-Argonne im französischen Département Meuse junge amerikanische Mennoniten, die nach dem Ersten Weltkrieg im Wiederaufbaugebiet Frankreichs arbeiteten. Die Zusammenkunft vom 20. bis 22. Juni wurde später als Anfang der Young People’s Conference bekannt. Sie entstand nicht in einem ruhigen Gemeindesaal, sondern in einer vom Krieg gezeichneten Landschaft, nahe dem Gebiet von Verdun. Gerade dort, wo Schützengräben, zerstörte Dörfer und verlassene Höfe von der Grausamkeit des Krieges zeugten, stellten junge Mennoniten ernste Fragen an ihre eigene Gemeinde.
Mennoniten im Schatten des Weltkrieges
Der Erste Weltkrieg hatte die nordamerikanischen Mennoniten schwer geprüft. Viele junge Männer standen als Wehrlose und Kriegsdienstverweigerer unter starkem Druck. Einige kamen in Arbeitslager oder Gefängnisse, andere wurden zur Farmarbeit beurlaubt. Die Gemeinde hatte zwar Hilfsgelder gesammelt und sich an Wiederaufbauarbeit beteiligt, doch manche junge Männer empfanden, dass sie geistlich und praktisch nicht ausreichend auf die Gewissensprüfung des Krieges vorbereitet worden waren.
Nach dem Waffenstillstand suchten mehrere junge Mennoniten einen Dienstweg, der mit ihrer Friedensüberzeugung vereinbar war. Über die Quäker und das American Friends Service Committee fanden sie Zugang zur Wiederaufbauarbeit in Frankreich. Dort bauten sie provisorische Häuser, halfen bei Landwirtschaftsarbeiten, transportierten Hilfsgüter und dienten Menschen, die in zerstörte Dörfer zurückkehrten. Ein zeitgenössischer Bericht nennt für Juni 1919 insgesamt 53 Mennoniten, die in Frankreich im Hilfsdienst standen.
Eine Konferenz auf kriegsverwüstetem Boden
Clermont-en-Argonne lag in einer Region, die während des Krieges schwer getroffen worden war. Die Hilfsarbeit wurde von Grange-le-Comte nahe Clermont aus organisiert; von dort aus wurden Material, Werkzeuge, Fahrzeuge und Arbeiter in die zerstörten Orte geschickt. Gerade diese Umgebung gab der Konferenz ihr besonderes Gewicht: Die jungen Männer sahen mit eigenen Augen, wohin Nationalismus, Krieg und Hass führen konnten.

An der Konferenz nahmen nach einer historischen Darstellung etwa sechzig junge Männer und zwei Frauen teil; viele stammten aus Ohio. Zu den wichtigen Organisatoren gehörten Jacob Conrad Meyer und Orie Benjamin Gerig. Auch Vertreter der älteren Gemeindeleitung, darunter Samuel E. Allgyer und Vernon Smucker, waren anwesend. Damit war die Zusammenkunft nicht nur ein Jugendtreffen, sondern auch ein ernstes Gespräch zwischen einer jüngeren Generation und Teilen der kirchlichen Leitung.
Kritik an Versäumnissen der Führung
Die jungen Mennoniten warfen der Gemeindeleitung nicht einfach mangelnden guten Willen vor. Es ging tiefer. Sie meinten, die Kirche habe ihre Jugend nicht genügend gelehrt, wie man in einer Zeit staatlicher Wehrpflicht treu zur Wehrlosigkeit stehen könne. Auch vermissten sie eine klare, vorausschauende Friedensarbeit und eine stärkere Sorge um junge Gemeindeglieder, die in Lagern, Gefängnissen oder Hilfsdiensten standen.
Dabei muss man gerecht bleiben: Die mennonitischen Gemeinden in Amerika hatten durchaus große Hilfsgelder gesammelt und Vertreter nach Frankreich gesandt, um die Arbeit zu prüfen und die Brüder zu ermutigen. Vernon Smucker berichtet, dass Samuel E. Allgyer und er im Juni 1919 im Auftrag der Mennonite Relief Commission und des American Friends Service Committee nach Clermont kamen, um die Arbeit der mennonitischen Brüder im Kriegsgebiet zu sehen und Grüße der Heimatgemeinde zu überbringen.
