06. Februar 1714: Ein Brief, der den Atlantik im Blick hat
- Redaktion

- vor 3 Tagen
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Der 6. Februar 1714 steht in der mennonitischen Erinnerung nicht für eine Schlacht oder einen politischen Vertrag, sondern für einen Bericht an Glaubensgeschwister – und damit für etwas, das im 18. Jahrhundert überlebenswichtig war: verlässliche Information. In den heute gut zugänglichen Nachschlagewerken wird dieses Datum mit einem Schreiben des schweizerischen Täuferleiters Benedikt Brechbill an die Mennoniten in Niederlande verbunden. Darin schilderte er, dass die Lage der mennonitischen Familien in der Pfalz „elend“ bzw. „geplagt“ sei – als Folge von Krieg und Not. Und genau diese Art Nachricht konnte in den Gemeinden den Gedanken stärken, dass Auswanderung nach Nordamerika mehr war als ein Gerücht: eine reale, diskutierbare Option.
Wer war der Berichterstatter – und warum schrieb er nach Holland?
Benedikt Brechbill stammte aus Trachselwald im Kanton Bern und gehörte zu den prägenden Köpfen der schweizerischen Täufer, die zwischen Duldung, Verfolgung, Haft und Vertreibung lebten. Seine Biographie zeigt, wie stark die mennonitische Welt damals vernetzt war: Er war mehrfach verfolgt, wurde 1710 sogar zwangsweise „nach Amerika“ deportiert, aber in Nijmegen freigelassen und fand seinen Weg zurück nach Südwestdeutschland. Schließlich wirkte er als Ältester in Mannheim – und schrieb immer wieder nach „Holland“, um um Hilfe zu bitten und die Lage zu dokumentieren.
Warum gerade die Niederlande? Weil dort – besonders in Handels- und Hafenstädten wie Amsterdam – eine wohlhabende und organisatorisch starke mennonitische Infrastruktur bestand, die Unterstützung, Reisegeld und Schutz-Netzwerke mobilisieren konnte. Brechbill reiste selbst (mit Begleitern) auf Einladung dorthin, beantwortete Fragen zu den Zuständen in der Schweiz und stand damit gewissermaßen als „Auskunftsperson“ zwischen verfolgten Gemeinden und helfenden Gemeinden.
Was stand 1714 auf dem Spiel?
Der Brief vom 6. Februar 1714 fällt in eine Zeit, in der viele Regionen Mitteleuropas unter den Nachwirkungen der großen Kriegs- und Konfessionskonflikte litten. Brechbill berichtet, die Verhältnisse in der Pfalz seien infolge des Krieges „wretched“ – also unerquicklich, arm, unsicher. Das ist nicht bloß Klage, sondern eine Lagebeschreibung mit Konsequenzen: Wenn Zukunft im Heimatgebiet kaum planbar ist, wird die Frage nach Alternativen drängend.
Für niederländische Mennoniten hatte ein solcher Bericht zwei Bedeutungen:
Hilfsentscheidung: Wo ist Not am größten, wo ist Unterstützung am wirksamsten?
Migrationsentscheidung: Welche Wege sind realistisch – und welche Risiken sind vertretbar?
Genau hier bekommt „Amerika“ Gewicht. Brechbill selbst formuliert (in der heutigen Darstellung) den Zusammenhang so, dass sein Brief die Idee der Auswanderung nach Amerika nahegelegt bzw. befördert haben könnte.
„Amerika“ als mennonitischer Erfahrungsraum: Was wussten niederländische Gemeinden?
Wichtig ist: 1714 war Nordamerika für Mennoniten kein unbeschriebenes Blatt. Schon seit 1683 lebten in der Region um Philadelphia niederländischsprachige mennonitische Familien (u.a. aus dem niederrheinischen Raum), die sich im Gebiet des späteren Germantown ansiedelten.
Dort entstanden frühe Formen mennonitischen Gemeindelebens; die erste mennonitische Versammlungshaus-Tradition in der Gegend wird für das frühe 18. Jahrhundert beschrieben (u.a. wird ein erster Bau um 1708 genannt).

