08. Januar 1917 – Mennoniten in Ottawa: Zusicherung der Wehrdienst-Freiheit
- Redaktion

- 8. Jan.
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Der 8. Januar 1917 war für viele mennonitische Familien in Westkanada ein Tag der Anspannung – und zugleich der Erleichterung. Mitten im Ersten Weltkrieg verschärfte sich in Kanada die Debatte, wie genügend Soldaten für die Front gewonnen werden könnten. Zwar war die allgemeine Wehrpflicht (der „Military Service Act“) erst Monate später beschlossen, doch schon Anfang 1917 spürten viele Gemeinschaften, dass staatliche Registrierung und „National Service“-Maßnahmen als Vorstufe zu einem möglichen Zwangsdienst verstanden werden konnten.
Warum eine Delegation nach Ottawa reiste
Die Mennoniten waren als Friedenskirche geprägt von der Überzeugung, keinen Waffendienst zu leisten. Als sie in den 1870er-Jahren in größerer Zahl nach Kanada einwanderten, war die Befreiung vom Militärdienst ein zentraler Bestandteil der staatlichen Zusagen, die ihre Ansiedlung überhaupt erst möglich machten. Diese Zusicherungen wurden in zeitgenössischen Dokumenten ausdrücklich formuliert und später immer wieder als „Vertragstreue“ eingefordert.
Als 1917 die Nationalregistrierung und die Tätigkeit des National Service Board (dessen Leitung R. B. Bennett innehatte) Unruhe auslösten, entschlossen sich führende Mennoniten, die Lage direkt in der Hauptstadt zu klären.
Die Delegierten und die Gesprächspartner
Nach überlieferten Angaben reiste eine mennonitische Delegation nach Ottawa, um die Frage des Wehrdienstes und der rechtlich zugesicherten Ausnahmen verbindlich zu klären. In Quellen erscheinen u. a. Abraham Doerksen (Dörksen), Heinrich Doerksen, David Toews (deutsch oft als „Töws“ wiedergegeben), Benjamin Ewert und Klaas/Klaus Peters.

Am 08. Januar 1917 kam es in Ottawa zum Gespräch mit kanadischen Regierungsvertretern, darunter der Minister Robert Rogers sowie Colonel Hugh Clark (als hoher Beamter für „Internal Affairs“ genannt), und mit R. B. Bennett, der die staatlichen „National Service“-Belange leitete.
Was die Delegation erreichen wollte
Im Kern ging es um zwei Sorgen:
Bleibt die historische Zusage der Wehrdienst-Freiheit gültig – auch im Krieg?
Was bedeutet die staatliche Registrierung („National Service Cards“) – dient sie nur der Arbeits- und Ressourcenplanung oder ist sie ein Schritt Richtung Einziehung?
Die Delegierten baten deshalb um eine klare, schriftliche Bestätigung, damit ihre Gemeinden nicht von Gerüchten, lokalen Übergriffen oder widersprüchlichen Auskünften abhängig wären.

Bennetts schriftliche Zusicherung – der Kern des 8. Januar
Entscheidend war, dass Bennett noch am selben Tag die beim Gespräch mündlich gegebenen Zusagen schriftlich bestätigte. In dieser Bestätigung hielt er mehrere Punkte fest, die die Mennoniten als Schutz und zugleich als Handlungsauftrag verstanden:
Kanada erkenne die Verpflichtungen aus den Ansiedlungs-Zusagen an und werde die darin garantierte Freiheit vom Militärdienst „so weit wie möglich“ respektieren.
Die Mennoniten sollten die National Service Cards korrekt ausfüllen und deutlich als „Mennonite“ kennzeichnen – gerade damit der Staat erfasse, welche Männer aus Glaubensgründen nicht für militärische, wohl aber für landwirtschaftliche und industrielle Arbeit verfügbar seien.
Bennett betonte ausdrücklich den erwarteten Beitrag der Mennoniten zur Kriegszeit: Nahrungsmittelproduktion und Arbeit seien ein wesentlicher Dienst am Gemeinwesen, weil Armeen ohne Versorgung nicht bestehen könnten.
Für den Fall, dass einzelne Mennoniten bereits aus Unsicherheit oder Druck freiwillig in Einheiten geraten waren, skizzierte Bennett einen Weg, wie eine Entlassung beantragt werden könne – und stellte zugleich klar, dass Freiwilligkeit rechtlich möglich bleibe, ohne die Grundregel der Ausnahme aufzuheben.
Damit lag den Gemeinden ein seltener, hochrangiger Text vor, der zugleich Rechte bestätigte und Pflichten benannte: Loyalität ja – aber auf eine Weise, die mit dem mennonitischen Gewissen vereinbar sein sollte.

Bedeutung des Treffens
Rückblickend ist der 8. Januar 1917 ein markanter Moment kanadisch-mennonitischer Geschichte: Er zeigt, wie eine Minderheit in einer Krisenzeit nicht durch Konfrontation, sondern durch Delegation, Petition und Verhandlung um rechtliche Sicherheit rang. Dass Bennett die Zusagen schriftlich fixierte, machte das Dokument zu einem wichtigen Bezugspunkt in späteren Diskussionen um Registrierung, Ausnahmen und den Status mennonitischer Kriegsdienstverweigerer – gerade als die Wehrpflichtfrage 1917/18 weiter eskalierte.
Quellenliste
R. B. Bennett (Director General, National Service): Letter … to Representatives of Mennonite Settlers in Western Canada, 8. Januar 1917 (Scan/Abdruck; Originalnachweis: MHC 544–46).
University of Waterloo / Conrad Grebel University College: Mennonites in Canada – Quellen-/Hinweisapparat mit Einträgen zur „Petition … January 8, 1917“ und zum Bennett-Brief vom 8. Jan. 1917.
Canadian Mennonite University Press (CMU): Bergthaler Mennonite Church of Saskatchewan (PDF) – nennt das Ottawa-Treffen am 8. Jan. 1917 zur Klärung des Status/Wehrdienstes und Bennett als Ansprechpartner.
Mennonite Heritage Archives (MHA): Abraham Doerksen fonds (biogr. Angaben; Hinweis auf Verhandlungen zur Militär-/Wehrdienstfrage im 1. WK).
GAMEO (Global Anabaptist Mennonite Encyclopedia Online): Toews, David (1870–1947) (Biografie).
Manitoba Historical Society: Memorable Manitobans: David Toews (1870–1947) (Biografie/Einordnung).
Roots & Branches (Mennonite Historical Society of B.C.), RB 23-3 (2017): Artikelpassagen zur Ottawa-Delegation inkl. Heinrich Dörksen als Delegiertem (Kontext/Einordnung).
Mennonite Historical Society of Saskatchewan: Klaas Peters (1855–1932) (Biografischer Überblick; Kontext zu Peters als Vertreter/Chronist).
Scan des Bennett-Briefs (8. Jan. 1917): Alternative Service – „Letter from R.B. Bennett …“ (mit Originalnachweis MHC 544–46).
Exemptions-/Bescheinigungskarten (Mai 1918), ausgestellt von Bischof Abraham Doerksen: Wartime Canada – „Mennonites and conscription“.
Porträt/Foto David Toews (Metadaten + Vorschaubild): MAID/Mennonite Heritage Archives – „David Toews passport photo“ (1941).
Porträt/Foto David Toews (Metadaten + Vorschaubild): MAID/Mennonite Heritage Archives – „David Toews“ (1935).
Parliament Building, Ottawa (historisches Foto/Abzug): Library of Congress – „Parliament Building, Ottawa, Canada“.




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