Die Gründung einer Bewegung
Am Ende der Konferenz entwarfen die Teilnehmer eine Verfassung und wählten ein Leitungskomitee. Daraus entstand die Bewegung, die später Young People’s Conference genannt wurde. Sie wollte die mennonitische Gemeinde nicht verlassen, sondern sie zu größerer Treue und Verantwortung rufen. Ihre Anliegen waren: bessere Friedenszeugnisse, stärkere Hilfs- und Wiederaufbauarbeit, christliche Bildung, mehr Zusammenarbeit zwischen Mennoniten und eine ernstere Beschäftigung mit den sozialen Nöten der Welt.
Orie Benjamin Gerig betonte auf der Konferenz, dass die christlichen Grundsätze, wie sie von der mennonitischen Gemeinde verstanden wurden, ausreichen müssten, um den Nöten der modernen Welt zu begegnen. Damit lag ein wichtiger Gedanke auf dem Tisch: Die alte Lehre von der Wehrlosigkeit sollte nicht nur als Verbot des Kriegsdienstes verstanden werden, sondern auch als tätiger Dienst an Leidenden.
Kurzer Aufbruch, bleibende Wirkung
Die Bewegung blieb nur wenige Jahre bestehen. Nach der Rückkehr nach Nordamerika wurden weitere Treffen organisiert, doch viele Gemeindeleiter begegneten dem jungen Kreis mit Misstrauen. Einige warfen ihm zu liberale oder unorthodoxe Gedanken vor. Bis 1924 war die Bewegung im Wesentlichen beendet.
Trotz ihres kurzen Bestehens wirkte die Konferenz von Clermont weiter. Viele Anliegen, die dort ausgesprochen wurden, fanden später ihren Platz im mennonitischen Dienst: klarere Friedenszeugnisse, organisierte Hilfsarbeit, bessere Vorbereitung von Kriegsdienstverweigerern und stärkere Zusammenarbeit über Gemeindegrenzen hinweg. Historiker sehen in Clermont auch eine geistige Vorstufe zur späteren Entstehung des Mennonite Central Committee, das 1920 gegründet wurde, um besonders notleidenden Mennoniten in Russland und später vielen anderen Menschen zu helfen.
Eine ernste Lehre für die Gemeinde
Die Konferenz von Clermont-en-Argonne erinnert daran, dass die Gemeinde Jesu ihre Jugend nicht erst im Ernstfall lehren darf. Wehrlosigkeit, Absonderung von der Welt und praktische Nächstenliebe müssen früh, klar und biblisch vermittelt werden. Wenn junge Menschen in Gewissensnot geraten, brauchen sie nicht nur allgemeine Worte, sondern geistliche Leitung, Vorbilder und eine Gemeinde, die hinter ihnen steht.
Zugleich mahnt diese Geschichte zur Vorsicht. Nicht jede Reformbewegung ist automatisch gesund, und nicht jede Kritik an älteren Brüdern ist geistlich reif. Aber die Fragen von 1919 waren nicht belanglos: Wie bleibt eine Gemeinde dem Friedensgebot Christi treu? Wie schützt sie ihre Jugend vor Anpassung an den Zeitgeist? Und wie zeigt sie der leidenden Welt tätige Liebe, ohne ihre biblische Absonderung zu verlieren?
Clermont-en-Argonne war darum mehr als ein Treffen junger Männer in Frankreich. Es war ein Ruf zur Prüfung: Die Gemeinde sollte Christus nicht nur im Bekenntnis folgen, sondern auch in Krieg, Leid, Hilfsdienst und Gemeindeleitung.
Quellen:
C. Henry Smith: The Mennonites: A Brief History of Their Origin and Later Development in Both Europe and America. Mennonite Book Concern, Berne, Indiana, 1920. Bildquelle: S. 294, „Group of Young American Mennonites in Reconstruction Work, France“ und „Clermont Hill, Meuse, France“.
Jason B. Kauffman: The Young People’s Conference Movement and the Church of the Future, Anabaptist Historians, 2018.
Gerlof D. Homan: Orie Benjamin Gerig: Mennonite rebel, peace activist, international civil servant, Goshen College Archive, 1999.
J. S. Hartzler: Mennonites in the World War; or, Nonresistance under Test, Kapitel über Hilfsarbeit in Frankreich.
GAMEO: Young People’s Conference und Reconstruction Work (France).




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