Und: Der Informationsfluss lief tatsächlich über Sprach- und Gemeindebrücken. In Berichten zur Frühzeit heißt es ausdrücklich, dass Briefe aus Germantown nach Holland in niederländischer Sprache geschrieben wurden – ein Hinweis darauf, dass niederländische Mennoniten nicht nur Geldgeber, sondern auch Kommunikationspartner waren.
Damit wird plausibel, was ein „Bericht nach Holland“ 1714 leisten konnte: Er knüpfte an eine bereits bestehende transatlantische Gesprächslinie an.
Hilfe, Geld und Vertrauen: Die niederländische Unterstützung
Dass niederländische Mennoniten im 18. Jahrhundert Auswanderung nach Pennsylvania mitfinanzierten, ist auch in neueren Darstellungen der mennonitischen Erinnerungskultur deutlich: Viele Familien hätten nicht „aus eigener Kraft“ den Sprung geschafft, sondern mit Hilfe niederländischer Glaubensgeschwister.

Bei Brechbill wird dieses Hilfssystem sehr konkret: Später, als 1717 eine größere Gruppe pfälzisch-schweizerischer Mennoniten auswanderte, erhielt er vom Dutch Committee for Foreign Needs eine große Summe (4.000 Gulden), die unter den Auswanderern verteilt werden sollte. Die Briefe dazu liegen laut Darstellung in Amsterdamer Archivbeständen.
Auch wenn der 6. Februar 1714 selbst noch vor dieser großen Auswanderungswelle liegt, zeigt das Datum den Moment, in dem Notstand + Netzwerk zusammenkommen: Ein Mann mit Erfahrung, Glaubwürdigkeit und Kontaktwegen liefert den niederländischen Gemeinden die Grundlage, um Hilfe und Perspektiven zu organisieren.
Was könnte ein „Amerika-Bericht“ 1714 umfasst haben?
Selbst wenn Brechbills Brief (in der überlieferten Kurzbeschreibung) vor allem die Not in der Pfalz betont, steht er in einem Erwartungshorizont, in dem „Amerika“ bereits als Möglichkeit präsent war. Typische Punkte, die in mennonitischen Auswanderungs- und Unterstützungsbriefen dieser Zeit eine Rolle spielten, waren:
Religionspraxis: Kann man Versammlungen halten, Prediger einsetzen, Kinder im Glauben erziehen?
Land und Arbeit: Gibt es Land zu erwerben, ist Landwirtschaft tragfähig, findet Handwerk Absatz?
Gemeindestruktur: Gibt es bereits mennonitische Kerne (wie im Raum Germantown/Philadelphia) und verlässliche Ansprechpartner?
Reiserisiken: Kosten, Schiffspassage, Krankheit, Ungewissheit im ersten Jahr.

Gerade der Hinweis, dass Germantown lange eine „niederländische Tasche“ (Dutch-language pocket) blieb und Kontakte zu niederländischen Mennoniten über Generationen gepflegt wurden, erklärt, warum „Holland“ als Adressat solcher Berichte sinnvoll war: Dort saß ein Publikum, das die Lage verstand – und reagieren konnte.
Ausblick: Vom Brief 1714 zur Migration 1717
Im Rückblick wirkt der 6. Februar 1714 wie ein Scharnierdatum: noch kein Aufbruch, aber ein Schritt, der Aufbruch denkbar macht. Drei Jahre später erscheint Brechbill als Leiter einer größeren Auswanderungsbewegung: Abfahrt über Rotterdam, Ankunft in Philadelphia (24. August 1717) – und danach Aufbauarbeit in Lancaster County, wo er geistlich und organisatorisch half, „im Neuland“ anzukommen.
So zeigt dieses Datum in einem Satz, was mennonitische Geschichte oft ausmacht: Nicht nur Wanderung, sondern begleitete Wanderung – durch Briefe, Vertrauen, Hilfsgelder, Kontakte und konkrete Fürsprache.
Quellen und Hinweise
Global Anabaptist Mennonite Encyclopedia Online (GAMEO): Artikel zu Benedikt Brechbill (enthält die Datumsangabe 6. Feb. 1714 und den Kontext der Holland-Korrespondenz).
Philadelphia Encyclopedia: Überblick „Mennonites“ (u.a. frühe Meetinghouse-Tradition in Germantown).
Germantown Mennonite Church – History-Seite (Ankunft 1683, niederländischsprachige Familien, frühe Gemeindebildung).
Anabaptist World: Hinweis auf niederländische finanzielle Unterstützung früher Immigration nach Pennsylvania.
GAMEO: „Germantown Mennonite Settlement“ (niederländische Prägung und länger anhaltende Verbindungen).




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