13. Oktober 1866: Das Wadsworth Institute wird eingeweiht

Am 13. Oktober 1866 wurde in Wadsworth im US-Bundesstaat Ohio eine neue mennonitische Bildungsanstalt eingeweiht. Ihr offizieller deutscher Name lautete „Christliche Bildungs-Anstalt der Mennoniten-Gemeinschaft“. Bekannt wurde sie vor allem als Wadsworth Institute oder Wadsworth Mennonite School. Für die einen war sie ein wichtiger Schritt zu besser ausgebildeten Predigern und Missionaren. Für konservative Mennoniten verkörperte sie dagegen Entwicklungen, vor denen sie eindringlich warnten.
Die Schule war aus der 1860 gegründeten General Conference Mennonite Church hervorgegangen. Bereits 1863 hatte die Konferenz die Errichtung einer eigenen Bildungsanstalt beschlossen. Junge Männer sollten dort vor allem in biblischen und theologischen Fächern ausgebildet werden. Der eigentliche Unterricht begann am 2. Januar 1868 zunächst mit 24 Schülern.
Ein neues Verständnis vom Predigtamt
Mit Wadsworth begann innerhalb dieser mennonitischen Richtung ein grundlegender Wandel. Traditionell wurden Prediger aus der eigenen Gemeinde berufen. Geeignete Brüder wurden vorgeschlagen und die endgültige Auswahl erfolgte vielfach durch das Los. Der Prediger hatte gewöhnlich keinen akademischen Abschluss und erhielt kein festes Gehalt, sondern übte daneben weiterhin seinen Beruf oder seine Landwirtschaft aus. Dieses Modell blieb gerade in konservativen Gemeinden noch lange erhalten.
Wadsworth schlug einen anderen Weg ein. Dort wurden Bibelkunde, Schriftauslegung, Glaubenslehre, Kirchengeschichte, Katechese und Predigtlehre systematisch unterrichtet. Die mennonitische Geschichtsschreibung bezeichnet die Schule ausdrücklich als Beginn des Übergangs vom Laienpredigtamt zum ausgebildeten Predigtamt innerhalb der General Conference.

Gerade hierin lag für traditionsbewusste Mennoniten ein ernstes Problem. Nach ihrem Verständnis sollte ein Prediger nicht deshalb zum geistlichen Dienst gelangen, weil er eine Schule besucht und sich dafür ausbilden lässt. Die Gemeinde sollte vielmehr aus ihrer eigenen Mitte Brüder berufen und darauf vertrauen, dass Gott durch die Gemeinde und die Loswahl seinen Willen zeigt. Auch die zunehmende Entwicklung zu hauptamtlichen und bezahlten Predigern wurde skeptisch gesehen.
John H. Oberholtzer als Symbol des neuen Weges
Die Vorbehalte wurden dadurch verstärkt, dass John H. Oberholtzer zu den wichtigsten Förderern der neuen Bildungsbewegung gehörte. Oberholtzer selbst war noch auf traditionelle Weise durch das Los zum Prediger bestimmt worden. Gleichzeitig trat er früh für Veränderungen ein, darunter bessere Bildung, Sonntagsschulen, Missionsarbeit und eine stärkere Organisation der Gemeinden.
Bereits 1847 war es in Pennsylvania zu einer schweren Auseinandersetzung gekommen. Oberholtzer wollte unter anderem eine schriftliche Verfassung für die Franconia Conference einführen. Gemeinsam mit weiteren Predigern wurde er schließlich von der Konferenz ausgeschlossen und beteiligte sich anschließend an der Bildung einer neuen Konferenz. Für konservative Mennoniten war sein Name deshalb eng mit der Frage verbunden, wie weit sich die Gemeinden von den überlieferten Ordnungen entfernen durften.
Das von ihm geförderte Wadsworth Institute konnte daher kaum als neutrale Schule betrachtet werden. Es stand für eine neue Vorstellung von Gemeindearbeit, Bildung und Predigtdienst.
Sorge vor Weltförmigkeit
Hinter der Ablehnung höherer Bildung stand nicht grundsätzlich eine Geringschätzung des Lernens. Die Bibel lesen zu können und Kindern eine gute Grundbildung zu vermitteln, war auch konservativen Mennoniten wichtig. Gefürchtet wurde vielmehr, dass akademische Bildung Hochmut und Anpassung an die Welt hervorbringen könne.
Diese Sorge war im amerikanischen Mennonitentum des 19. Jahrhunderts tatsächlich verbreitet. Mennonitische Autoren berichteten später, manche Gemeindeglieder hätten erlebt, dass junge Menschen durch höhere Bildung stolz geworden seien oder sich sogar vom überlieferten Glauben entfernt hätten. Demgegenüber galt der demütige, schlichte Christ als das anzustrebende Vorbild.

