top of page

13. Juli 1524 Fürstenpredigt Thomas Müntzers auf Schloss Allstedt

Burg und Schloss Allstedt
Burg und Schloss Allstedt

Ein dramatischer Aufruf zur göttlichen Gerechtigkeit vor fürstlicher Macht


Am 13. Juli 1524 ereignete sich auf Schloss Allstedt im sächsischen Herrschaftsgebiet ein außergewöhnlicher Akt religiöser und politischer Kühnheit: Der Theologe Thomas Müntzer hielt in der Schlosskapelle eine Predigt vor Kurfürst Johann dem Beständigen von Sachsen und dessen Sohn Johann Friedrich, dem späteren Kurfürsten.

Kurfürst Johann dem Beständigen von Sachsen und dessen Sohn Johann Friedrich
Kurfürst Johann dem Beständigen von Sachsen und dessen Sohn Johann Friedrich

Diese Predigt, später als „Allstedter Fürstenpredigt“ bekannt, war keine gewöhnliche Ansprache, sondern ein machtvoller Aufruf an die Landesherren, ihre weltliche Gewalt im Dienst der göttlichen Ordnung zu reformieren – oder sich dem Zorn Gottes zu stellen.


Ort und Anlass


Der Ort des Geschehens – Schloss Allstedt – war Müntzers Wirkungsstätte seit 1523. Als Prediger in der dortigen Schlosskirche hatte er bereits Einfluss auf Bevölkerung und Verwaltung genommen. Die Einladung oder zumindest die Zustimmung der Fürsten, der Predigt beizuwohnen, zeigt, dass man Müntzers Wirken durchaus ernst nahm, wenn auch mit wachsender Skepsis.

Schloss Allstedt
Schloss Allstedt

Die Predigt war Teil eines Gottesdienstes, den Müntzer eigenständig gestaltete und in deutscher Sprache hielt – damals eine Seltenheit. Der 13. Juli fiel auf einen Sonntag nach dem liturgischen Kalender, ein günstiger Tag für eine offizielle Predigt mit fürstlicher Beteiligung.


Der Predigttext: Daniel 2


Müntzers Predigt stützte sich auf Daniel Kapitel 2, die alttestamentarische Erzählung vom Traum des babylonischen Königs Nebukadnezar. Dieser Traum handelt von einer Statue mit einem Haupt aus Gold, Brust aus Silber, Bauch aus Erz, Beinen aus Eisen und Füßen aus Ton und Eisen – symbolisch für aufeinanderfolgende Weltreiche, die durch einen Stein ohne Menschenhand zerstört werden. Müntzer deutete dieses Bild apokalyptisch: Der Stein stehe für das Reich Gottes, das alle ungerechten, gottlosen Herrschaften hinwegfegen werde.


Inhaltliche Zuspitzung


Müntzer interpretierte die Gegenwart als Endzeit. In diesem Rahmen forderte er von den Fürsten eine klare Entscheidung: Sie sollten sich dem göttlichen Willen unterwerfen und als Werkzeuge Gottes handeln – indem sie Unrecht, soziale Ungleichheit und gottlose Zustände bekämpften. Seine Worte waren dabei nicht bittend, sondern drohend:


„Der Fürst, der nicht Recht richtet, ist nichts anderes als ein Raubtier, das seine Untertanen frisst.“


Er kritisierte die bestehende Ordnung als sündhaft und verwies darauf, dass die Schrift nicht allein ausreiche, wenn der Geist Gottes nicht wirke. Diese Verbindung von Schrift, Geist und politischer Handlungspflicht war neuartig und verstörend – insbesondere, da Müntzer implizit auch die sächsischen Fürsten zur Rechenschaft zog.


Die Reaktion der Fürsten


Über die unmittelbare Reaktion der Fürsten gibt es keine direkte Quelle, doch aus späteren Berichten geht hervor, dass sie Müntzers Auftritt mit großer Vorsicht betrachteten. Kurfürst Johann war selbst Anhänger der Reformation, aber in einem deutlich konservativeren Sinne als Müntzer. Dass sich ein Prediger anmaßte, den Herrscher in prophetischem Ton zur Umkehr zu rufen, war ein Affront.


Ein späterer Bericht aus kursächsischen Kreisen spricht davon, dass Müntzer „stürmisch“ und „ungebärdig“ gepredigt habe – ein Hinweis auf den Eindruck, den sein Auftritt hinterließ: kompromisslos, bedrohlich, unkontrollierbar.


Bedeutung des Ereignisses


Die Fürstenpredigt war ein einmaliger Vorgang: Ein theologischer Außenseiter rief die höchste sächsische Autorität offen zur politischen Umkehr auf – im Namen Gottes. Müntzer verband dabei biblische Prophetie mit gesellschaftlicher Forderung, ganz im Sinne seines Verständnisses einer lebendigen, kämpfenden Kirche. Es war eine Predigt, die mehr an die Propheten des Alten Testaments erinnerte als an die Predigttradition der Reformation.


Das Ereignis markierte eine Eskalationsstufe. Müntzer hatte seine Botschaft an die Fürsten selbst gerichtet – und keine Reaktion erhalten. Die Predigt wurde nicht gehört, sondern als Bedrohung wahrgenommen. Wenige Wochen später begann sich die politische Lage für Müntzer zu verschärfen.


Fazit


Die Fürstenpredigt vom 13. Juli 1524 auf Schloss Allstedt war ein einzigartiges Ereignis der Reformationsgeschichte. Sie verband prophetische Rhetorik mit politischer Anklage und war Ausdruck einer radikalen Theologie, die sich nicht mit innerkirchlicher Reform zufriedengab. Thomas Müntzer appellierte an die Fürsten, Teil der göttlichen Erneuerung zu werden – oder deren Opfer.


Diese Predigt bleibt als Mahnrede überliefert, in der sich religiöser Furor, soziale Kritik und politischer Anspruch zu einem explosiven Gemisch verbanden. Sie gehört zu den eindrucksvollsten Dokumenten der revolutionären Seite der Reformation.

 

Quellen und Literatur:

  • Thomas Müntzer: Auslegung des zweiten Kapitels Daniels (Textgrundlage der Fürstenpredigt)

  • Hans-Jürgen Goertz: Thomas Müntzer. Revolutionär am Ende der Zeiten

  • Götz Trenkler (Hrsg.): Thomas Müntzer. Schriften und Briefe

  • Ernst Bloch: Thomas Müntzer als Theologe der Revolution

Kommentare


Mit dieser Internetseite möchten wir den internationalen Erfahrungsaustausch und die gegenseitige Unterstützung über Ländergrenzen hinweg fördern.

Wir laden alle Besucher herzlich ein, Feedback zu geben, Korrekturen vorzuschlagen oder eigene Beiträge einzureichen.

Bei Fragen, Kommentaren oder Anregungen können Sie uns gerne kontaktieren.


WhatsApp:
00598 98072033
Uruguay-98072033


info@mennoniten-weltweit.info

WhatsApp.webp
telegram-icon-6896828_640.png
Mennoniten: Arbeite und hoffe
bottom of page