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18. März 1865: Die Landlosen der Molotschna legen ihren Vorschlag zur Landzuteilung vor

Ministeriums für Staatsdomänen in St. Petersburg
Ministeriums für Staatsdomänen in St. Petersburg

Am 18. März 1865 reichte die Landlosenkommission der mennonitischen Kolonie Molotschna im Gouvernement Taurien am Molotschna-Fluss ihren ausgearbeiteten Vorschlag zur Landverteilung beim Molotschnaer Bezirksamt und beim Landwirtschaftlichen Verein ein. Zugleich bat sie darum, das Original an den Wächterausschuss für ausländische Ansiedler weiterzuleiten, damit es dem Ministerium für Staatsdomänen vorgelegt werde. Damit erreichte der schon seit Jahren schwelende Konflikt um die Versorgung der landlosen Mennoniten einen wichtigen Höhepunkt.


Der Hintergrund war brisant. In der Molotschna hatte sich seit den ersten Ansiedlungsjahren die Zahl der Familien stark vermehrt, während die regulären Hofstellen nicht beliebig geteilt werden durften. So entstand eine große Schicht von Landlosen, oft als Anwohner bezeichnet: Menschen mit kleinem Hausplatz oder ganz ohne Ackerland, die als Handwerker, Tagelöhner oder Knechte leben mussten und in den bürgerlichen Gemeindeangelegenheiten kaum Mitspracherecht hatten. Um 1860 waren in der Molotschna bereits nahezu zwei Drittel der Familien landlos; im Januar 1865 wurden 1384 Landbesitzer, 2356 Landlose und 1063 Anwohner/Kötter gezählt. Gleichzeitig war noch erhebliche unbesiedelte Fläche vorhanden.


Karte der Molotschna Kolonie
Karte der Molotschna Kolonie

Im Januar 1865 war deshalb auf Anordnung der Obrigkeit eine gemischte Kommission aus Landbesitzern und Landlosen eingesetzt worden. Zur Debatte standen zwei Wege: Entweder sollte das noch verfügbare Land ohne Gründung neuer Dörfer an möglichst viele Landlose verteilt werden, oder man wollte nur einem kleineren Teil der Bedürftigen durch die Neuanlage von Dörfern mit je 32½ Dessjatinen pro Familie helfen. Nach dem Bericht der Landlosenvertreter entschieden sich sowohl die Bürgermeister als auch die gewählten Vertreter der Landlosen mehrheitlich für die erste Lösung, weil die Dorfgründung nur wenigen geholfen hätte.


Der am 18. März vorgelegte Plan zielte deshalb darauf, die noch freien Flächen den bestehenden Dörfern zuzuordnen und sie den landlosen Familien nutzbar zu machen. Außerdem verlangte die Kommission, die Belastungen auf Bauplätze gerechter zu ordnen, Gemeindeabgaben stärker nach tatsächlichem Landbesitz zu bemessen, die Landlosen zu den Gemeindeversammlungen zuzulassen und für die Zukunft einen gemeinschaftlichen Fonds zu schaffen, aus dem neue Landkäufe oder spätere Ansiedlungen unterstützt werden könnten. In der Schlussformulierung heißt es sinngemäß, auf diese Weise könne das „Kastensystem“ in den Kolonien überwunden und eine bessere Zukunft auch für die jüngeren Familien vorbereitet werden.


Doch der 18. März 1865 brachte noch keinen Sieg. Schon bald berichteten die Vertreter der Landlosen, dass ein Teil der Bauernvertreter jede allgemeine Verteilung ablehne und stattdessen nur die Gründung neuer Dörfer befürworte. Im Frühjahr wurde die Landlosenkommission schließlich wieder aufgelöst. Dennoch blieb ihr Vorstoß nicht folgenlos: Die Auseinandersetzung zwang die übergeordneten Behörden zum Eingreifen. 1866 wurde angeordnet, homestead-besitzende Kolonisten stärker an den Gemeindeangelegenheiten zu beteiligen und einen Teil des Reserve- und Überschusslandes an Landlose zu verteilen; bis 1869 waren nach späteren Darstellungen bereits rund 50.000 Acres an 1563 Familien vergeben worden.


Historisch ist der 18. März 1865 deshalb bedeutsam, weil an diesem Tag nicht einfach eine Bitte um etwas mehr Ackerland eingereicht wurde. Vielmehr traten die Landlosen der Molotschna als klar organisierte soziale Gruppe auf und verbanden die Landfrage mit Forderungen nach Gerechtigkeit, Mitbestimmung und Zukunftssicherung. Der Vorgang macht deutlich, dass die Geschichte der russlandmennonitischen Kolonien nicht nur eine Geschichte wirtschaftlichen Erfolgs war, sondern auch von tiefen inneren Spannungen zwischen Besitzenden und Besitzlosen geprägt wurde.


Quellen:

  • cortitza.org/molotschna

  • Franz Isaac, The Molotschna Mennonites (engl. Übersetzung des Werkes Die Molotschnaer Mennoniten), besonders die Abschnitte zur Landlosenkommission von 1865.

  • GAMEO: „Anwohner“ und „Agriculture among the Mennonites of Russia“.

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