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16. März 1671: An Ketten von Thun nach Bergamo

Schloss Thun
Schloss Thun

Der 16. März 1671 gehört zu den düstersten Tagen der bernischen Täufergeschichte. An diesem Tag wurden sechs Täufer in Thun aneinandergekettet und auf den Weg nach Italien gebracht. Was hier sichtbar wurde, war nicht nur eine einzelne Strafaktion, sondern der Höhepunkt einer Politik, mit der die Berner Obrigkeit die täuferische Bewegung durch Haft, Verbannung, Güterentzug und Galeerenstrafen brechen wollte. Seit den 1650er Jahren hatte Bern die Repression deutlich verschärft; dazu gehörten Verhaftungen, lebenslange Verbannungen, Eigentumskonfiskationen und die Verurteilung körperlich tauglicher Männer zum Dienst auf den Galeeren.



Auslöser der Eskalation war die Zuspitzung der Täuferverfolgung im Jahr 1671. Nach zeitgenössischen Berichten und späteren mennonitischen Darstellungen wurden zwölf Täufer zu zwei Jahren Galeerendienst verurteilt. Am 16. März führte man sechs von ihnen, aneinandergefesselt, von Thun aus zunächst über den See und weiter über Interlaken und Brienz in Richtung Alpenpässe. Das Ziel war Bergamo, wo sie den venezianischen Behörden übergeben werden sollten, um auf venezianischen Galeeren Zwangsarbeit zu leisten. Ein mennonitisch-historischer Fachbeitrag hält fest, dass die Gefangenen unter Aufsicht nach Bergamo geschafft und dort dem venezianischen Proveditor „für zwey jähr lang“ übergeben wurden.


Bergamo im Mittelalter
Bergamo im Mittelalter

Gerade für die Täufer war diese Strafe von besonderer Härte. Sie lehnten den Eid, den Waffendienst und die enge Verbindung von Kirche und Staat ab; nun wurden sie ausgerechnet in den Dienst einer militärischen Seemacht gezwungen. Die Galeerenstrafe war im 17. Jahrhundert gefürchtet, weil sie schwerste körperliche Arbeit, Fesselung und meist entwürdigende Haftbedingungen bedeutete. Der Berner Rat setzte damit ein bewusst abschreckendes Zeichen: Wer im Land blieb und am täuferischen Glauben festhielt, sollte nicht nur bestraft, sondern öffentlich gebrochen werden.


Venezianische Galeeren die mit Rudersklaven angetrieben wurden
Venezianische Galeeren die mit Rudersklaven angetrieben wurden

Mit der Verschickung endete die Strafe jedoch nicht. Nach dem Mandat von 1670 sollten die Güter der Verschickten verkauft werden. Die Obrigkeit verfolgte damit erkennbar das Ziel, Täufer möglichst mittellos außer Landes zu drängen und ihren Besitz im Land zu halten; zahlreiche Höfe wurden in dieser Zeit konfisziert. So verband sich religiöse Verfolgung mit sozialer und wirtschaftlicher Vernichtung. Nicht nur die Personen wurden getroffen, sondern ganze Familien und Hofstellen.



Die Überlieferung berichtet, dass die Männer die zweijährige Galeerenstrafe überlebten. Für mindestens zwei der Betroffenen, Hans und Melchior Lötscher, ist dies auch ausdrücklich belegt: Nach vier Jahren Haft und der Verschickung auf die Galeeren tauchten sie 1673 wieder im Kanton Bern auf, um das väterliche Erbe anzutreten. Es wurde ihnen verweigert. Damit blieb die Rückkehr unvollständig: Die Männer kamen lebend zurück, ihre rechtliche und wirtschaftliche Existenz aber wurde ihnen nicht wiedergegeben.



Der Vorgang vom 16. März 1671 zeigt in bedrückender Klarheit, wie weit die bernische Obrigkeit in der Bekämpfung der Täufer ging. Aus friedlichen Glaubenszeugen wurden Staatsfeinde gemacht, aus Bauern und Familienvätern Galeerensklaven. Und doch erzählt die Geschichte nicht nur von Härte, sondern auch von Standhaftigkeit: Die Männer überlebten, kehrten zurück und machten damit sichtbar, dass selbst Ketten, Galeeren und Konfiskationen den täuferischen Glauben nicht auslöschen konnten.


Quellen:

  • YoungstarsWiki / „Die Jagd nach den Täufern“ – gute Überblicksdarstellung zur bernischen Täuferverfolgung; nennt ausdrücklich den 16. März 1671, die sechs aneinandergefesselten Täufer, den Weg über Thun, Interlaken und weiter nach Bergamo/Venedig sowie die Güterkonfiskation.

  • MennLex V, „Bern (Weltliche Obrigkeit und die Täufer)” – hilfreiche fachliche Einordnung zur Verschärfung der Verfolgung ab 1670/71, zur konsequenten Güterkonfiskation und zur großen Vertreibungswelle im Winter 1671/72.

  • GAMEO, „Bern (Switzerland)” – verlässlicher Überblick zur Situation der Täufer in Bern; belegt, dass 1671 körperlich taugliche Gefangene für die Galeeren vorgesehen waren und dass sechs Männer tatsächlich für zwei Jahre nach Italien auf die Galeeren gebracht wurden.

  • GAMEO, „Lötscher family” – wichtig für den Nachweis, dass Hans und Melchior Lötscher 1671 mit vier weiteren Täufern nach Venedig gebracht wurden, 1673 zurückkehrten und das väterliche Erbe nicht erhielten.

  • Swiss Mennonite Conference, „Bernese Anabaptist History: A Short Chronological Outline” – knappe chronologische Übersicht zur allgemeinen Repressionspolitik Berns, einschließlich Güterkonfiskation und Galeerenstrafen im weiteren Kontext der Täuferverfolgung.

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