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08. Januar 1531: „Sich von Unreinheiten trennen“ – der Wintertag, an dem der hutterische Weg Gestalt annimmt

Darstellung einer hutterischen Familie
Darstellung einer hutterischen Familie

Anfang 1531 ist Mähren (heute: Tschechien) für viele Täufer mehr als nur ein Zufluchtsort. In einer Zeit, in der „Wiedertaufe“ im Heiligen Römischen Reich als Kapitalverbrechen gilt, bieten einzelne mährische Grundherren zeitweise Schutzräume – nicht aus religiöser Gleichgültigkeit, sondern weil politische Interessen, lokale Autonomien und reformatorische Sympathien zusammenspielen.

In diese Nischen fliehen Täufer aus der Schweiz, aus Süddeutschland und aus Tirol. Sie bringen nicht nur die Taufe auf das persönliche Glaubensbekenntnis mit, sondern auch die Frage: Wie sieht eine Gemeinde aus, die wirklich „nach dem Evangelium“ lebt – sichtbar, verbindlich und getrennt von allem, was man als „weltlich“ und „unrein“ empfindet?


Austerlitz als Experimentierfeld der Täufergemeinden


Austerlitz (heute Slavkov u Brna, bekannt auch durch die napoleonische Schlacht von 1805) wird in den späten 1520er Jahren zu einem wichtigen Ort täuferischer Gemeindebildung. Quellen belegen, dass sich dort bereits 1528 eine größere Gruppe niederließ, die sich als nicht-widerständig verstand und Formen gemeinschaftlichen Lebens erprobte – inklusive gemeinsamer Versorgung und strengerer Gemeinderegeln. Auch Flüchtlingsgruppen aus Tirol und aus Böhmen stießen hinzu. In Austerlitz existierten zeitweise sogar mehrere „Versammlungsorte“ bzw. Teilgruppen nebeneinander – ein Hinweis darauf, wie dynamisch, aber auch konfliktanfällig dieses Gemeindemilieu war.


Schloss Austerlitz
Schloss Austerlitz

Gerade weil die Täufer nicht einfach „eine“ Organisation waren, sondern ein Netzwerk von Gemeinden und Predigern, entstanden schnell unterschiedliche Akzente: Wie streng muss Gemeindezucht sein? Wie konsequent die Trennung von der Umwelt? Welche Rolle spielen Besitz, Arbeit, Familienbindungen? Und wie geht man mit Versagen um – ganz konkret mit Geld, Eigentum oder „zu lockerer“ Lebensführung?


Der 8. Januar 1531: Absonderung als sichtbarer Schritt


Am 8. Januar 1531 kommt es in diesem Umfeld zu einem markanten Bruch. Zeitgenössische Hinweise sprechen von einer Abspaltung aus Austerlitz: Eine Gruppe um Wilhelm Reublin und Jörg (Georg) Zaunring löst sich von den übrigen Geschwistern und zieht nach Auspitz (heute Hustopeče in Südmähren). Die Größenangaben schwanken – in der Überlieferung ist von etwa 150 Personen die Rede, in einem Brief Reublins sogar von deutlich mehr –, aber die Richtung ist klar: Man will nicht nur diskutieren, sondern durch Trennung eine „reinere“ Gemeindeform herstellen.


Dass dieser Schritt später mit der Formulierung beschrieben wird, man habe „den Staub von den Füßen geschüttelt“ (ein biblisches Bild aus den Evangelien), zeigt den theologischen Ernst dahinter: Die Absonderung wird nicht als Spaltung aus Stolz verstanden, sondern als notwendiger Akt der Treue – als Abkehr von „Unreinheiten“, also von allem, was man als geistliche Halbheit, Kompromiss, Besitzfixierung oder mangelnde Disziplin wertet.


Warum „Unreinheiten“ so zentral waren


Wenn Quellen aus diesem Umfeld von „Unreinheit“ sprechen, ist damit meist kein einzelner Skandal gemeint, sondern ein ganzer Komplex:

  • Gemeindezucht und Verbindlichkeit: Wer zur Gemeinde gehört, soll sichtbar anders leben – nicht nur glauben.

  • Trennung von der „Welt“: Möglichst wenig Verstrickung in Eidwesen, Militärpflicht, Gewalt, obrigkeitliche Zwänge.

  • Umgang mit Besitz: Die Frage, ob „Gemeinschaft der Güter“ nur freiwillige Hilfe ist oder ein verbindliches Zeichen der wahren Gemeinde (Apg 2 und 4 als Leittexte).


Gerade die Gütergemeinschaft wird für den späteren hutterischen Weg zum Kennzeichen: nicht als romantisches Ideal, sondern als soziale Theologie – als Versuch, das Evangelium ökonomisch und praktisch abzubilden.


Von „Austerlitzer Brüdern“ zu „Hutterischen Brüdern“


Wichtig ist: 1531 heißen diese Gruppen noch nicht eindeutig „Hutterer“. Bezeichnungen in der Frühzeit sind oft nach Orten oder Leitfiguren geprägt („Austerlitz“, „Auspitz“, verschiedene Predigergruppen). Doch die Entwicklungslinie ist erkennbar: Aus dem Austerlitz/Auspitz-Milieu der frühen 1530er Jahre entsteht jene Tradition, die später nach Jakob Hutter benannt wird. Hutter stößt in den frühen 1530ern in Mähren in dieses Umfeld, wird später zu einer prägenden Leitfigur und erleidet 1536 den Märtyrertod – was die Namensbildung zusätzlich verfestigt.


Der 8. Januar 1531 markiert deshalb weniger „die Gründung an einem einzigen Ort“ als einen entscheidenden Formierungsmoment: Aus einem vielfältigen Täufer-Flüchtlingsmilieu kristallisiert sich eine Richtung heraus, die Reinheit/Disziplin, Friedfertigkeit und gemeinschaftliches Wirtschaften besonders konsequent verbindet. Genau diese Kombination macht später die Hutterischen Brüder unverwechselbar.


Bedeutung des Tages


Für die täuferische Geschichte ist dieser Wintertag ein Lehrstück darüber, wie „Gemeinde“ im 16. Jahrhundert verstanden wurde: nicht als unsichtbare Spiritualität, sondern als konkrete Lebensform. Die Trennung von „Unreinheiten“ ist dabei schmerzhaft und riskant (denn kleinere Gruppen sind leichter zu verfolgen), aber sie setzt auch Energie frei: klare Regeln, gemeinsamer Alltag, missionarische Ausstrahlung – und eine Tradition, die trotz Verfolgung über Jahrhunderte weiterlebt.


Quellen:

·     Historical topography of Moravian Anabaptism (Archive.org Volltext) – Angaben zu Austerlitz, Auspitz und der Abspaltung vom 8. Januar 1531.

·     GAMEO (Global Anabaptist Mennonite Encyclopedia Online), Eintrag zu Wilhelm Reublin – Hinweis auf den 8. Januar 1531 und die Absonderung („shook the dust off their feet“).

·     Hutterites.org – Hintergrund zur Entstehung der Gütergemeinschaft und Austerlitz als frühem Zentrum.

·     Encyclopaedia Britannica, „Hutterites“ – Einordnung: Moravia als Zuflucht, Gütergemeinschaft (Apg 2/4), Jakob Hutters Tod 1536.

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