In Wadsworth begegneten die Schüler dagegen einer neuen Bildungswelt. Neben der theologischen Ausbildung wurden Deutsch, Englisch, Geographie, Mathematik, Naturlehre und Logik unterrichtet. Später kamen Erfahrungen mit Missionsarbeit, Sonntagsschule, musikalischen Formen und anderen neuen Methoden des Gemeindelebens hinzu.
Gerade das, was die Befürworter als Fortschritt betrachteten, konnte aus konservativer Sicht als Gefahr der Gleichstellung mit der Welt erscheinen.
Das Ende nach nur zehn Jahren
Die Schule konnte sich schließlich nicht dauerhaft halten. Innerhalb des Lehrkörpers entstanden Spannungen, zwischen den unterstützenden Gemeinden im Osten und Westen gab es Meinungsverschiedenheiten, die Schülerzahlen gingen zurück und erhebliche Schulden häuften sich an. 1876 betrug die Verschuldung mehr als 9.000 Dollar. Trotz verschiedener Rettungsversuche beschloss die General Conference 1878 die Schließung der theologischen Abteilung. Am 31. Dezember 1878 endete der eigentliche Schulbetrieb.
Die Befürworter betrachteten Wadsworth dennoch keineswegs als nutzloses Unternehmen. Mehr als 200 verschiedene Personen hatten die Schule besucht, zahlreiche spätere Prediger und Missionare waren dort ausgebildet worden. Für die General Conference wurde Wadsworth zum Vorläufer späterer mennonitischer Bildungseinrichtungen.
Aus konservativer Sicht ließ sich das kurze Bestehen jedoch ganz anders deuten. Die finanziellen Schwierigkeiten und inneren Streitigkeiten konnten als Bestätigung der Warnung verstanden werden, dass eine Gemeinde nicht auf akademische Bildung, menschliche Organisation und professionelle Strukturen vertrauen sollte, sondern auf die schlichte Nachfolge Christi und die geistliche Berufung innerhalb der Gemeinde. Dass eine solche Deutung unter traditionsbewussten Mennoniten nahelag, entspricht den damaligen tiefen Vorbehalten gegenüber höherer Bildung. Einen eindeutigen zeitgenössischen Beleg dafür, dass die Schließung von konservativen Gemeinden einheitlich ausdrücklich als „Gottesgericht“ bezeichnet wurde, gibt die bisher ausgewertete Quellenlage jedoch nicht her.
Teil einer größeren Auseinandersetzung
Wadsworth stand dabei nicht allein. In den 1860er und 1870er Jahren wurden unter nordamerikanischen Mennoniten immer mehr Neuerungen diskutiert: Sonntagsschulen, englischsprachige Predigten, Evangelisationsveranstaltungen, mehrstimmiger Gesang, Missionsgesellschaften und ausgebildete Prediger.
Gegen diese Entwicklung erhob sich Widerstand. Besonders deutlich wurde dies bei Bischof Jacob Wisler in Indiana. Er wandte sich gegen verschiedene Neuerungen, insbesondere die Einführung der Sonntagsschule. 1872 entstand daraus eine eigene Gemeinschaft, aus der sich die Wisler-Mennoniten beziehungsweise Old Order Mennonites entwickelten.
Es wäre zu weitgehend, die Entstehung der Old-Order-Mennoniten unmittelbar auf Wadsworth zurückzuführen. Doch die Schule war ein sichtbares Symbol derselben größeren Veränderung, gegen die Wisler und andere traditionsbewusste Mennoniten Widerstand leisteten. Während die eine Seite neue Einrichtungen schaffen wollte, um den christlichen Glauben wirkungsvoller weiterzugeben, fürchtete die andere Seite, dass gerade solche Neuerungen allmählich die überlieferte mennonitische Lebens- und Gemeindeordnung zerstören würden.
Zwei Wege werden sichtbar
So war die Einweihung des Wadsworth Institute im Oktober 1866 mehr als die Eröffnung einer Schule. An diesem Ereignis werden zwei unterschiedliche Vorstellungen vom zukünftigen Weg der Mennoniten sichtbar.
Die General Conference setzte zunehmend auf höhere Bildung, theologisch geschulte Prediger, Mission und organisierte Gemeindearbeit. Die konservativen Mennoniten hielten dem das traditionelle Modell entgegen: Prediger aus der eigenen Gemeinde, Berufung durch Gemeinde und Los, ein weitgehend unbezahltes Predigtamt, schlichte Bildung und eine bewusste Absonderung von weltlichen Entwicklungen.
Wadsworth bestand nur etwa zehn Jahre. Die dahinterstehende Auseinandersetzung blieb jedoch bestehen. Sie sollte das nordamerikanische Mennonitentum in den folgenden Jahrzehnten tief prägen und dazu beitragen, dass sich auf der einen Seite zunehmend modernere mennonitische Kirchen und auf der anderen Seite die bis heute bestehenden Old-Order-Gemeinschaften herausbildeten.
Quellen:
GAMEO – Global Anabaptist Mennonite Encyclopedia Online: „Wadsworth Mennonite School (Wadsworth, Ohio, USA)“, Geschichte, Unterricht und Schließung des Instituts.
J. Herbert Fretz, GAMEO: „John H. Oberholtzer (1809–1895)“, zu Oberholtzers Rolle bei der General Conference, der Predigerausbildung und Wadsworth. Gameo
John C. Wenger, GAMEO: „Wisler, Jacob (1808–1889)“ sowie „Old Order Mennonites“, zu den konservativen Konflikten und der Abspaltung von 1872. Gameo
Paul A. Shelly, Mennonite Life, Dezember 2002: Darstellung der Entstehung und Einweihung der Wadsworth-Schule, unter Einbeziehung zeitgenössischer Berichte von 1866/67. Bethel College MLA
Anabaptist Mennonite Biblical Seminary: „Our History“, Einordnung des Wadsworth Institute als Vorläufer späterer mennonitischer theologischer Ausbildungsstätten. Anabaptist Mennonite Biblical Seminary
Wichtige zeitgenössische Quelle: Abraham J. Moser, „Die Einweihung der mennonitischen Bildungs-Anstalt in Wadsworth, Ohio, am 13 und 14 October 1866“, Mennonitische Friedensbote, Januar 1867. Diese Quelle wird auch in der historischen Forschung zur Einweihung herangezogen.





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