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16. Januar 1525: Zürich im Bann der Tauffrage – Grebel, Manz und der Streit um die „rechte Taufe“

Züricher Rathaus
Züricher Rathaus

Der 16. Januar 1525 ist in Zürich ein Tag, an dem sich eine theologische Frage in eine städtische Zerreißprobe verwandelt. Die Taufe – scheinbar ein kirchliches Ritual – berührt in der Reformstadt plötzlich alles: Zugehörigkeit, Ordnung, Gewissen und die Frage, wer überhaupt „Kirche“ ist.


Vorgeschichte: Reformation mit Rückendeckung des Rates


Zürich hat die Reformation nicht nur gepredigt, sondern politisch organisiert. Seit den großen Disputationen zu Beginn der 1520er Jahre steht fest: Der Rat entscheidet den Kurs der Stadt und stützt die reformatorische Richtung Huldrych Zwinglis. Disputationen werden ein Instrument, um religiöse Fragen öffentlich zu klären – und anschließend verbindlich umzusetzen. Damit wird Glaubenspraxis in Zürich zur Sache der Obrigkeit.


Genau diese enge Verzahnung von Kirche und Stadt ist der Hintergrund für den Konflikt, der Mitte Januar 1525 eskaliert.


Die Gegenspieler: Aus Weggefährten werden Kritiker


Die späteren Wortführer der Taufkritik kommen nicht von außen, sondern aus dem Inneren der Zürcher Reformbewegung.


  • Konrad Grebel (Humanist, zunächst im reformatorischen Umfeld) entfernt sich ab 1523 zunehmend von Zwinglis Kurs.

Konrad Grebel
Konrad Grebel

  • Felix Manz (ebenfalls zunächst Zwingli nah) verfasst bereits 1524 eine Schrift gegen die Kindertaufe – ein Signal, dass sich die Debatte nicht mehr auf Randbemerkungen beschränkt, sondern in Grundsatzfragen mündet.

Felix Manz
Felix Manz

  • Hinzu kommen weitere Gestalten aus dem frühen Zürcher Umfeld, darunter Jörg Blaurock, der Anfang 1525 nach Zürich kommt, sowie Prediger wie Johannes Brötli.


Es ist kein „Fremdkörper“, der Zürich beunruhigt, sondern eine Bewegung aus dem eigenen reformatorischen Milieu.


Warum die Taufe plötzlich Politik ist


Im spätmittelalterlichen und frühneuzeitlichen Denken ist Taufe mehr als persönlicher Glaube: Sie markiert den Eintritt in die christliche Gemeinschaft – und in der Stadt Zürich bedeutet das zugleich: Eintritt in die soziale Ordnung.


Wer die Kindertaufe infrage stellt, berührt deshalb aus Sicht vieler Verantwortlicher nicht nur eine Lehrfrage, sondern das Fundament einer einheitlichen „christlichen Stadt“. Die Taufverweigerung wirkt wie ein Bruch mit dem Gemeinwesen: Wer gehört dazu? Wer darf religiöse Regeln festlegen – die Schrift, die Prediger, oder der Rat?


Der Kernstreit: Säuglingstaufe oder Taufe des Glaubens?


Am 16. Januar 1525 spitzt sich die Kontroverse inhaltlich auf zwei gegensätzliche Verständnisse zu:


1) Das täuferische Argument (Grebel/Manz-Kreis):

  • Im Neuen Testament, so ihre Überzeugung, gehe der Taufe der persönliche Glaube voraus.

  • Säuglinge könnten weder glauben noch bewusst antworten; deshalb sei die Kindertaufe biblisch nicht begründbar.

  • Taufe sei nicht „automatisch“ am Anfang des Lebens, sondern eine bewusste Entscheidung.


2) Das zwinglianisch-ratsnahe Argument:

  • Die Stadt brauche eine geordnete, gemeinsame Praxis.

  • Zwingli kann theologisch auf Kontinuität und Schriftdeutung setzen, während politisch klar ist: Eine einheitliche Taufpraxis stabilisiert die städtische Reformation.

  • Der Rat ist in der Zürcher Reformation nicht Zuschauer, sondern Träger der Umsetzung.


So steht am 16. Januar nicht nur die Frage „Wie taufen wir?“ im Raum, sondern auch: Wer bestimmt die Kirche – und wie weit reicht das Gewissen gegen staatliche Ordnung?


Der 16. Januar 1525 als Stimmungslage: „Alarmglocken“ in der Reformstadt


Gerade weil die Akteure keine Randfiguren sind, sondern aus dem Kern der Reform hervorgehen, wirkt die Tauffrage wie ein Stresstest für Zürich. In diesen Tagen wird deutlich:

  • Die Debatte ist nicht mehr intern, sondern erreicht Rat, Predigt und Öffentlichkeit.

  • Die Fronten verhärten sich: Für die einen ist die Kindertaufe ein unbiblischer Brauch, der fallen muss; für die anderen ist ihre Ablehnung ein gefährlicher Präzedenzfall.

  • Die Stadt steht unter Entscheidungsdruck: Wenn verschiedene Gruppen unterschiedliche „Kirchen“ leben, zerbricht das Modell der einheitlichen Volkskirche.


Der 16. Januar 1525 zeigt Zürich damit in einem Moment, in dem eine Reformbewegung ihre eigene Grenze erreicht: Aus „gemeinsam reformieren“ wird „grundsätzlich widersprechen“.


Historische Bedeutung dieses Tages


Warum lohnt es sich, genau auf diesen 16. Januar zu blicken?

Weil er den Punkt markiert, an dem ein theologischer Streit endgültig als Gewissenskonflikt sichtbar wird – und weil sich hier die Grundfrage der Täuferbewegung abzeichnet: Kirche als freiwillige Gemeinschaft Glaubender statt Kirche als „Ganzes der Stadt“.


Was in Zürich an diesem Tag spürbar wird, prägt die Reformationszeit weit über die Limmat hinaus: Die Bibel als Maßstab kann nicht nur vereinheitlichen – sie kann auch zu unterschiedlichen, konsequenten Wegen führen.


Der 16. Januar 1525 ist so ein Tag der Zuspitzung: Zürich ringt um die Taufe – und damit um das Wesen von Kirche, Freiheit und Ordnung. 


Quellen:

  • Historisches Lexikon der Schweiz (HLS): „Mantz, Felix“ – zu Manz’ Rolle im Zürcher Kreis und seiner frühen Kritik an der Kindertaufe (1524).

  • Historisches Lexikon der Schweiz (HLS): „Grebel, Konrad“ – zu Grebels Weg vom Zwingli-Schüler zum Radikalen und zur Zuspitzung der Konflikte.

  • Historisches Lexikon der Schweiz (HLS): „Täufer“ – Überblick über den Zürcher Ursprungskreis (Grebel, Manz, Blaurock u. a.) und den Charakter der Bewegung.

  • Historisches Lexikon der Schweiz (HLS): „Zwingli, Huldrych“ – zum Zürcher Reformationsprozess, Disputationen und der Rolle des Rates bei der offiziellen Anerkennung/Umsetzung.

  • GAMEO (Global Anabaptist Mennonite Encyclopedia Online): „Grebel, Conrad (ca. 1498–1526)“ – zur Entstehung der Taufkritik im Zürcher Umfeld (u. a. frühe Taufverweigerungen 1524) und Personen-Konstellationen.

  • GAMEO: „Manz, Felix (ca. 1498–1527)“ – zur Rolle von Manz im entstehenden Zürcher Täufertum (biografischer Überblick).


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