18. Januar 1887: Die Gründung der mennonitischen Gemeinde in Berlin
- Redaktion

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Berlin wächst in den 1880er-Jahren rasant und wird zur Industriemetropole und zu einem wichtigen Verwaltungszentrum. Dadurch werden Fachkräfte, Kaufleute und Handwerker aus vielen Regionen angezogen. Unter denen, die in der großen Stadt Arbeit und Zukunft suchen, sind auch Mennoniten – Menschen aus einer Tradition, die seit der Reformationszeit für bewusste Gemeindezugehörigkeit, Glaubenstaufe und Gewaltlosigkeit steht. In diesen Tagen um den 17./18. Januar 1887 nimmt in Berlin eine eigene mennonitische Gemeinde feste Gestalt an.
Warum gerade Berlin?
Dass sich gerade in Berlin eine mennonitische Großstadtgemeinde bildet, hängt eng mit der politischen und sozialen Entwicklung der Stadt zusammen. Seit 1871 ist Berlin Hauptstadt des Deutschen Reiches – und damit Anziehungspunkt für Menschen aus allen Teilen Deutschlands. Für Mennoniten, die traditionell stark in bestimmten Regionen verwurzelt waren (etwa Westpreußen/Danzig oder Gemeinden am Niederrhein und in der Pfalz), bedeutete das: Wer nach Berlin zog, fand dort zwar Arbeit und neue Netzwerke, aber zunächst keine eigene mennonitische Struktur.

Eine Volkszählung erfasste 1885 bereits 138 Mennoniten in Berlin. Sie stammten laut mennonitischem Lexikon aus Westpreußen, Danzig, Norddeutschland, Krefeld und der Pfalz; beruflich spiegelten sie das urbane Milieu: Kaufleute, Handwerker, Ingenieure, Mediziner, Philologen – später auch Architekten, Fabrikanten und Künstler. Berlin war damit nicht einfach ein neuer Wohnort, sondern ein Experimentierfeld: Wie lebt man mennonitische Identität, wenn die Gemeinde nicht mehr ein Dorf oder ein zusammenhängendes Siedlungsgebiet ist, sondern eine weit verstreute Stadtgesellschaft?
Von der „Vereinigung“ zur Gemeinde
Die Berliner Mennoniten hielten zunächst oft Verbindung zu ihren Herkunftsgemeinden und wurden geistlich von dort her mitversorgt. Doch in den 1880er-Jahren reift ein neuer Impuls: In Deutschland entstehen stärkere überregionale Kontakte – u. a. im Umfeld der 1886 vorbereiteten Gründung einer „Vereinigung der Mennonitengemeinden im Deutschen Reich“. Diese Gespräche wirken wie ein Katalysator: Was andernorts bereits selbstverständlich ist – eine geordnete Gemeindestruktur –, wird in Berlin plötzlich dringend.
Nach der Darstellung des MennLex schließen sich die Berliner Mennoniten am 17. Januar 1887 zur. zu einer Gemeinde zusammen. Gleichzeitig berichten gemeindegeschichtliche Texte von einer weiteren Besprechung am Montagabend, dem 18. Januar, im Berliner City-Hotel – ein Hinweis darauf, dass die Gründung nicht nur ein einzelner Moment war, sondern ein Prozess aus Sitzungen, Entscheidungen und der praktischen Ordnung des künftigen Gemeindelebens. Wer also den 18. Januar 1887 als Gründungsdatum erinnert, verortet die Entstehung der Gemeinde in genau diesen konstituierenden Tagen, in denen sich das Vorhaben endgültig festigte.
Der neue Rahmen: Ordnung, Vorstand, Gottesdienst
Gründungen sind mehr als feierliche Worte – sie brauchen Regeln, Ämter und Orte. In Berlin orientierte man sich bewusst an vorhandenen Vorbildern: Die Satzung folgte (nach MennLex und GAMEO) im Wesentlichen dem Modell der Mennonitengemeinde in Danzig.
GAMEO nennt für das konstituierende Treffen am 17. Januar 1887 auch konkrete Namen: Willy Molenaar wurde als eine zentrale Figur gewählt; zum Vorstand gehörten außerdem Hermann Wiens, Rudolph Goerke, Gustav Woelcke und Isaak Brons. Damit hatte die junge Gemeinde sofort ein Leitungsgremium – wichtig in einer Stadt, in der man sich nicht „nebenbei“ sonntags im Dorfkirchlein trifft, sondern Wege, Zeiten, Räume, Finanzen und Kommunikation organisiert werden müssen.
Auch die Frage nach dem Versammlungsort war typisch großstädtisch: Die Gottesdienste fanden zunächst in Räumen des Christlichen Vereins Junger Männer (CVJM) statt, später in der Kirche der Herrnhuter Brüdergemeine. Prediger kamen anfangs häufig aus den Herkunftsgemeinden – ein Übergangsmodell, das zeigt, wie sehr Berlin noch auf das Netz der älteren Gemeinden angewiesen war und zugleich eine eigene Mitte bildete.
Eine Gemeinde in der Zerstreuung – und dennoch mit Wachstum
Die Berliner Mennonitengemeinde war von Beginn an eine „Stadtgemeinde“ im wörtlichen Sinn: nicht räumlich geschlossen, sondern über viele Bezirke verteilt. Gerade das machte die Gründung so bedeutsam. Sie gab den verstreut lebenden Mennoniten einen verbindlichen Rahmen: Taufunterricht, Taufen, Abendmahl, Gemeindeleitung, seelsorgerliche Begleitung und eine gemeinsame Stimme nach außen.

Dass dieses Modell tragfähig war, zeigt der Blick auf die Entwicklung: Aus 15 Gründungsmitgliedern wuchs die Gemeinde bis zum 25-jährigen Jubiläum 1912 auf 248 Gemeindemitglieder an (wobei für Berlin insgesamt deutlich mehr Personen mennonitischen Bekenntnisses gezählt wurden). Solche Zahlen stehen für mehr als Statistik: Sie erzählen von Ankommen, Integration – und dem Wunsch, den eigenen Glauben nicht im Privaten verschwinden zu lassen.
Bedeutung des 18. Januar 1887
Der 18. Januar 1887 markiert (im engen Zusammenhang mit dem Zusammenschluss am 17. Januar und den Folgesitzungen) den Moment, in dem Mennoniten in Berlin nicht mehr nur „Einzelne in der Stadt“ waren, sondern eine organisierte Gemeinde. In einer Epoche, in der Berlin religiös vielfältiger wurde und neue Freikirchen- und Vereinsstrukturen entstanden, war diese Gründung auch ein Signal: Mennoniten sind Teil der modernen Stadtgesellschaft – mit eigener Tradition, aber nicht als Randnotiz, sondern als lebendige Gemeinschaft.
Quellen:
MennLex (Mennonitisches Lexikon online): Artikel „Berlin“ (Entstehung, Zahlen 1885, Zusammenschluss 17. Januar 1887, frühe Versammlungsorte).
GAMEO (Global Anabaptist Mennonite Encyclopedia Online): „Berlin (Germany)“ (konstituierendes Treffen, Vorstandsmitglieder, Satzungsbezug).
Gemeindegeschichtlicher Hinweis auf eine Besprechung am 18. Januar (City-Hotel) im Kontext der Gründungsphase.
Wenn du möchtest, kann ich den Artikel auch als Kalenderblatt (kurz, pointiert, mit „Heute vor …“-Einstieg) oder als längere Hintergrundfassung mit einem Abschnitt zur Berliner Religionslandschaft der Gründerzeit ausarbeiten.




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